Bildungsklau

Eine Katze, die einen Kanarienvogel gefressen hat, kann darum noch nicht singen.
Sprichwort


Als wir die Spickzettel des „StudentInnenRates“ der Universität Leipzig lasen, welche für StudentInnenproteste den Demonstranten zur Verfügung gestellt wurden – denn zwischen Schillers „Handschuh“ und dem Satz des Pythagoras ist sicherlich kein Platz mehr im Kopf -, waren wir zutiefst erschüttert über die ernsthaften Anliegen der StudierendInnen.

Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“ Der Spruch könnte implizieren, daß seine Rufer einstmals Bildung besessen haben. Wer hat sie gestohlen und wohin ist sie verbracht worden? War es die Mafia und wird die Bildung jetzt auf einem russischen Schwarzmarkt feilgeboten? Und wo wurde sie geklaut? In einem Kiez-Café oder bei einem lustigen StudierendInnenfest oder während einer Vorlesung, bei der die StudentInnen ihren unschuldigen Rausch ausschliefen? Dabei meinte einst Goethe selbstsicher: „Das Edle zu erkennen, ist Gewinst, der nimmer uns entrissen werden kann.

Der zweite Spruch gibt keine Antwort: „Bildung ist ein Menschenrecht, keine Ware!“ Tatsächlich? Ernährung wäre doch dann wohl ein noch viel fundamentaleres Menschenrecht. Diese dürfte dann also auch nichts kosten? Sollte man also, analog zum Bildungsstreik, für kostenloses Essen in einen Hungerstreik treten? Was wäre weiterhin Menschenrecht? Feine Villen? Partys? Rauschgift? – Weiter im Text: „Bildung krepiert, weil Dummheit regiert!“ Wieso ist die Bildung krepiert? Kopfschuß oder Hirnschlag? Zum zweiten Teil der Parole könnte man aus Brechts Kälbermarsch zitieren: „Die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber“.

Hu-Hu-Humankapital“ ist eine Parole für die Stotterer. Jene, die bereits ganze Sätze zu äußern imstande sind, können „Wenn ich groß bin, werd’ ich Humankapital!“ brüllen. Haben die etwas anderes erwartet? Etwa, daß sie ihr Leben lang vor der Spielekonsole sitzen dürfen und Mami Cheeseburger mit Cola serviert? Nein, Mami will auch mal ihre Ruhe vor verzogenen Gören haben und Papi Staat, im Idealfall das Organisationsinstrument der ihn unterhaltenden (steuerzahlenden) Bürger, zückt irgendwann die Peitsche, um das Geld wieder einzutreiben, das er für die gameboyspielenden Kiddies in Form von Schulen (Bildung), Polizei (Ordnung), Militär (Sicherheit) usw. vorgestreckt hat.

Geben und Nehmen, so ist das nun einmal, auch wenn man als bundesdeutsches Kind den Eindruck gewinnen könnte, Geld und Wohlstand seien ein Perpetuum Mobile, das man den Kapitalisten nur aus ihren Villen wegnehmen und an alle verteilen müßte, um selbst ein Leben lang auf der kreativen Haut liegen zu dürfen, anstatt brutal ausgebeutet zu werden. Angesichts dieser Verfügungsmasse sozialromantischen Lumpenproletariats müßte selbst den karrierefähigen Studenten die Hoffnung im Halse stecken bleiben: „Wenn ich groß bin, werde ich Humankapitalist!“

Weiterhin soll das zukünftige Humankapital skandieren: „Bildung für alle, und zwar umsonst!“ Man hat tatsächlich manchmal den Eindruck, daß die jahrelange Schulausbildung für StudierendInnen umsonst war. Viele weisen rudimentäre Defizite auf, wenn sie in die Universitäten abgeschoben werden, nur damit sie die Arbeitslosenstatistik niedrig halten. „Bildung für alle, sonst gibts Krawalle!“, das ist schon eine Losung für die Revolutionäre unter den Bildungssüchtigen. Mit etwas schlechterer Rechtschreibung dahingestolpert klingt „Ein Land was an Studenten spart, begibt sich auf ’ne Todesfahrt!“ resigniert und depressiv. Allerdings kann man sich die Todesfahrt nur schwer vorstellen, wenn jenes Gros von StudentInnen, die schon an der Orthographie scheitern, eine ordentliche Berufsausbildung erhielten.

Das von den StudierendInnen zu rufende „Könnt ihr die Schreie der Bildung nicht hören?“ ist allerdings ein Oxymoron zu anderen Brüllern. Die Bildung wurde doch geklaut, wie soll man da ihre Schreie noch hören können? Oder meinen die Protestierer ihre eigenen Schreie während der Demonstration? Dann wären sie wohl die Bildung in persona und würden demnächst geklaut? Nun, wir wissen es nicht, vielleicht wissen es jedoch die Autoren der „Generation Doof“.

Sicherlich gibt es viele Kritikpunkte am Bildungssystem, ja, sehr viele sogar. Aber ob es gerade jene sind, die von den Intellektuell_innen des Leipziger StudentInnenRates postuliert wurden? Und: Wenn dies das Niveau des StudentInnenRates ist, wie hoch ist dann erst jenes der Leipziger StudentInnen? Vielleicht aber haben auch nur die vielen anderen Studenten keine Stimme, weil sie sich auf ihr Studium konzentrieren. Denn wie mahnte Johann Gottlieb Fichte so treffend: „Bildung geschieht durch Selbsttätigkeit und zweckt auf Selbsttätigkeit ab.

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