Tourismus-Boom

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Usedom – die deutsche Ostseeinsel mit den meisten Sonnenstunden und den rechtesten Wählern – sieht sich derzeit vereinzelten Boykottaufrufen ausgesetzt. So ist es dem Boulevardblatt STERN eine Schlagzeile und einen Artikel wert, daß irgend eine „unbekannte Person“ ein „Usedom-Haus wegen AfD-Wahlergebnis“ storniert haben will. Nachrichten, die eigentlich fast so wichtig sind, wie der in China umgefallene Sack Reis.

Die Intention der Wahrheitspresse und ihrer Lenker liegt jedoch tiefer: Man möchte einen Rückgang des Tourismus herbeirufen, um ungehorsame Wähler abzustrafen. Allerdings ist dieser Lolli ziemlich abgelutscht.

Bereits im September 2006, nachdem die „rechtsextreme NPD“ zum ersten Mal in den Schweriner Landtag einzog, schlagzeilte der SPIEGEL: „Angst vor Tourismus-Krise“ und schrieb:

Man müsse damit rechnen, dass nach dem NPD-Erfolg bei den Landtagswahlen „viele Menschen dies zum Anlass nehmen, um nicht mehr zu uns nach Mecklenburg-Vorpommern zu kommen“, sagte Seidel der „Welt“. „Als Vorsitzender des Tourismusverbandes weiß ich, wovon ich rede.“

Wußte er offenbar nicht. Im Jahr 2007 stiegen die Gästeübernachtungen in MV nach einigen Jahren Stagnation um anderthalb Millionen gegenüber dem Vorjahr, 2008 kamen weitere 1,2 Millionen hinzu, im Jahr 2009 waren es wiederum knapp eine Million mehr. Und das, obwohl die NPD im Landtag saß. Erst 2010 und 2011 gingen die Urlauberzahlen wieder leicht zurück, der Tourismus in MV stagnierte erneut.tourismus-mecklenburg-afd-npd

Zum Glück waren im September 2011 wieder Landtagswahlen, wieder wurde der Rückgang des Tourismus beschworen, selbst in Bayern schlagzeilten Gazetten: „NPD-Wahlplakate schaden dem Tourismus“ und wieder zog die NPD in den Landtag ein. Jeder ahnt sicherlich, was damals daraufhin folgte: Schwupps, stiegen die Übernachtungszahlen wieder an, zwar nur leicht, aber der NPD-Erfolg war im Jahr 2011 schließlich auch nicht so fulminant, wie 5 Jahre zuvor.

Das gleiche Bild für das besonders bösrechte Usedom. Im Oktober 2006 schrieb der SPIEGEL:

Sogar im luxuriösen Urlauber-Idyll Usedom macht sich die NPD breit. Auf Vorpommerns Vorzeigeinsel fürchten manche jetzt das Ende des Tourismus-Booms. … Jetzt aber war Landtagswahl, vor zwei Wochen, und die NPD feierte auch auf Vorpommerns Vorzeige-Insel Erfolge. Fast allerorten holte sie mehr als zehn Prozent der Stimmen. Nun fürchtet Usedoms Tourismusbranche, dass die Urlauber wegbleiben.

Umsonst gefürchtet! Angst ist immer ein schlechter Ratgeber: Trotz oder wegen der NPD stiegen die Übernachtungszahlen auf der Ostseeinsel konstant an, sackten 2010 und 2011 leicht ab, stiegen aber ab 2012 sofort wieder an, nachdem Usedom Ende 2011 zur „Nazihochburgerklärt wurde.

Das Fazit, liebe frischgebackenen Usedom-Hasser, die ihr in der Boulevardpresse so viel Gelegenheit habt, euren dämlichen Quatsch abzulassen: Verbringt euren Urlaub doch bitteschön in Duisburg-Marxloh oder in einem Rattenklo oder werweißwo, aber macht endlich Platz für die vielen sonnenhungrigen Menschen, die wenigstens ihren Urlaub ohne Handtaschenräuber, Antänzer, Linksextremisten und Rauschgifthändler verbringen möchten – und das werden immer mehr!

Nachtrag: Stornierungsschreiben (wahrscheinlich ein Fake)

Berlin, 6.9.2016

Betr. Stornierung aus Gründen
Floating House No. 2 | 6 Personen | Buchungsnr: 680717119b

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich mag die Ostseelandschaft sehr und mir gefallen Ihre Floating Houses ausnehmend gut, daher habe ich, als die ersten Wahlergebnisse für Mecklenburg-Vorpommern bekannt gegeben wurden, zunächst noch gezögert, unseren Urlaub bei Ihnen abzusagen. Nachdem ich gestern die detaillierten Ergebnisse für die Insel Usedom gesehen habe, bleibt mir (außer dem Brechreiz) nichts anderes übrig.Ich kann und will meinen Freunden nicht zumuten, sich zwei Kilometer Luftlinie von Peenemünde entfernt aufhalten zu müssen, wo 52,4 % der Wähler sich dafür entschieden haben, AfD bzw. NPD zu wählen. Ich kenne den Ort Kamminke mit seinen 12,2 % NPD-Wählern nicht einmal, aber was ich kenne, ist das populistische, rassistische, antisemitische, antidemokratische, nationalistische, europafeindliche, homophobe usw. usw. Wahlprogramm der NPD, und das der AfD.

Behalten Sie also Ihr „schwimmendes Ferienhaus, das unvergleichbare Wohlfühlambiente, den lichtdurchfluteten Wohnbereich, die Luxus-Betten, die Sonnenterrasse, das 180-Grad-Panoramafenster, die Fitnesslandschaft und den Bootsliegeplatz“.

Kein noch so stylisches Ambiente kann es aufwiegen, dass man sich dafür unter Menschen begeben muss, die bereit sind, mit Füßen zu treten und zu zerstören, was andere Menschen für eine weltoffene Gesellschaft aufgebaut haben.

Ich storniere hiermit meine Buchung. Die Anzahlung bzw. Stornierungsgebühren zahle ich mit größtem Vergnügen.

Mit demokratischen Grüßen

[…]

Antwortschreiben des Hoteliers (wahrscheinlich ebenfalls ein Fake)

Greifswald 9.9.2016

Ihr Schreiben vom 6.9.2016 betr. Stornierung Buchungsnr. 680717119b

Sehr geehrter Herr Dr. […]

mit Beschämung haben wir Ihr Schreiben vom 6.9.2016 zur Kenntnis genommen. Es tut uns sehr leid, dass Sie Ihre wohlverdiente Freizeit um ein Haar in einer Gegend verbracht hätten, in der Menschen von Ihrem demokratischen Recht auf freie und geheime Wahlen in geradezu unverantwortlicher Weise Gebrauch gemacht haben.

Beschämt sind wir allerdings auch, weil wir ihnen bei ihren bisherigen Aufenthalten nicht die ganze Wahrheit über unsere Gegend und unser Haus gesagt haben. So wurden tatsächlich in Peenemünde seinerzeit Raketen des Hitler-Regimes auf England abgeschossen; allein dies ist schon ein Indiz dafür, welcher Geist dort herrschte und wohl immer noch herrscht, insofern bildet Ihre Absage tatsächlich auch einen Rest des Widerstandes gegen das sogenannte Dritte Reich und den Hitlerismus ab.

Aber auch wir ganz persönlich haben uns ihnen gegenüber versündigt. Ohne Ihnen dies mitzuteilen, stammten de Trauben Ihres Frühstücks aus Israel bzw. der Westbank und der Honig auf Ihren aus Polen importierten Brötchen aus der Türkei, alles also Staaten, die rechtem oder faschistischem Gedankengut zumindest nahestehen. Unser Hausmädchen ist die Tochter eines deutsch-nordkoreanischen Ehepaars und wir können nicht mit letzter Sicherheit ausschließen, dass sie eine Bewunderin von Kim Jong Un ist, auch wenn sie dies nicht laut sagt. Sie hatte im Übrigen bisher keine Schwierigkeiten, sich unbehelligt auf unserer Insel zu bewegen. Vielleicht liegt das ja am gemeinsamen Gedankengut mit den hiesigen Einwohnern.

Ihr Kaffee kam aus dem Hause Dallmeyer, das seinen Stammsitz im CSU-geführten Bayern hat und unter anderem auch aus Österreich Kaffee importiert; auch hier sind Sie hilflos und sträflich den Produkten und Auswürfen rechten Gedankengutes ausgeliefert worden, ohne von uns hierüber in Kenntnis gesetzt worden zu sein.

Nichtsdestotrotz sind wir natürlich dafür dankbar, dass Sie uns auf das Fehlverhalten der hiesigen Wählerschaft hingewiesen haben und wir sind natürlich bestrebt, derartige Fehler in Zukunft zu vermeiden, wenngleich wir das Wahlverhalten der hiesigen Einwohner nicht direkt beeinflussen können. Aber wir haben als erste Maßnahme ein Fahrzeugverbot auf unserem Parkplatz für alle Fahrzeuge erlassen, die direkt oder indirekt in die menschenverachtende Maschinerie des Dritten Reiches verwickelt waren. So dürfen unsere Partplatze künftig nicht mehr von Fahrzeugen der Marten VW, Audi, Porsche, Mercedes-Benz und BMW (Hersteller oder Lieferanten von Wehrmachtsmaterial und Kriegswaffen) angefahren werden und auch unseren Sekt werden wir künftig nicht mehr von Henkell und seinen Tochterfirmen beziehen, da diese über den damaligen Reichsaußenminister Ribbentrop unseres Erachtens zu sehr mit der Führungsspitze des Dritten Reiches verhandelt war.

Wir sehen dies als quasi erste Maßnahmen an, weitere werden folgen. So werden wir künftig unser Personal und deren Familienangehörige und Freunde auf rechtes Gedankengut prüfen und gegebenenfalls adäquat den SHAEF-Gesetzen einer Ent-AfD-isierung und Umerziehung in geeigneten Lagern zuführen.

So hoffen wir, Sie nach den nächsten Wahlen dann doch wieder in unserem Hause als zufriedenen Gast begrüßen zu dürfen, sofern wir nicht mit der Belegung durch Flüchtlinge komplett ausgelastet
sind.

P.S. Selbstverständlich verzichten wir in ihrem speziellen Fall auf die Stornierungsgebühren, sofern Sie uns eine Spendenquittung über den entsprechenden Betrag an eine Nervenheilanstalt Ihrer Wahl an ihrem Wohnort vorlegen.

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2 Antworten

  1. Wie es sich für die Lügenpresse gehört, haben sie die Antwort des Quartier-Vermieters verschwiegen.

    Für eine Meinungsbildung ist diese aber unerläßlich. Alleine schon wegen des Wissens um den Doktorgrad des Widerstandskämpfers.

    Ich tippe mal auf Kulturwissenschaftler, Politolog oder irgendwas mit Soziologie.

  2. Das abgedriftete Handelsblatt:

    Die AfD hat bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern auf Usedom ihr bestes Ergebnis erzielt. Mancherorts kommt sie zusammen mit der NPD auf über 50 Prozent. Die Reisebranche ist besorgt. Denn es steht viel auf dem Spiel. … Dörthe Hausmann, Chefin der Usedom Tourismus GmbH, hat bereits besorgte Reaktionen auf den Wahlsonntag registriert. … Hausmann erinnerte an Dresden, wo die Pegida-Aufmärsche vor einem Jahr die Besucherströme bremsten. In der Elbmetropole ging die Zahl der Übernachtungen nach Jahren des Wachstums 2015 um drei Prozent zurück.

    Zu diesem Blödsinn „Pegida bremst Dresden-Tourismus“ hatten wir hier geschrieben.
    .

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