Leistungspsychose

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Dicke Bände könnten gefüllt werden mit Analysen zur Sozialpsychologie der bestehenden Massengesellschaft, insbesondere zur Untersuchung, aus welchen Gründen sein Personal die Fortpflanzung verweigert. Eine überaus durchschnittliche Frau, Mitte 30, welche keine eigenen Kinder möchte, begründet dies damit, daß sie an ein „selbstbestimmtes Leben gewöhnt“ und „ein Kind heutzutage schon eine große Verantwortung und Herausforderung“ sei. Sie habe drei Katzen, die ihr viel Arbeit machen „neben Job, Haus&Garten und sonstigen Freizeitaktivitäten“. Ein Kind benötige „noch viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit. Und in der heutigen Zeit ist es ein Wahnsinn mit Schule und Leistung und noch mehr Leistung,.. damit das Kind ja auf die beste Schule und Universität kommt…“.

Der Aspekt des zur gebärunwilligen Massenpsychose führenden gesellschaftskonformen Leistungsstreß ist interessant und richtig und tangiert die auf fortdauerndes Wirtschaftswachstum ausgerichtete Ökonomie, welche nur noch deswegen wächst, weil Leistungsressourcen ausgeschöpft und Arbeitsprozesse optimiert werden. Das erfordert Intelligenz, welche bis zum letzten Tropfen aus dem zur Verfügung stehenden Personal herausgepreßt wird.

In unseren Beiträgen zum Begabungsschwund haben wir dargelegt, daß der genetische Anteil der Intelligenz im Volk (heute = „Gesellschaft“) bereits seit Jahrzehnten sinkt und die kapitalistische Ökonomie nur durch die Ausschöpfung intellektueller Kapazitäten (Begabungsausbeutung) eine weitere Zeit lang am Rotieren gehalten werden, bis auch dieser sogenannte Flynn-Effekt ausläuft. Das macht er bereits, denn trotz aller staatlich und privat organisierten Bildungsmöglichkeiten sinkt der meßbare IQ in der jüngeren Generation.

Quasi versuchen Staat und Eltern, den Zwängen des Daseins zu genügen, den Nachwuchs länger und intensiver lernen und studieren zu lassen, damit dieser seine intellektuelle Leistungsfähigkeit bis zur Grenze ausgeschöpft zu Markte tragen kann. Um Kinder für dessen Anforderungen zu dressieren, werden ihnen unzählige Angebote aufgehalst – je aufwendiger und teurer, umso effektiver. Das führt zu Streß bei Eltern und Kindern, und der drohende Erziehungs-Burn-Out ist gerade beim aufstrebenden und karrieregeilen Kleinbürgertum eine große Hemmschwelle zu Kindern bzw. zu vielen Kindern.

Die Leistungs- und Wachstumsspirale dreht sich weiter. Das Volk erodiert und stirbt als „Gesellschaft“ am Burn-Out.

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Bild oben: Die moderne Großfamilie.

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Verdümmerung

Eure Zukunft wird scheisse

Nicht Neues für unsere langjährigen Leser, aber zumindest die englische Presse hat nun konstatiert, daß die Verblödung der Menschheit und insbesondere der westlichen Völker aus der Phase der Vorhersagbarkeit in die Phase der meßbaren Werte übergegangen ist: Seit einigen Jahrzehnten sinkt in den Industriegesellschaften der durchschnittliche Intelligenzquotient.

Das ursächliche Problem ist aber schon viel älter und wurde in seiner demographischen Dimension bereits vor 90 Jahren vom begnadeten Bevölkerungswissenschaftler Friedrich Burgdörfer oder hinsichtlich der Beeinflussung der Intelligenz durch Vererbung und Umwelteinflüsse vor 80 Jahren vom grandiosen Friedrich Reinöhl ausführlich erarbeitet. Der noch aktive Intelligenzforscher Volkmar Weiss resümiert rückblickend, daß „für das Deutsche Reich“ der Höhepunkt seiner demographischen Entwicklung hinsichtlich Quantität und Qualität „zweifellos bereits zwischen den Jahren 1880 und 1890“ lag.

Es führten Bismarcks sozialistische Maßnahmen ebenso, wie die Erfordernisse des Industriekapitalismus, zu einem sich immer deutlicher verstärkenden Zusammenbruch der demographischen Substanz: Erst bekamen die Begabten weniger Kinder, so daß der Anteil der Dümmeren und Fauleren stetig anstieg, dann dünnten Kriege die Besten des männlichen Bevölkerungsanteils aus, später erfolgte der Import ausländischer Unterschichten und die Vermischung mit diesen.

Die negativen Ausleseprozesse begannen am frühesten in den urbanen Zentren, in Berlin, Wien, Bremen oder Hamburg. Die Städte als alles verschluckende Moloche aber sogen immer wieder Menschenmaterial aus dem Umland auf. (Die Kritik an der Verstädterung wurde ebenfalls schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts formuliert, wir werden ihr einen eigenen Beitrag widmen.) Rudimentäre Reste demografisch funktionstüchtiger Refugien bestanden bis Ende des 20. Jahrhunderts noch in katholischen Gegenden Bayerns, Westfalens und des ländlich-alpinen Österreichs. Zwar sind auch diese mittlerweile weggebrochen, doch ist der Unterschied insbesondere der Schul- und Sozialsysteme zwischen den schon längst verlotterten Stadtstaaten und diesen Regionen (noch) auffällig.

In den westlichen Industrienationen sorgte über einige Jahrzehnte der sogenannte Flynn-Effekt für eine Ausschöpfung des intellektuellen Potentials der schwindenden demographischen Substanz, vor allem durch den Ausbau des Bildungssystems und der Bildungsmöglichkeit auch für ärmere Schichten. Wer vor 100 Jahren Handwerker geworden wäre, macht heute einen Universitätsabschluß, wer früher bei den Proletariern gelandet wäre, geht heutzutage den zweiten Bildungsweg, wer seinerzeit bestenfalls zum Tagelöhner getaugt hätte, belegt über das Arbeitslosenamt Computerkurse. Hatten vor 100 Jahren 4 % der Bevölkerung studiert, so sind es heute fast 50 %. Tendenz steigend.

Der Anteil an vererbter Intelligenz ist bei einem Menschen quasi vorgegeben, in einem gewissen Bereich um diesen vererbten Anteil kann der soziale Einfluß wirksam werden. Wenn fast die gesamte Bevölkerung bis zum 20., 25. oder gar 30. Lebensjahr Schulen und Lehranstalten durchläuft, ist das Potential an dressierbarer Begabung weitgehend ausgeschöpft. Ab dann macht sich in der Gesamtbetrachtung der vererbbare Anteil an Intelligenz bemerkbar. Da vor allem die begabten Karrieristen auf Nachwuchs verzichten, während Asoziale versuchen, mittels Unmengen an Nachwuchs das Sozialsystem auszuschöpfen, wird der IQ der Gesellschaft zwangsläufig sinken.

Wie werden die machthabenden Realitätsverweigerer diesen Umstand zur Kenntnis nehmen? Durch hilflose und immer weitere Bildungsreformen, welche allesamt scheitern, und – zur Verschleierung der Tatsachen – durch eine Absenkung des Erwartungsniveaus. Harald Martenstein stellt in der ZEIT süffisant fest:

Seit Jahren werden die Schulnoten in Deutschland immer besser. Wenn man sich die Noten anschaut, dann ertrinkt das Land fast in einer Flut von Universalgenies. An der Spitze steht Berlin. Berlin ist offenbar Deutschlands Geniehauptstadt. In den wenigen Jahren von 2006 bis 2012 hat sich in Berlin die Zahl der Abiturienten mit dem Notendurchschnitt 1,0 vervierfacht.

Das Abitur wird immer einfacher, damit es soziale Gerechtigkeit gibt. Das Abitur soll kein Privileg von Besserlernenden oder Besserwissenden mehr sein, alle Schüler sollen es bekommen. Weil nun einmal nicht alle Menschen so intelligent, ehrgeizig oder fleißig sind, dass sie ein schwieriges Abitur ablegen können, muss es einfach sein. Da habe ich eine wunderbare Idee zur Bekämpfung der Armut: Die Regierung sollte Geld drucken und jedem Bundesbürger eine Million Euro in die Hand drücken. Das ist das gleiche Prinzip.

Ausblick: Der Abwärtstrend an Intelligenz wird fortdauern, allerdings ermöglichen die modernen Mittel der Wissensaufbereitung eine ausschöpfendere Nutzung intellektueller Reservoirs auch breiterer Menschenmassen. Die Zeit der Universalgelehrten, der Ära von Völkern, welche der Welt Dichter und Denker schenkten, ist vorbei. Die Zukunft gehört den Funktionseliten, den unzähligen grauen Zahnrädern der unermüdlich Zivilisationsmüll produzierenden Wissenschaftsbetriebe.

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Kein Ali im Team

Zombies Teilhabe

Keiner will einen Ali im Team haben“, zitiert das Fachblatt für behindertengerechten Nachrichtenkonsum, der Schulspiegel, einen Personalverantwortlichen der freien Wirtschaft. Für eine Studie „Diskriminierung am Arbeitsmarkt“ sollten steuergeldfressende Soziologen „herausfinden, daß bei gleicher Qualifikation der Bewerber mit typisch deutschem“ Namen gegenüber einem mit türkischem Namen gewinnen würde. „Wir haben es in Deutschland mit einem ernsthaften Diskriminierungsproblem zu tun“, meldete der Studienleiter Jan Schneider dementsprechend dienstbeflissen, dabei auf eine Vergrößerung des Forschungsbudgets und eine Verlängerung der Bezuschussung schielend.

An fast 2000 Unternehmen wurden vergleichbare Bewerbungen mit den Fiktivnamen Lukas Heumann, Ahmet Aydin, Tim Schultheiß und Hakan Yilmaz gesendet. Warum zwei türkische Namen, aber keine japanischen oder norwegischen? „Um eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu erhalten, muss ein Kandidat mit typisch deutschem Namen durchschnittlich fünf Bewerbungen schreiben, ein Bewerber mit türkischem Namen sieben.“ Dabei deute sich sogar dort „eine Diskriminierung an“, wo sie „statistisch nicht signifikant“ ist. In der ideologisch motivierten Wissenschaft genügt es schließlich, wenn mittels esoterischer Kaffeesatzdeuterei die Planvorgaben erfüllt werden.

Eigentlich „sollten Unternehmen und Politik gerade jetzt“ Diskriminierung verhindern, so Studienautor Jan Schneider, „wo sie doch ständig über Fachkräftemangel klagen. Wo diskriminiert wird, entgehen den Ausbildungsbetrieben geeignete Bewerber.“ Blindlings Kooperationen und Allianzen zu bilden, das jedoch widerspricht allen über Jahrtausende empirisch ermittelten Erfahrungen, nach der intuitiv angewendete Diskriminierung genau dazu dient, den Frieden sozialer Gefüge zu erhalten und – in den härteren Fällen – Disziplinierungen durchzuführen, um Normstandards für die Verortung des eigenen Kollektivs zu definieren.

Statistisch signifikant ist in jedem Fall, daß Migranten krimineller resp. gewalttätiger sind, als Deutsche, und daß Araber und Türken in diesem Bereich besonders fachkräftig sind. Und nachvollziehbar ist: Je höher die Wahrscheinlichkeit, daß der einer Gruppe zuzuordnende Kandidat den Betriebsfrieden stört, desto eher wird er abgelehnt. Die Forscher hätten übrigens auch in eine von zwei ansonsten völlig identischen Bewerbungen zweier völlig identischer Personen eine NPD-Funktionärskarriere einschmuggeln können. Wir vermuten auch hier – ohne aufwendige Forschung – ein ungeheures Diskriminierungspotential.

Der Schulspiegel beklagt, daß Diskriminierung „leider nicht neu“ sei. Dicke Kinder bekämen häufiger schlechte Noten, ebenso Ronnys, Kevins und Justins. „Auch das Elternhaus der Schüler fließt in die Benotung mit ein, je gebildeter die Eltern, desto besser die Note der Schüler.“ Diese Zusammenhänge waren freilich schon vor 60 Jahren bekannt, als man die Kausalitäten noch woanders verortete: Je gebildeter die Eltern, desto tendentiell besser die weitervererbte Intelligenz und die elterliche Fürsorge. Je dümmer die Eltern hingegen, desto dümmere Vornamen für die Kinder und desto größer die Nachlässigkeit bei Ernährung und Körperertüchtigung.

Aus empirischen Erfahrungen abgeleitete Vorurteile sind eine anthropologische Konstante, welche sich seit Jahrtausenden bewährt hat, auch wenn das Ideologen und deren alimentierten Soziologen nicht in ihr synthetisches Weltbild paßt. Vorurteile sind heutzutage allerdings leichter manipulierbar, da die Anpassung menschlicher Verhaltensmuster an die moderne Technik mit ihren medial vermittelten Erfahrungswelten nicht Schritt hält. Vorurteile lassen sich also vor allem mittels audiovisueller Indoktrination leicht in beliebige Richtungen dressieren. Und das nutzen Machthaber weidlich aus.

Bild oben: Zombies kennen keine Diskriminierung. Sie lassen alle anderspigmentierten Mitzombies an der Beute teilhaben und im Team partizipieren.  Das ist vorbildlich – nun sollten sich endlich auch die letzten Menschen einer Zombie-Willkommenskultur befleißigen!

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Niedergang

Der Intelligenzforscher Dr. Volkmar Weiss hat ein Buch über den augenscheinlich „unvermeidbaren Niedergang“ der Industriegesellschaften verfaßt. Es heißt „Die Intelligenz und ihre Feinde“, ist im Juni 2012 erschienen und kostet 34,95 Euro. Die Rezensenten sind, trotz des hohen Preises, voll des Lobes. Einer von ihnen faßt als Quintessenz zusammen:

Der Sozialstaat zerstört sich letztlich quasi von selbst. Das Gleichheitsstreben beherrscht die öffentliche Meinung und es findet ein systematischer Verdummungsprozess weiter Teile der Bevölkerung statt. Mangelnde Bildung, die Leugnung von Intelligenzunterschieden und die damit zusammenhängende Vernachlässigung von Intelligenzförderung und Leistungsprinzip führen zu einer ständigen Nivellierung nach unten.

Ein anderer resümiert:

Der Rückgang des kognitiven Humankapitals, die Zunahme nicht integrierbarer Unterschichten und der gleichzeitige Verlust der Energiegrundlage führen zwangsläufig in das „große Chaos“, das Weiss für den Zeitraum von 2035 bis 2050 prognostiziert. Die Industriegesellschaften werden nicht mehr in der Lage sein, die Industrieproduktion und die Sozialsysteme aufrechtzuerhalten. Die Folge werden ein drastisch sinkender Lebensstandard, der Zusammenbruch der Infrastruktur und wahrscheinlich auch des staatlichen Gewaltmonopols sein. Die Wohlhabenden werden sich in bewachte Siedlungen zurückziehen, wie heute schon in Südafrika und manchen Teilen Amerikas. Es wird zu einer Refeudalisierung kommen, wo man sich unter den Schutz von lokalen Kriegsherren und Mafiabossen begeben muß, um zu überleben. Anders als 1945 werden die meisten Menschen nicht mehr auf das Wissen zurückgreifen können, wie man Äcker und Gemüsegärten anlegt, um sich zu ernähren.

Eine treffende Analyse sollte zu wirksamen Maßnahmen führen. Der Bundesverfassungsrichter a. D., Prof. Dr. Dres. h.c. Paul Kirchhof, welcher ein u. E. abstruses Parteigutachtenim Auftrag der ARD, des ZDF und D Radio“ für die ab 2013 anstehende Rundfunksteuer erstellt hat, scheint, wenn er ohne lobbyistische Auftraggeber arbeitet, nachvollziehbarere Schlüsse ziehen zu können. Im September 2012 faßte er in einem Beitrag für Die Welt die rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen für Familien in sechs Reformschritten zusammen, mit welchen dem Geburtenrückgang begegnet werden könnte.

Der zwangsläufig erste Punkt lautet: „1. Eltern müssen bei der Rente bessergestellt werden“. Richtig erkennt Kirchhof, daß Kinder wieder, „wie Jahrtausende vor Einführung der Sozialversicherung“, als Schuldner eines Generationenvertrages zunächst für die eigenen Eltern aufkommen und nicht eine anonyme Rentnermasse aushalten sollten. Auch wir stellten bereits vor einem Jahr fest, daß die gesetzliche Rentenversicherung aus dem Jahr 1889 mit ihren Anpassungen 1911 und 1916 keineswegs mehr zeitgemäß, dafür aber eine der Todesspritzen dieser Gesellschaft ist:

Kinder wurden als ökonomischer Ballast wahrgenommen, bestenfalls als Statussymbole, die in der Erziehung Geld kosten und die Selbstentfaltung behindern, während diese Kinder in ihrer Produktivphase nicht die eigenen Eltern, sondern lediglich anonyme Alimentierungsempfänger finanzieren. Im Gegenzug konnten potentielle Eltern ihre Renten von dem Arbeitsschweiß der Kinder anderer Leute beziehen. Ein derartiges System führt zwangsläufig zunächst zur Geburtenverweigerung, später zum Bedarf an Arbeitskräfteimporten und am Ende zum irreparablen wirtschaftlichen und bevölkerungspolitischen Zusammenbruch.

Als Radikalkur forderten wir die „Einführung von Selbstverantwortung und Abschaffung der sozialistischen Diktatur: Den wirtschaftlichen Wert von Kindern erhöhen, und zwar direkt für die Eltern und für deren gesamte Lebenslagen.“ Drei der Kirchhof’schen Reformschritte betreffen handfeste monetäre Aspekte. Prinzipiell sollte die Bereitschaft zur Übernahme familiärer und damit zutiefst gesellschaftlicher Verantwortung in jeder Hinsicht gefördert werden. Freilich wird die Hoffnung wohl vergebens sein, daß demokratische Machthaber angesichts des derzeitigen Zustandes einer immer größer und lauter werdenden schmatzenden Masse grundlegende Reformen durchführen können oder wollen.

Begabungsförderung

Nicht die Bildung dient der Wirtschaft, sondern diese wäre weder aufgekommen
noch stände sie in Blüte ohne die Bildung.

Theodor Ballauff / Hubert Hettwer


Zwei interessante Veröffentlichungen vom 2. Februar greifen das Problem von Bildungsgerechtigkeit und Bildungsrückgang auf. So moniert Eva Kühne in der Schülerzeitung „Blauen Narzisse“ [2], daß derzeit die „komplette Nivellierung der Herkunftsunterschiede“ im Mittelpunkt stünde. „Die Studentenzahlen sollen erhöht werden, um Bildungsgerechtigkeit zu garantieren. Um das zu erfüllen, soll das Studium vereinfacht werden. Möglichst viele sollen studieren. Das eigentliche Ziel der ,Humankapitalsteigerung’ (was für ein Unwort!) wird damit jedoch vollkommen verfehlt.

Es sei nicht unbedingt vorteilhafter, „wenn Massen mittelmäßig Ausgebildeter eine Volkswirtschaft antreiben, anstelle einer ausgewählten, gründlich ausgebildeten Gruppe. Nicht jeder ist für eine bestimmte Ausbildung bestimmt und bringt die entsprechenden Qualifikationen mit.“ Gleich darauf wird allerdings festgestellt: „Noch ist es dem deutschen Bildungssystem nicht gelungen, Chancengleichheit in der Schulbildung herzustellen. Folglich kann bei Studienantritt nicht von einer gleichen Qualifizierung aller Bewerber ausgegangen werden.“ Inwieweit „Chancengleichheit in der Schulbildung“ automatisch zur „gleichen Qualifizierung aller Bewerber“ führt, steht jedoch im Raum. Dazu müßten auch erst einmal alle Menschen ein gleiches Begabungspotential besitzen.

Heike Schmoll stellt in der FAZ richtig fest: „Der Staat kann nicht ,begaben’, er kann und muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich Begabungen unabhängig von Milieus entfalten können. Aus purer Verzweiflung darüber, dass Begabungen nicht umverteilt werden können, haben sich Bildungspolitiker oft genug dazu entschlossen, die Schwachen zu begünstigen und die Talentierten zu benachteiligen. Das Niveau wird gesenkt, die Begabten sind unterfordert und die weniger Talentierten nicht ausreichend gefördert, weil die Chancen ungleich genutzt werden.“ [3] Die unprofessionelle Bildungsalimentierung, verbunden mit der Predigt von der Gleichheit aller Menschen, führe zu einer Erwartungshaltung, die allzu oft in Resignation ende: „Schon in der Aufklärungszeit schoben die Bauern eine schlechte Ernte lieber auf den lieben Gott und das ungünstige Wetter als auf ihren Anbau. Es gelang deshalb nicht, sie zur Eigenverantwortlichkeit zu ermutigen. An die Stelle von Leistung und Verpflichtung waren Forderung und Erwartung getreten.

Nun ist zum Fragenkomplex Begabung und Begabungsförderung, begründet in den Anforderungen einer industriellen Technokratie, im letzten Jahrhundert viel geschrieben worden, wobei die ökonomischen mit den massenideologischen Sichtweisen nicht unbedingt korrelieren. Eine gute Zusammenfassung zum Themenkomplex der Begabungsforschung bietet das Buch „Begabungsförderung und Schule“ von Theodor Ballauff und Hubert Hettwer aus dem Jahre 1967. Die beiden Autoren machten es sich zur Aufgabe, Beiträge auszuwählen und zusammenzustellen, die es erlauben, den damaligen Stand der Forschung, bezogen auf die Schule, in ihrer historischen Entwicklung zu verfolgen und verschiedene Aspekte der Begabungstheorie zu beleuchten.

Die Sammlung beginnt mit einem Aufsatz des Psychologen William Stern, dem Erfinder des Intelligenzquotienten, aus dem Jahre 1916. Stern plädiert für die Betreibung einer Menschenökonomie. Diese bedeute eine „den Fähigkeiten entsprechende Verteilung der Menschen auf die Berufe, die Verwertung jeder Begabung an derjenigen Stelle des nationalen Schaffensprozesses, an der sie ihr Bestes leisten kann … Für die deutsche Wissenschaft aber ergibt sich daraus die Forderung, die Erkenntnis jenes geistigen Nationalschatzes an Begabungen in die Wege zu leiten und für die pädagogischen und Berufseignungsfragen nutzbar zu machen.“ Die moderne Psychologie müsse Begabungsforschung und Begabungsdiagnose betreiben.

Diese Sicht ist auf den Aspekt einer nationalen Begabungsförderung fixiert. Die Globalisierung ermöglicht heute durch Flexibilisierung und Mobilisierung des Humankapitals jedoch auch Begabungsimporte, mit deren Forcierung die Ausgaben für das nationale Bildungswesen gesenkt werden können. Konkurrierende Wirtschaftsgebilde treten dann in einen Wettstreit um die Begabten aus der ganzen Welt, deren Ausbildung sie zumeist nicht finanzieren wollen, und vernachlässigen dabei die Förderung des eigenen (nationalen) Begabungsreservoirs.

Aus der gleichen Zeit des ersten Weltkrieges datiert ein Beitrag von Wilhelm Hartnacke, dem späteren vorübergehenden Bildungsminister Sachsens, der zwischen 1933 und 1935 einen besonders harten numerus clausus einführte. Damit stand er dem im Nationalsozialismus postulierten Gedanken einer klassenlosen Volksgemeinschaft entgegen, was zu seiner Absetzung führte. Hartnacke geht auf die Begabtenverteilung in den sozialen Schichten ein und konstatiert eine Ungleichverteilung: In höheren Kulturschichten wären deutlich mehr Begabte als in den unteren Schichten vorzufinden. Er spricht sich gegen eine Einheitsschule aus und gegen die Übernahme von Schulmodellen aus Amerika, Skandinavien oder der Schweiz: „Ich finde nicht, daß man uns den Erfolg unserer deutschen Schule in der Welt bisher nachgemacht hat.“ Das ist aus einer 90 Jahre späteren Perspektive heraus eine interessante Feststellung, weil nach dem Siegeszug der „68er“ und den bald darauf folgenden katastrophalen Ergebnissen der PISA-Studien über ein schlechtes deutsches Schulsystem debattiert und Teile des angelsächsischen Studiensystems eingeführt wurde.

Der dritte Beitrag stammt vom Erziehungswissenschaftler Heinrich Roth aus dem Jahr 1952. Roth war Verfechter eines dynamischen Begabungsbegriffes, der nicht nur die Vererbung von Intelligenz- und Lernleistungen betrachtet, sondern auch auf deren Beeinflussung durch Umweltbedingungen und gezielte pädagogische Förderung Bezug nahm. In seinem Beitrag trennt er zunächst den Begabungsbegriff von der Intelligenz und kritisiert: „Die Begabungsforschung der Psychologie hat sich auf die Intelligenzforschung verengt.“ Intelligenz sei lediglich das, was der Intelligenztest messe. Dieser untersuche „die Fähigkeit, mit neuen Situationen fertig zu werden“, also eine „intelligente Anfangsleistung neuen Aufgaben gegenüber“, aber nicht die mögliche Endleistung. Begabung könne sich „nur in der Aneignung, Beherrschung und Vollendung tatsächlicher Leistungsformen unserer Daseinsbewältigung und Kulturbetätigung dartun“, bei ihr komme es auf die „Aneignung bestimmter Leistungsformen eines Faches, auf ihre Steigerung bis zur freien Verfügbarkeit, ja bis zur produktiven Anwendung echten neuen Aufgaben gegenüber“. Sie sei eine „Hinordnung auf ein bestimmtes Tätigkeitsfeld“. In etwa 80 Prozent der Fälle würde sich jedoch eine hohe Intelligenz mit hoher Begabung, die sich in Lebensleistung äußere, decken. Roth nimmt an, „daß hohe Intelligenzquotienten gleichzeitig ein Anzeichen für ein hohes seelisches Gesamtniveau überhaupt“ wären.

Als Fazit aus Roths bemerkenswerter Analyse bliebe also festzuhalten, daß jene, die sich in neuen Situationen anpassungsfähig und flexibel zeigen, bei Intelligenztests überdurchschnittlich abschneiden, während jene, die tiefgreifend und schöpferisch denken oder handeln, nicht unbedingt einen hohen Intelligenzquotienten aufweisen müssen. Die Begabungsentfaltung wiederum wäre von der Lebenssituation abhängig. So fragte bereits der Pädagoge Georg Reichwein süffisant, wie sich Begabungen, die das heutige Leben verlangt, des Wirtschaftsorganisators oder des Ingenieurs, des Fliegers oder Gewerkschaftsorganisators, im Mittelalter ausgewirkt hätten. Zu resümieren wäre auch, daß auf die Erfordernisse einer sich schnell und umgreifend ändernden globalen Welt dressierte Menschen oder Menschengruppen hohe Intelligenzquotienten aufweisen können, aber deswegen nicht zwingend schöpferisch begabt sein müssen.

Sinniert Roth im weiteren über den pädagogischen Einfluß der Entfaltungsmöglichkeiten von Begabung, geht der Psychologe Otto Engelmayer in einem Aufsatz aus dem Jahr 1953 tiefer auf den Begabungsbegriff ein. Im Rahmen von Veranlagungen wäre „Belastung“, eine Erbkrankheit oder ein geistiger Defekt das Gegenteil der körperlichen, geistigen oder gemütsmäßigen Begabung. Begabungen stünden der relativ fixen Konstante von Intelligenzquotienten schon deswegen gegenüber, weil sie sich „im Rahmen der gesamten Persönlichkeitsentwicklung in einem ständigen Werdeprozeß zu individuellen Leistungsstrukturen entfalten, ausbauen, umschichten, aber auch verfallen, verkümmern oder entarten können“. Sich auf Hartnackes sozial bedingte Begabungsverteilung beziehend stellt Engelmayer fest: „Die relativ höchste Zahl der Hochbegabten ist bei den ,Oberschichten‘ zu finden; die absolut größte Zahl aber wird von den Mittel- und Unterschichten gestellt. Auch heute noch ist demnach das ,Volk‘ das Reservoir der Begabten.“ Eine Begabungsförderung muß demnach auch die unteren Schichten umfassen, um dieses Reservoir auszuschöpfen, allerdings bleibt hierbei zu berücksichtigen, daß Aufwand und Erfolg miteinander korrelieren.

Engelmayer unterscheidet genauer in praktische Begabung, wie sie unabhängig der Intelligenz in allen Berufsständen vorkommen kann, in theoretische Begabung, historisch und sprachlich oder naturwissenschaftlich-technisch, und in musische Begabung. Zu unterscheiden wäre auch die Allgemeinintelligenz von der Sonderbegabung. Intellektuelle Begabungsrichtungen würden sich nicht vor dem 13. Lebensjahr herausschälen, während musische und praktische Begabungen wesentlich früher aufträten. Der Psychologe zitiert amerikanische Studien, die sich einerseits auf die Milieubedingungen getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge beziehen, welche größere Streuungen des Intelligenzquotienten aufwiesen als jene, die zusammen aufwuchsen, und die andererseits konstatierten, daß „die durchschnittliche Begabungshöhe der westlichen Kulturvölker im stetigen Abbau begriffen sei.“ Der Verlust würde „mit 2 bis 3 IQ-Punkte pro Generation beziffert“. Diese Feststellung wurde vor kurzem auch von dem Intelligenzforscher Volkmar Weiss empirisch nachgewiesen und populärwissenschaftlich postuliert.

Wie oben bereits festgestellt, so könnte aus heutiger Sicht entgegnet werden, daß gerade die schnellebige Zivilisation mit ihrem fortdauernden Anpassungsdruck den Intelligenzquotienten eigentlich dressieren, das Gedeihen von Begabungen aber behindern müßte. Auf diesen Aspekt geht der Sozialpsychologe Albert Huth in seinem Aufsatz von 1956 ein, der angesichts der bei damaligen Jugendlichen diagnostizierten körperlichen Wachstumsbeschleunigung und geistigen Entwicklungsverzögerung feststellte, sie hätten zu viele Wahrnehmungen und zu wenig Anschauungen: „Es dringen so viele Sinneswahrnehmungen auf sie ein, daß nichts wirklich verarbeitet werden kann; alles bleibt flüchtig und ungenau.“ Auch würden die Begabungen innerhalb von Schulklassen immer weiter streuen, was für Unbegabte wie für Begabte gleichermaßen ungünstig wäre. Diese Streuung würde sich mit zunehmendem Alter der Schüler verstärken.

Der Psychologe Karl Mierke geht auf den Anteil des individuellen Interesses auf Konzentrationsfähigkeit ein und damit auf den Willen zum Erkenntnisgewinn, welcher Begabungspotentiale fördert. Es bestünde „ein Kausalverhältnis zwischen Interesse und Leistung. … Wertgewichtige und konstante Interessen sind immer auch eine inhaltvolle und impulskräftige Komponente der persönlichkeitseigentümlichen Begabung; denn sie tragen den Bildungs- und Selbstbildungsprozeß.“ Die Erweckung und Pflege echter Interessen sei von zentraler pädagogischer Bedeutung. Es müsse eine Psychohygiene entwickelt werden, in welcher ein Jugendlicher „die leistungsfordernde Gesellschaft nicht als Feind und die sich zum Leistungsprinzip bekennende Schule nicht als Tyrann“ empfinden dürfe.

Der Sozialanthropologe Karl Valentin Müller beschreibt den Sinn der Begabungsforschung als Ziel, Begabungsreservoirs nutzbar zu machen. Begabung sei „eine nur in gewissen Grenzen entfaltbare Gabe der Natur, die den Menschen, die in eine Gesellschaft hineingeboren werden, nur in sehr unterschiedlichem Maße zuteil wird. Da den Bemühungen der Gesellschaft um Entfaltung von derartigen Anlagen verhältnismäßig enge Grenzen gesetzt sind, da es andererseits aber für jede wirtschaftlich-gesellschaftliche Hochleistung und deren Erhaltung in erster Linie auf das Vorhandensein und Zusammenwirken genügend vieler hochbegabter und begabter Menschen ankommt, ist die Frage nach dem Begabungspotential für jedes Volk und jede Wirtschaft unter allen Umständen vordringlich.

Müller beschreibt auch hinsichtlich der damaligen sowjetischen Besatzungszone, in welcher den sozialen Unterschichten gleiche oder sogar bessere Aufstiegsmöglichkeiten als den Oberschichten eingeräumt wurde, daß die Begabungspotentiale dennoch ungleich verteilt blieben. Der Grund läge auch in „unterschiedlicher Einsicht und Opferbereitschaft der Eltern“ in Bezug auf die Ausbildung ihrer Kinder. Er warnt einerseits „vor einer Überschätzung der noch zu hebenden Begabungsschätze, andererseits vor einer zu weit getriebenen Verschulung und einer Berechtigungs-Zwangswirtschaft; wir dürfen nie vergessen, daß wir um eines gesunden öffentlichen und kulturellen Lebens willen dankbar sein müssen dafür, gute Begabung und tapfere Charaktere mit und ohne schulische Ausbildung in allen Lebensbereichen anzutreffen, als unerläßliches Ferment eines freien Gemeinwesens.

Der Psychologe Wilhelm Arnold versucht, Begabungsminderung und Begabungsverschiebung empirisch nachzuweisen. So sei innerhalb von 40 Jahren zwar die manuelle Geschicklichkeit und die organisatorische Befähigung der Jugend leicht gestiegen, die Bereiche der Sprache, der Formgestaltung, der Auffassungsgabe, des Arbeitstempos und vor allem der Aufmerksamkeit einschließlich Konzentration und Sorgfalt jedoch defizitär. Überaus treffend ist das von Arnold gezeichnete Charakterbild des technokratischen Menschen:

Das Zeitalter der Technik prägt den Menschen nach der ihm eigenen Stilidee; es ist nicht der Stil des idealistischen Philosophen oder des meditierenden Gläubigen, nicht der des belletristischen Genießers oder des genügsamen Einsiedlers. Der Lebensstil des Menschen der Zahl und Technik ist gekennzeichnet durch Nüchternheit, Sachlichkeit, Fleiß und bekenntnisarme Toleranz. In diesem Lebensstil entwickelt sich unsere Jugend. Die soziale Konsequenz ist zunehmende Individualisierung bei gleichzeitiger großer Anfälligkeit für Massensuggestionen. Die Spezialisten verlieren die Übersicht und das abwägende Urteil; sie urteilen zwar in Sachlichkeit und Genauigkeit, aber befangen in ihrer persönlichen Enge.

Er widerspricht ebenfalls der „gelegentlich aus sozialpolitischen Gründen“ vertretenen Auffassung, „daß die Begabungen quer durch alle sozialen Stände hindurch dieselben seien.“ Im Gegenteil sei „Begabung zu einem erheblichen Teil erbabhängig und zu einem geringeren Teil bildungsmilieuabhängig. … Das bedeutet nicht, daß es nicht auch begabte Arbeiterkinder gäbe und etwa auch unbegabte Akademikertöchter und –söhne, wohl aber, daß die Schwerpunktverlagerung der Begabungskapazität mit einer bestimmten sozialen Schichtung zusammenhängt.

Der zweite Teil des Buches geht intensiver auf organisatorische und institutionelle Maßnahmen zur Begabungsförderung ein, so wird die „Schule für das Jahr 2000“ entworfen und die „Begabtenförderung als politische Aufgabe“ postuliert. Im dritten Buchteil werden Aufsätze zu „Begabtenauslese und Elitenbildung“ im Schulwesen vorgestellt, unter anderem die Aspekte „Förderung oder Auslese“ oder das „Das Eliteproblem und die höhere Schule“ angerissen; ein Themenbereich, den wir bereits zur Diskussion stellten.

Gerade angesichts des von selbsternannten Bildungsbürgern als „Bildungs-Ungerechtigkeit“, „Bildungskatastrophe“ und „Bildungsmisere“ postulierten Abbildes des bundesdeutschen Bildungssystems bietet das Buch ernüchternde und aufklarende Einblicke in die Bildungsforschung zu einer Zeit, als Studenten vermehrt daran gingen, weniger ans Studieren denn ans Demonstrieren zu denken. Heute bilden sie die Elite, die auch das Bildungssystem bestimmt. Das uns vorliegende Buchexemplar wurde – symptomatisch – im Jahr 2001 aus dem Inventarverzeichnis des Staatlichen Rhein-Gymnasiums Sinzig ausgeschieden.

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Elite

Man kann nicht übersehen, daß eine Elite einer Masse gegenübersteht, die deutlich weniger privilegiert ist. Die Elitediskussion tut so, als sei der Zustand der Hochschulen nicht Folge von deren Vernachlässigung, sondern Folge des untauglichen Versuchs, das Recht auf Bildung gesellschaftlich zu realisieren.“ [1]
Prof. Dr. Dr. h. c. D. Niethammer


Wohlstand und Erfolg von Individuen oder Gemeinschaften stehen in stringenter Abhängigkeit zum Vorhandensein und zur Ausschöpfung von Begabungspotentialen. [2] Die Einsicht hierzu knüpft auch an die Frage der Ausgestaltung des Bildungswesen an: Führt kostenlose Bildung für Jedermann zu gesellschaftlichem Wohlstand oder zum Mißbrauch des Angebotes („Gammelstudententum“)? Fördert „Bildung als zu bezahlende Ware“ die Qualität der Lehre und das Engagement der Bildungswilligen? Wäre eine „Begabtenauslese“ um der Förderung des Wohlstandes und der wirtschaftlichen Produktion willen notwendig?

In einer Aufsatzsammlung der Pädagogen Theodor Ballauff und Hubert Hettwer zum Thema Begabung [3] aus dem Jahr 1967 gehen die Herausgeber auch auf den Problemkreis der Begabungstheorie ein, welcher die Diskussion um eine Elitebildung beziehungsweise um die Bildung der Elite umfaßt. Die Diskussion hierüber entbehre „innerhalb eines demokratischen Staatswesens nicht ganz der Peinlichkeit“. Es drehe sich hierbei „nicht so sehr um die Problematik der Ausleseverfahren als vielmehr um die Frage“, ob überhaupt unter dem Gesichtspunkt einer „Führungsauslese“ vorgegangen werden soll, welche den Großteil einer Gemeinschaft von der Bildung ausschließt.

Allerdings ist die Perspektive der Verfasser in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts noch jene des Schrebergarten-Blickes auf eine jahrtausendalte Kulturgemeinschaft, welche sich noch nicht in jener Phase befand, in der sich ein relativ traditionelles, beständiges Kollektiv in Individuen, divergierende Lebensentwürfe und Parallelgesellschaften auflöst:

Denn so sicher es zutrifft, daß Bildung einen mittelbaren wirtschaftlichen Effekt nach sich zieht, so kann sie dies doch nur, wenn sie als sie selbst angestrebt wird, nicht aber als Mittel für etwas, das sich weitgehend in seinem eigenen Zweck-Mittel-Kreis erschöpft. Nur weil es in der Bildung um Kunst, Wissenschaft, Philosophie, um das reine Glück der Erkenntnis und der Vollendung der Dinge geht, deshalb geben eines Tages die Erwachsenen viel Geld für eine Theaterkarte aus und erwarten ein entsprechendes Gebäude für diese Kunst, nur deshalb pflegen sie mit großen Kosten ihre Gärten, nur deshalb gibt es eine Porzellanmanufaktur, – deshalb sind vielleicht diese Menschen auch bereit, hohe Summen für die Verteidigung solcher ,Kultur’ auszugeben.

Nicht die Bildung dient der Wirtschaft, sondern diese wäre weder aufgekommen noch stände sie in Blüte ohne die Bildung. Alle haben heute an solcher Bildung Anteil. Sie ist weder exklusiv noch auf die Elite beschränkt. Vom Fernsehen bis zur Erwachsenenbildung im kleinsten Dorf erstreckt sich die Anteilgabe und Anteilnahme. Auch das heißt ,Begaben’. Der Aufgabe, hierzu anzuleiten und so dem einzelnen eine echte Lebenserfüllung zu ermöglichen, sind alle schulischen Einrichtungen heute in der Demokratie unterstellt.

Ballauff und Hettwer fordern daher, aus „einer modernen Begabungstheorie, die pädagogisch und politisch der modernen Welt entspricht“, die Elitebildung heraushalten. In einer Auseinandersetzung mit derartigen Intentionen führen sie zur Begründung einer Ausschaltung der Elitebildung mehrere Punkte auf, die nachfolgend kontextentzogen aufgegliedert sind:

1. ,Eliten’ sind immer ,geschichtlich’, das heißt: Erst durch den Verlauf der Geschichte wird es möglich, sie nachträglich zu bestimmen. Denn, so muß man wohl fragen:

2. Wer kennzeichnet Gruppen als Auslese, Elite, Führungsschicht? Wer wählt sie aus? Eine schon bestehende Elite? Diese Antwort würde nicht viel weiterhelfen, außerdem einem Kasten- und Standeswesen stärkster Ausprägung das Wort reden. Wer bildet die Elite heran? Wieder eine Elite? Sind Gymnasiallehrer etwa eine solche Elite?

3. Wer wollte sich selbst zur Elite rechnen oder seine Gruppe als solche bezeichnen, zum Beispiel Berufsgruppen oder gewisse Amtsträger? Jeder Erwachsene dürfte längst eingesehen haben, daß seine Begabung zugleich Begrenzung besagt. Wahre Bildung sollte ihn zu solcher Einsicht schon früh geführt haben; das erreicht allerdings Erziehung nur, wenn sie umfassend und anspruchsvoll ist. Solche Bildung muß Maß und Richtpunkt aller schulischen Einrichtungen werden.

4. ,Elitebildung’ im Sinne von Begabtenauslese bedeutet ,Masse-Bildung’; denn die nicht Auserwählten werden zur Masse der Unbegabten, Unerwählten. Sie werden degradiert. Was ihnen bleibt, ist Resignation oder Ressentiment.

5. Elite als maßgebliche ,Führungsschicht’ muß sich die Frage gefallen lassen, wer sie kontrolliert. Etwa sie sich selbst? Das würde zu einem höchst unerwünschten Konformismus innerhalb der Elite verleiten. Jeder muß sich bereit finden, zur Übernahme und Verantwortung gemeinsamer Aufgaben herangezogen zu werden, aber immer nur in einem wohl umschriebenen Kreis und damit in begrenztem Umfang. Wieweit er Verantwortung übernehmen und tragen kann, das wird von seiner Begabung abhängig sein; das zu ermessen, wird ihn seine Bildung lehren; dazu werden ihn seine Mitmenschen ausersehen, allerdings auch nur in den Grenzen des ihnen Ermeßlichen.

6. Beurteilungen einer Gruppe als Elite sind sehr relativ. Das preußische Offizierskorps war sicher, was Disziplin, Unterordnung, Emsatzbereltschaft und manches andere betrifft, Elite; hinsichtlich der Demokratie war es geradezu ihre Verhinderung, in diesem Sinn also negative Auslese der Nicht-Demokraten.

7. Begabtenauslese und Elitebildung bringen eine höchst unerwünschte Hierarchisierung mit sich; sie rufen unangemessene Ansprüche und Forderungen der ,Begabten’ hervor. Nun ist aber in der Demokratie niemand Herr oder Diener beziehungsweise Untertan, niemand aber auch Führer. Die Politiker, die Abgeordneten, Minister sind nicht ,meine Führer’; sie gehören auch nicht, solange sie wirken und im Amt sind, einer ,Führungsschicht’ an: Ihnen ist lediglich von uns allen ein hohes Maß von Verantwortung zuerkannt worden, um deren Übernahme sie sich beworben haben. Eine Hierarchie besteht deshalb keineswegs. Ob sie ihrer Verantwortlichkeit nachkommen, das wird sich zeigen und unterliegt – zum Beispiel bei jeder Wahl – der Beurteilung aller.

8. Elitebildung droht einen Autoritarismus und Absolutismus heraufzuführen, aus dessen Abwehr gerade die Demokratie entstanden ist. ,Führer’ nehmen die Verantwortung ab. Elite und Führungskorps würden die ,Drückebergerei’ vor sachlicher, sozialer und politischer Verantwortung unterstützen und die Verantwortungsabwehr fördern.

9. Jede Auslese trägt die Gefahr in sich, der Einseitigkeit Vorschub zu leisten. Das aber sollte in einem demokratischen Staat, in dem nicht ein Heer von Spezialisten von einer auf ,Politik’ spezialisierten Führung gelenkt wird, soweit und solange irgend möglich vermieden werden.

Wohlgemerkt, es handelt sich bei allen diesen Argumenten immer um die Aufgabenstellung und Zielsetzung innerhalb der Erziehung und Bildung. Daß es überall Leistungsspitzen und -eliten, Meister und Genies gibt, das soll gar nicht geleugnet werden; daß es überall zu solcher Vollendung in Wort, Werk und Tat kommt, dazu möchte Bildung Basis und Horizont bieten, aber sie kann das alles weder produzieren noch garantieren.

Ballauff und Hettwer drängen daher auf Begabungsförderung, nicht auf Begabtenauslese. Das schlösse nicht aus, daß die ,sehr Begabten’ dieselbe Förderung erfahren wie die ,weniger Begabten’, allerdings in dem jeweilig passenden Rahmen. Dem wäre mit einem differenzierten Aufbau des Bildungswesens Rechnung zu tragen.

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