Vermintes Gelände

afd-bw.jpg

Die AfD-Opposition zerlegt sich in Baden-Württemberg wegen des sogenannten Antisemitismus-Streites. Möglicherweise hat sie damit die Chance verspielt, bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern stärkste Partei zu werden und den Paukenschlag einer anstehenden geistigen Wende in die Republik auszustrahlen. Dabei ist der Grund für das Auseinanderbrechen der Fraktion mehr als banal: Eine (pseudo-)wissenschaftliche theologisch-philosophische Ausarbeitung ihres Mandatsträgers Dr. Gedeon, welche dieser vor seinem Eintritt in die AfD publizierte. Das 2000 Seiten umfassende Kompendium soll antisemitisch oder antizionistisch sein.

Das zu beurteilen, ist nicht einfach. Die in der Lückenpresse zitierten drei oder vier Passagen sind zwar in dieser Hinsicht grenzwertig, sollten aber im Kontext bewertet werden. Offenbar sind 10 Personen der Fraktion um Dr. Gedeon der Meinung, das Geschriebene überschreite die Grenze des Sagbaren nicht, zumindest müsse das diesbezügliche Urteil eines Fachgremiums abgewartet werden. 13 Personen um Prof. Meuthen allerdings diagnostizierten einen Gedeonschen Antisemitismus bereits ohne dieses Fachgremium. Abseits persönlicher Sympathien oder Animositäten haben sich somit zwei grundsätzliche Lager gebildet: Libertäre gegen die Befürworter eines systemischen Grundkonsens, oder: Fundis gegen Realos.

Die AfD gründete sich u. a. auch aus dem Verständnis, den immer enger werdenden Korridor der politischen Korrektheit zugunsten einer wieder zu erlangenden Meinungsfreiheit zurückzuerobern. Andererseits hat das, was Gedeon an potentiellen Verschwörungszusammenhängen verfaßt hat, in der Realpolitik nichts zu suchen, auch wenn derartige Traktate – zumal auf eine wissenschaftliche Ebene gestellt und soweit sie nicht strafbar sind – in einer Demokratie zwingend zulässig sein müssen, selbst, wenn sich ein Autor mit ihnen blamiert. Während seines parteipolitischen Engagements fiel Gedeon aber offenbar nicht mit antijüdisch konnotierten Tiraden auf.

Ein Fachgremium zur Antisemitismus-Abschätzung zu bilden, dürfte schwer sein, selbst wenn man sich zur Beurteilung auf einen Juden verlassen wollte. Aber auch Juden – da staunen Philo- und Antisemiten gleichermaßen  – können unterschiedliche Meinungen haben, und je nachdem, ob etwa Gerard Menuhin („Der Holocaust ist die größte Lüge der Geschichte“) oder Barbara Traub („Krasser Fall von Antisemitismus“) als Gutachter fungieren dürfen, würde das Urteil ausfallen.

In der BRD aber gelten sowieso Sondergesetze, welche die freie Rede einschränken, wenn diese als „Hetze“ zu klassifizieren wäre. Unter dem Terminus „Volksverhetzung“, dem der Paragraph 130 des Strafgesetzbuches gewidmet ist, werden insbesondere und zuvorderst negative Äußerungen über die Judenheit geahndet, aber auch etwa die „Leugnung des Holocaust“ (die „Leugnung der Fälschung der ,Protokolle der Weisen von Zion‘ dürfte nicht darunter fallen, da diese – das ist unzweifelhaft – nicht im NS verfaßt wurden). Aber hier und nirgendwo anders verläuft auch die Grenze innerhalb des Antisemitismus: Umfaßt er von der Meinungsfreiheit gedeckte Kritik an der Judenheit oder ist er bereits Hetze gegen diese? Es wäre demnach völlig ausreichend, (Selbst-)Anzeige wegen der in Gedeons Büchern geäußerten Gedanken zu stellen und das Urteil einer höheren gerichtlichen Instanz abzuwarten, um nicht einer subjektiven Willkür Türen und Tore zu öffnen.

Da dieses Themenfeld stark vermint ist, verbieten sich emotional geleitete Vorverurteilungen. Brandenburgs AfD-Chef, Dr. Alexander Gauland, kann davon ein Lied singen, hatte er doch einen Parteigenossen aus  seinem Bundesland des „Antisemitismus“ bezichtigt, weil dieser eine Karikatur weiterverbreitete, in welcher nicht der geringste Bezug zum Judentum erkennbar war. Folgerichtig wurde der Delinquent von einem Gericht freigesprochen. Gaulands Vorwurfshaltung beirrte das nicht, eine Entschuldigung kam ihm nicht über die Lippen; er hält die explizit antikapitalistische und antiimperialistische Karikatur weiterhin für „antisemitisch“ und verrät damit auch etwas über sein Verständnis vom Judentum.

Dennoch ist allen Beteiligten prinzipiell ein gutes Ansinnen zu unterstellen: Den einen, daß sie libertäre Grundsätze konsequent umgesetzt wissen wollen, den anderen, daß sie vermintes Gelände konsequent zu meiden trachten und emotional gegen vermutete Hetze agieren, und selbst Gedeon, der die Welt über etwas von ihm als vermeintlich Böses ausgemachtes (einen „Zionismus“) aufzuklären versucht, so wie es andere Antis – bis in Verschwörungstheorien hinein – auch nicht anders oder sogar rigoroser (etwa die von SPD, Grünen, Linke und Piraten geförderte oder zumindest geduldete militante Antifa) betreiben.

Für das Land und wegen der unhaltbaren Zustände ist der Schulterschluß zwischen Konservativen, Libertären, Freiheitlichen und Sozialisten, zwischen Bürgertum und Proleten, zwischen Intellektuellen und Abgehängten – wie ihn die AfD in Führungsmannschaft und Basis gegen die miefige und bedrückende Allmacht des herrschenden Mainstrams bislang vollzog – zwingend notwendig. Der Verlust des Blickes auf die Notwendigkeiten sollte schnellstens der Wiedererlangung der Fassung und einer selbstsicheren Oppositionsarbeit inner- und außerhalb der Parlamente weichen.

.

8 Antworten

  1. Ich kann gar nicht sagen, was mich mehr ankotzt, diese ständig beleidigten Über-Opfer-Juden oder diese bekloppten Deutschen, die sich bei diesem Thema ereifern wie ein Moslem beim Verbrennen von Fahnen.

    Jeder, der bei diesem Thema Schnappatmung bekommt, soll doch bitte in eine der bestehenden …..-Arschkriecher-Parteien wechseln. Da gibt es viele Alternativen. Und das Beste: man braucht kein Gehirn dazu – Reflexe reichen vollkommen. Ich hab es so satt.

    • Wie erbärmlich. Das Wort „Jude“ darf nur im Zusammenhang mit schönen- oder Opfer-Wörtern genannt werden.

      Das Wort Arschkriecher bezieht sich auf Anhänger der Parteien. Im Kopf wurde daraus offensichtlich ein …..-Arsch. Ein sehr schönes Beispiel, wie Reflexe den Zugang zum Kern der Aussage versperren. Jude, Neger, Schwul, Populist ==> Gehirn-Bypass On.

  2. Da ist er wieder der Gründungsmythos der BRD. Und wem dabei gedanklich im Kopf eine Mine hochgeht; dies habe ich mir nicht ausgedacht, daß mit dem „Gründungsmythos der BRD“ soll von (((Joschka Fischer))) stammen.

    Zudem soll die Verteidigung Israels die „Staatsräson“ der BRD sein, laut (((Angela Merkel)))
    https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2012/grass-und-die-folgen/

    Und nach diesem kleinen Video aus „auserwähltem Kreise“ sollten letzte Zweifel ausgeräumt sein, wem die BRD dient:

    Aber im Prinzip verstehe ich die Aufregung über Dr. Gedeon nicht so ganz. (((Angela Merkel))) äußerte sich bereits eindeutig zur „staatlichen und bürgerlichen Pflicht“ und ein Grossteil der Anwesenden im Bundestag klatschte Beifall:

    Eigentlich darf man die BRD und die EU generell nicht kritisieren, weil dies ahntiesiemiehtisch wäre.

    Das Grundproblem ist einfach, daß man die BRD und ihre Sprecher ernst nimmt. Über die Äußerungen vom Karnevallsverein BRD kann man lachen. Wer das ernst nimmt, hat schon verloren.

    Der [[[Meuthen]]] gehört meiner Meinung nach jedoch wegen Antigermanismus aus der Partei ausgeschlossen.

    Kölle Alaaf.

    Die BRD gehört NICHT zu Deutschland.

  3. Jetzt warte ich eigentlich bloß darauf, daß sich aus der „Alternativen Volksfront“ auch noch das „fliegende Suizidkommando“ formiert – mit Meuthen an der Spitze! 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: