Fake Fiction

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Der neue Tatort aus Frankfurt. Wie immer innovativ. Mit dieser Folge betritt man ganz neues Genre-Terrain. In der „Fake Fiction“ besteht die Challenge darin, Ereignisse des Zeitgeschehens mit möglichst umgedrehten Vorzeichen zu inszenieren. Nicht ganz einfach, aber hier glänzend umgesetzt. Und so wird das gemacht:

Kommissar Brixens Mitbewohnerin, gespielt von der transsexuellen Schauspielerin Zazie de Paris, bietet ein paar Flüchtlingen vorübergehendes Asyl in ihrem gemeinsamen Haus, ohne des Kommissars Einverständnis einzuholen. Der findet das irgendwie blöd, also daß er jetzt auf dem Sofa schlafen muß und morgens nicht ins Bad kommt, und es passiert, was passieren muß: „Scheißflüchtlinge“ rutscht es ihm raus. Der Deutsche, und ist er auch ein cooler Kommissar, ist nah am Rassismus gebaut. Aber er merkt’s dann schon auch selber (und mit ihm die ebenfalls rassistischen Zuschauer), denn die Flüchtlinge sind damit beschäftigt, obsessiv Deutsch zu lernen, Wasserpfeife zu rauchen und richtig gut zu kochen. Sie sind nicht böse (!) und wollen niemandem, der schon länger hier lebt, etwas wegnehmen. Und so entsteht ein schönes Gruppengefühl im Lauf des Films.

Unter den Flüchtlingen ist auch eine junge Muslima. Außerhalb des Hauses trägt sie den Hijab, aber die transsexuelle Identität ihrer neuen Hausmutter stellt für sie natürlich kein Problem dar. Eigentlich würde sie gerne bei der Polizei arbeiten. Bei einem ihrer solitären, nächtlichen Patrouillen (Scharia-Police?) wird sie Zeugin eines Verbrechens. Sie verfolgt die Täterin, bis sie an ein paar richtig üble Typen gerät: Es sind, richtig geraten, Barbourjacken tragende, bayerisch sprechende blonde Deutsche. Eine allseits bekannte Problemgruppe. Und es kommt wie es kommen muß: Die Jungmänner begrabschen die Muslima ungebührlich („Was versteckst’n da? Na laß doch ma’ sehn’!“) und schlagen sie zusammen. Wir haben noch nicht so oft von solchen Vorfällen gelesen in der Presse, eher von anderen. Aber es könnte jeden verdammten Tag passieren, irgendwo da draußen. Ein mutiger Film, der inspiriert ist vom Konjunktiv, weniger vom Indikativ.

Dann ist ein neuer Abteilungschef am Start. Er hat nichts zu tun, weder als Polizist noch als Figur in dem Plot, also gibt man ihm ein Faible für Poesie. In den unpassendsten Situationen rezitiert er also Ernst Jandl. Jandl!! Mensch, wenn das mal nicht ausgefallen und skurill ist! Toll! Dabei schlägt man glatt zwei Fliegen mit einer Klappe: Das Drehbuchteam beweist seinen feinen Geschmack und der denkfaule Zuschauer begreift: hier geht es um SPRACHE!!, hier geht es um IDENTITÄT!! Aber eigentlich geht’s um NIX!!

NULLKOMMANIX!! Ein ironisches Spiel. Eben Fake Fiction.

A propos Identität. Die Identitären hat man natürlich auch in petto. Über die hat man immerhin schon mal auf Spiegel-Online gelesen. Sie sind hier, Überraschung, verkappte Nazis, die vor nichts zurückschrecken. Sie mögen die Schwarzen nicht. Nicht weil sie Drogen verkaufen oder sich illegal in Frankfurt aufhalten (was in zwei Nebensätzen thematisiert wird), sondern weil sie ethnisch nicht reinpassen. Die Identitären sind in diesem Film blonde Mädchen. Das macht Sinn, weil so ziemlich alle Identitären aus der indikativen Welt der Wirklichkeit unter Frauenmangel leiden und eher dunkelhaarig sind. Jedenfalls schrecken die Kongruenten (hihi, so heißen sie im Tatort) vor nichts zurück, um ihre faschistoide Ideologie durchzusetzen. Außerdem singen sie gern im Chor. Das ist spießig, das ist peinlich, aber vor allem ist das auch ein bißchen faschistisch.

Zum Fall. Jemand hat einen Molotowcocktail in ein Friseursalon geworfen, eine junge Deutsche kam ums Leben. Gegenüberstellung, Fingerabdrücke, Motiv, alles spricht gegen einen dunkelhäutigen Migranten, den man bereits festgesetzt hat. Aber das ist Kommissarin Janneke irgendwie zu billig. Die Sorge ist auch groß, dass die Medien Wind davon bekommen. Man will ja den Haß nicht noch mehr anstacheln. Also auch, wenn es „sehr weit hergeholt scheint“, aber der Chef weist an, noch einmal in alle Richtungen zu ermitteln. Die Kommissarin geht nochmal auf Nazijagd und kommt mit einer abstrusen Theorie zurück. „Das sind doch Vermutungen“, sagt ihr Chef. Die Kommissarin insistiert, sie hat so ein Gefühl. Aber ihr spielverderbender Vorgesetzter verlangt tatsächlich nach Beweisen.

Zwischendurch belehrt die Kommissarin das von rechtem Gedankengut verführte deutsche Mädchen, mittlerweile hauptverdächtig: „Mensch, die Hautfarbe und die Nationalität haben doch gar nichts mit Gut und Böse zu tun“. Wow! Diese grandiose Einsicht fällt unangenehm auf, aber nur, weil sie einen tatsächlichen Wirklichkeitsbezug aufweist. Ich finde aber, diesen Fauxpas kann man den Autoren schon verzeihen, haben sie mit dieser Tatort-Folge ansonsten Fake Fiction vom Feinsten abgeliefert, quasi genre-definierend.

In der Umsetzung war einzig der deutsche Humor authentisch: krampfig, ein bißchen Slapstick, etliche unbeholfene Sprachspiele. Deutsche Alternativrealitäten lassen sich eben einfacher erfinden als ein guter Witz.

[Quelle, hier sprachlich leicht korrigiert]

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18 Antworten

  1. Falls wer meint CDU/CSU bringt Veränderung:

  2. Ich habe mich nach langer Abstinenz mal wieder auf „Spiegel.Online“ umgesehen. Auch dort war man investigativ tätig wie es scheint:

    „Die freundlichen Salonfaschistinnen treffen sich mit ihrem Chor und stimmen den alten Kutschenklassiker an – Hoch auf dem gelben Wagen, tief durch den braunen Sumpf sozusagen.“

    Grandios! Na denn, ein kleiner Auszug, die 3. Strophe:
    „Postillon in der Schenke
    füttert Rosse im Flug,
    schäumendes Gerstengetränke
    reicht uns der Wirt im Krug.
    Hinter den Fensterscheiben
    lacht ein Gesicht gar hold,
    ich möchte so gerne noch bleiben,
    aber der Wagen, der rollt.“

  3. Als Kind jüdischer Eltern wuchs Zazie in Frankreich und Israel auf
    de.wikipedia.org/wiki/Zazie_de_Paris

    was hab ich gelacht…

    • Eine gute Reaktion! Lachen kann ja wohl nicht verboten sein….

    • Diesem Link folgend, habe ich die Absonderungen eines Holger Gertz in der Alpenprawda zu diesem Machwerk gelesen – warum nur mußte
      ich gleich an die Hinrichtung von Franz Ravaillac (1610) denken …

  4. Alle Achtung vor der Ekelresistenz, sich die ÖR weiterhin munter anzutun. Es wirkt aber.

    • Wir fassen diesen ÖR auch nur mit dem Seziermesser an und müssen zugeben, dieses Trash-TV nicht geglotzt zu haben. Man ist auch in einem Zwiespalt, ob man diesen Müll ignorieren oder durch Verriß aufwerten sollte.

      Der Tatort strukturiert für Millionen den Sonntagabend. Und man guckt ihn auch deshalb, um am Montagmorgen mitreden zu können. Das ist gesellschafts-bildend im doppelten Sinne des Wortes.
      Jörg Schönenborn, WDR-Chefredakteur Fernsehen, zur Kritik am neuen Rundfunkbeitrag und der Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

  5. Bleibt nur zu hoffen, dass die Abgründe zwischen Fantasien und Realität von immer mehr Menschen als eben nicht rein zufällig oder künstlerisch erkannt werden. Sonst führten sie nicht immer in dieselbe Senke.

  6. Wer sich solchen Thrash wie diesen Tatort reinzieht muss masochistisch veranlagt sein oder das Resthirn wurde durch einen Chirurgischen Eingriff einmal entfernt.
    Welcher Normale Mensch konsumiert solchen Abfall ohne das ihm eine Kotztüte gereicht wird?

    • Irgendwer muß ja schauen, wie soll man sonst bewerten und für später belastbares Material sammeln? Außerdem kann es nicht schaden sich über die Agitation und Propaganda des Gegners zu informieren, damit man zeitnah Gegenmaßnahmen treffen kann.

      Ich habe den Tatort allerdings auch nicht gesehen und nach der Rezension weiß ich, daß ich nichts versäumt habe und das ist gut so!

      • So sehr ich mir den „dies irae“ wünsche, so unwahrscheinlich ist es derzeit das er kommt der Tag des Zorns. Sicher kann man das dokumentieren und sammeln Schaden kann es nicht.
        PS.: Die Schlimmste Strafe für solche verkommenen Subjekte wie Schauspieler, Drehbuchautoren ec. die sich hergeben für bedrucktes Papier (Fiat Geld) das Deutsche Volk sinngemäß zu bespucken wäre nicht der Tod. Nein, die schlimmste Strafe für solchen Abfall der Menschheit wäre harte Arbeit zum „Hartz IV“ Satz. Deswegen machen solche Typen das, um sich vor der Arbeit zu drücken. Wie ich diesen Abschaum verachte.

  7. Die Arabeske wird ein Flop.

    Die Staats- und Dummfunker haben anscheinend ihre Zielgruppe nicht richtig analysiert, sonst hätten sie wissen müssen, dass die Satire weit über dem Bildungsniveau von Deutschen liegt, die sich solche suizidalen, von Selbsthass triefenden Streifen noch antun.

  8. Dortmunds Ex-Feuerwehrchef und die Napo (Nationale außerparlamentarische Opposition)

    http://www1.wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet/interview-klaus-schaefer-100.html

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