Niedergang

Der Intelligenzforscher Dr. Volkmar Weiss hat ein Buch über den augenscheinlich „unvermeidbaren Niedergang“ der Industriegesellschaften verfaßt. Es heißt „Die Intelligenz und ihre Feinde“, ist im Juni 2012 erschienen und kostet 34,95 Euro. Die Rezensenten sind, trotz des hohen Preises, voll des Lobes. Einer von ihnen faßt als Quintessenz zusammen:

Der Sozialstaat zerstört sich letztlich quasi von selbst. Das Gleichheitsstreben beherrscht die öffentliche Meinung und es findet ein systematischer Verdummungsprozess weiter Teile der Bevölkerung statt. Mangelnde Bildung, die Leugnung von Intelligenzunterschieden und die damit zusammenhängende Vernachlässigung von Intelligenzförderung und Leistungsprinzip führen zu einer ständigen Nivellierung nach unten.

Ein anderer resümiert:

Der Rückgang des kognitiven Humankapitals, die Zunahme nicht integrierbarer Unterschichten und der gleichzeitige Verlust der Energiegrundlage führen zwangsläufig in das „große Chaos“, das Weiss für den Zeitraum von 2035 bis 2050 prognostiziert. Die Industriegesellschaften werden nicht mehr in der Lage sein, die Industrieproduktion und die Sozialsysteme aufrechtzuerhalten. Die Folge werden ein drastisch sinkender Lebensstandard, der Zusammenbruch der Infrastruktur und wahrscheinlich auch des staatlichen Gewaltmonopols sein. Die Wohlhabenden werden sich in bewachte Siedlungen zurückziehen, wie heute schon in Südafrika und manchen Teilen Amerikas. Es wird zu einer Refeudalisierung kommen, wo man sich unter den Schutz von lokalen Kriegsherren und Mafiabossen begeben muß, um zu überleben. Anders als 1945 werden die meisten Menschen nicht mehr auf das Wissen zurückgreifen können, wie man Äcker und Gemüsegärten anlegt, um sich zu ernähren.

Eine treffende Analyse sollte zu wirksamen Maßnahmen führen. Der Bundesverfassungsrichter a. D., Prof. Dr. Dres. h.c. Paul Kirchhof, welcher ein u. E. abstruses Parteigutachtenim Auftrag der ARD, des ZDF und D Radio“ für die ab 2013 anstehende Rundfunksteuer erstellt hat, scheint, wenn er ohne lobbyistische Auftraggeber arbeitet, nachvollziehbarere Schlüsse ziehen zu können. Im September 2012 faßte er in einem Beitrag für Die Welt die rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen für Familien in sechs Reformschritten zusammen, mit welchen dem Geburtenrückgang begegnet werden könnte.

Der zwangsläufig erste Punkt lautet: „1. Eltern müssen bei der Rente bessergestellt werden“. Richtig erkennt Kirchhof, daß Kinder wieder, „wie Jahrtausende vor Einführung der Sozialversicherung“, als Schuldner eines Generationenvertrages zunächst für die eigenen Eltern aufkommen und nicht eine anonyme Rentnermasse aushalten sollten. Auch wir stellten bereits vor einem Jahr fest, daß die gesetzliche Rentenversicherung aus dem Jahr 1889 mit ihren Anpassungen 1911 und 1916 keineswegs mehr zeitgemäß, dafür aber eine der Todesspritzen dieser Gesellschaft ist:

Kinder wurden als ökonomischer Ballast wahrgenommen, bestenfalls als Statussymbole, die in der Erziehung Geld kosten und die Selbstentfaltung behindern, während diese Kinder in ihrer Produktivphase nicht die eigenen Eltern, sondern lediglich anonyme Alimentierungsempfänger finanzieren. Im Gegenzug konnten potentielle Eltern ihre Renten von dem Arbeitsschweiß der Kinder anderer Leute beziehen. Ein derartiges System führt zwangsläufig zunächst zur Geburtenverweigerung, später zum Bedarf an Arbeitskräfteimporten und am Ende zum irreparablen wirtschaftlichen und bevölkerungspolitischen Zusammenbruch.

Als Radikalkur forderten wir die „Einführung von Selbstverantwortung und Abschaffung der sozialistischen Diktatur: Den wirtschaftlichen Wert von Kindern erhöhen, und zwar direkt für die Eltern und für deren gesamte Lebenslagen.“ Drei der Kirchhof’schen Reformschritte betreffen handfeste monetäre Aspekte. Prinzipiell sollte die Bereitschaft zur Übernahme familiärer und damit zutiefst gesellschaftlicher Verantwortung in jeder Hinsicht gefördert werden. Freilich wird die Hoffnung wohl vergebens sein, daß demokratische Machthaber angesichts des derzeitigen Zustandes einer immer größer und lauter werdenden schmatzenden Masse grundlegende Reformen durchführen können oder wollen.

Beschleunigungskrise

Die apokalyptischen Reiter satteln schon längst wieder ihre Pferde.“ [1]
Volkmar Weiss, IQ-Forscher

In zwei Arbeitstexten stellt der als „IQ-Forscher” bekannte Humangenetiker und Historiker Dr. rer. nat. habil. Dr. phil. habil. Volkmar Weiss Vorarbeiten zu seinem neuen Buch „Die IQ-Lücke: Energiekrise, Bevölkerungsqualität und der Kreislauf der politischen Verfassungen der Industriegesellschaft” [1] vor, das im Jahre 2011 erscheinen soll. Hier vertritt er die alarmistische These, daß die in der westlichen Hemisphäre immanente Beschleunigung von Wachstums- und Zerfallsprozessen mit dem Schwinden der energetischen Grundlagen unweigerlich zum „Großen Chaos“ und damit zum Zusammenbruch des Gesamtsystems führe:

Nicht selten hören wir die Meinung oder haben selbst den Eindruck, daß unsere Zeit immer schnellebiger geworden sei und würde. Standen die Möbel, die unsere Großeltern nach ihrer Hochzeit gekauft hatten, noch bei ihrem Tode in ihrem Wohnzimmer, so fühlen sich heute die Konsumenten zum „Tapetenwechsel“ gedrängt. Selbst für teure Kücheneinrichtungen oder elektrische Haushaltsgeräte gibt es nach wenigen Jahren schon keine Ersatzteile mehr. Noch rascher vollzieht sich der Wechsel bei der Unterhaltungselektronik.

…Der Begriff „Beschleunigung“ selbst entstammt der Naturwissenschaft und Technik, ihm entspricht auch eine ständige Verbesserung der Genauigkeit, mit der Zeit, Raum und andere physikalische Größen gemessen werden können. In Übertragung auf soziale Sachverhalte bedeutet „Beschleunigung“, daß immer mehr Ereignisse, mehr Veränderungen und häufigerer sozialer Wandel pro Zeiteinheit stattfinden (Rosa 2008).

…In der natürlichen Evolution der biologischen Arten hat derjenige einen Selektionsvorteil, der sich schneller an neue Gegebenheiten anpaßt. Die eine Art überlebt, die anderen Arten verschwinden. Ähnliche Vorteile hat in der Entwicklung neuer Produkte derjenige, der ein neues Produkt rascher auf den Markt bringt, ein ähnliches Produkt zu niedrigerem Preis oder auch nur bei den Verbrauchern den Eindruck erwecken kann, sein Produkt sei besser oder billiger. Im Wettbewerb der Konkurrenten kommt es damit zu einem Verdrängungswettbewerb, der mit einer Beschleunigung der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung einhergeht (Kafka 1994). Diese Beschleunigung ist so lange möglich und wird sich so lange fortsetzen, so lange für diese Entwicklung die energetischen Grundlagen gegeben sind. Schwinden diese Grundlagen, dann geht dieser beschleunigte technische Wandel in einen Überlebenskampf der Firmen über, der sich auch wieder krisenhaft beschleunigt, bis die Produktion wieder mit den energetischen Grundlagen und damit auch der Kaufkraft der Bevölkerung in Einklang gekommen ist.

Dieses Element der Beschleunigung gilt auch für politische Parteien. Je mehr sie versprechen und desto rascher sie sich dem sich beschleunigenden sozialen Wandel anpassen, desto größer sind lange Zeit ihre Erfolgschancen. „Konservativ“ zu sein, ist in einer solchen sich rasch wandelnden Welt keine gute Empfehlung. Der Umschwung kommt auch hier dann, wenn die energetischen Grundlagen aufgebraucht sind oder übernutzt werden, wenn die Verschuldung des Staates und der öffentlichen Kassen alle Maße übersteigt und es nichts mehr umzuverteilen gibt. In einer solchen Krise kommt es zwangsläufig nicht nur zur Gefährdung jeder demokratischen, sondern zur Infragestellung jeder staatlichen Ordnung.

Der Zusammenbruch einer jeden Zivilisation geht mit dem Schwinden ihrer energetischen Grundlagen einher (Diamond 2005). Der Evolutionsmechanismus, der den jeweils Schnelleren überleben läßt, beschleunigt die Evolution in ihrem Gesamtgefüge, erschöpft die energetischen Voraussetzungen und erweist sich damit letztendlich als ein Regulations- und Selbstzerstörungsmechanismus, dem auch die biologische, technische und soziale Entwicklung der Menschheit unentrinnbar ausgeliefert ist. Wer sich durch Erkenntnis oder Teilerkenntnis aus diesem Prozeß auszuklinken versucht, wird gnadenlos auskonkurriert und in den Gesamtprozeß zurückgeworfen. Das alles hatte seine Grenzen, so lange diese Zerstörung nur regional erfolgte und – ausgehend von einem niedrigen Niveau – eine Erneuerung der energetischen Grundlagen möglich war, wie das vor 1500 der Fall war. Die Entwicklung der Industriegesellschaft baut jedoch auf der Ausbeutung fossiler Energie auf, die gegenwärtig weltweit zur billigeren Hälfte abgebaut ist und sich nicht erneuern wird. Doch nach wie vor ist die Geschwindigkeit des Wandels ein Selektionsvorteil, selbst noch im Abschwung.

Es gibt religiöse Minderheiten, deren Stifter die drohende Gefahr erkannt und für ihre Anhänger Lebensregeln erlassen haben, die zum Überleben beitragen sollen. Das bekannteste Beispiel sind die nordamerikanischen Amish, die technische und soziale Neuerungen nicht oder nur sehr verzögert in ihr Leben eindringen lassen. Man darf deshalb die Überlebenschancen der Amish in der kommenden Weltenkrise des Großen Chaos als groß einschätzen, so sehr ihre gegenwärtige Situation auch randständig ist.

Randständigkeit ist immer auch eine Sache des subjektiven Empfindens. Aus Sicht einer lebensgesetzlichen Ordnung – nennen wie sie „Natur“ oder „Gott“ – scheinen eher die westlichen Hochleistungsgesellschaften anormal und randständig zu sein, weshalb sie durch geringe Fertilitätsraten der Ausmerze anheimfallen.

Ob nun der Überlebensvorteil der „Amish People“ einem rigorosen Antimodernismus geschuldet ist, welcher zur Entschleunigung aller Lebensabläufe und zur Ressourcenschonung beiträgt, oder ob er in dem durch einen Mythos – hier der christlichen Religion – fundamentierten Gemeinschaftswillen begründet ist, sei dahingestellt. Sicherlich führen die Ansprüche jeder Hochleistungsgesellschaft zum Auseinanderbrechen gewachsener Gemeinschaften und traditioneller Gliederungen, zu Entartungen in alle Richtungen, zu Geburtenkrise, Wanderungsprozessen und fortdauernden Lebensumbrüchen. Es entsteht ein fragiles System, das aufgrund der Emanzipation der Masse individuelle Freiheiten in allen Richtungen zulassen will, aber dazu bislang kulturell wirksame Sittengesetze beseitigen muß.

Möglicherweise ist die „Beschleunigung“ und ihre Krise lediglich Symptom einer jeden von Massenwohlstand geprägten Zivilisation, deren auseinanderdriftende, aber gleichgestellte Einzelbestandteile (Individuen und Lobbygruppen) eine einerseits ungeordnete und inhomogene, andererseits beliebige Masse ergeben, die zwar ausgefeilte Technik besitzt, aber keine Mission und damit keinen Mythos, keine Perspektive und keinen Lebenswillen.

Ein Ausblick in die allerdings unwägbare Zukunft wird von Weiss unter dem Titel „Der richtige Kommunismus kommt erst noch” gewährt. Er stellt die Frage, ob mit dem Anwachsen der immer weiter gleichgestellten und gleichgeschalteten Masse auch das Endziel einer kommunistischen Gesellschaft greifbar wird:

Da schon Aristoteles zu der Einsicht gelangt war, daß auf die Demokratie eine Herrschaftsform folgt, bei der die Massen erfolgreich auf Umverteilung drängen und alle Anzeichen darauf hindeuten, daß wir uns tatsächlich auf einen derartigen Gesellschaftszustand hinbewegen, können wir dem logischen Schluß nicht ausweichen, daß der gegenwärtige geistige Linkstrend in allen Industriegesellschaften zu sozialistischen Gesellschaftsformen führen wird. Für mich, den Verfasser, ist diese notwendige jakobinische Gesellschaftsform, wie sie vor dem absoluten Tiefpunkt der Produktion und Konsumtion eintreten wird, nur ein Übergangszustand zu neuen Gesellschaftsformen, die laut Aristoteles eher wieder napoleonisch geartet sein werden. …

Das Entstehen eines dauerhaften kommunistischen Weltstaats im oder nach dem Großen Chaos erscheint aber wenig wahrscheinlich. Die Verteuerung der Energie wird nämlich jede Kommunikation, allen Handel und jede Verwaltungstätigkeit über größere Entfernungen verteuern, erschweren oder ganz unmöglich machen und damit auch einen ökokommunistischen „Weltwirtschaftsrat für Rationierung“, den man sich als eine Art Weiterentwicklung der gegenwärtigen Vereinbarungen über die Fangquoten der Fischereiflotten vorstellen könnte. Wahrscheinlich dürfte deshalb in weiten Teilen der Welt eher der Zerfall der größeren Machtbereiche in lokale und regionale Einheiten (Kunstler 2008) stattfinden, wo religiöse Fanatismen sich austoben und machtbewußte Banden um Einfluß kämpfen. Ob sich in begünstigten Gebieten noch freie Bürgergesellschaften entwickeln und halten können, wie sie die libertäre Utopie (Hoppe 2003) sich ausdenkt? Kleinere Gebilde, in denen staatliche Aufgaben nur noch durch private Gesellschaften wahrgenommen werden, also z. B. Sicherheit durch Versicherungsgesellschaften und ihren Sicherheitsdienst gewährleistet wird? Es ist zu vermuten, daß derart freie Gesellschaften, sofern sie während und nach dem Großen Chaos tatsächlich entstünden, entweder in der Konkurrenz mit machtbewußten Nachbarn wieder untergehen werden oder in ihrer Eigenentwicklung sich von den ursprünglichen Absichten der Bürger entfernen und den Gewaltinteressen von Einzelpersonen oder Gruppen unterworfen werden. Für die Fortdauer einer homöstatischen ökokommunistischen Weltdiktatur nach dem Großen Chaos spricht sehr wenig, für eine große Zahl konkurrierender Neuanfänge auf schmaler energetische Basis weit mehr. Die im Zweiten Weltkrieg untergegangene völkische Utopie eines Leistungszuchtstaates, eines Reiches Artam (Weiss 2007), ist für das 21. Jahrhundert nirgendwo ein Thema.

Dieser Blick mag aus dem Winkel einer Untergangsgesellschaft sicherlich gerechtfertigt sein. Doch so, wie nach dem Verfall längst vergangener Imperien „Barbaren“ auf den Plan traten, um den Weg aus der archaischen Kultur in eine Zivilisation anzutreten, so wird es auch für das angelsächsisch-abendländische Imperium Nachfolger geben. Und wer weiß, vielleicht werden dies einst die dank ihrer Geburtenrate Millionen Köpfe zählenden und zu ausgreifenden Völkern gewordenen „Amish People“, „Mennoniten“ oder „Hutterer“ sein.

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