Machtvoller Ruf

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Kaum hatten wir in einem Beitrag hervorgehoben, wie wichtig für die Propaganda der Mächtigen die Zahlenvergleiche von Demonstrationen sind,  um oppositionelle Proteste marginalisieren und isolieren zu können, da erreichte uns die Meldung, daß die Dresdener resp. sächsische Obrigkeit zu einem neuen Großaufmarsch trommelt und hofft, an einem Sonnabend Nachmittag vor der Frauenkirche die schiere Gegenmasse doch noch einmal zusammenzubringen.

Dazu paßt ein Zitat der Aktuellen Kamera des DDR-Staatsfernsehens vom 9. Oktober 1989:

Es steht fest, dass die Randalierer, zumal ferngesteuert, hier niemanden repräsentieren, allenfalls sich selbst; insofern werden sie keine Chance haben.

Zur Bekräftigung dieser Aussage ließ das DDR-Fernsehen getreue Untertanen aus Potsdam, Arnstadt und Leipzig zu Wort kommen, welche die „antisozialistischen Ausschreitungen“ und das „provokante Vorgehen der Randalierer“ verurteilten.

Die Leipziger Volkszeitung präsentierte in ihrem Beitrag  „Der wahre Ruf aus Leipzig“  bereits am 12. September 1989 „zahlenmäßige Tatsachen“ zur Legitimation des Herrschaftsanspruches:

… nachdem sie am Montag mit den Rufen und Sprüchen einiger hundert Leute, die die öffentliche Ordnung zu stören versuchten, ihre Story im Block und das Klagelied auf Band hatten. Weil sie es nicht original erlebten, seien ihnen zunächst mal die zahlenmäßigen Tatsachen vom Wochenende nachgereicht. Über 250000 Bürger und Gäste der Stadt vereinten sich mit den Leipziger Journalisten am Sonnabend zu tätiger internationaler Solidarität. Und 100000 Einwohner kamen zur Großkundgebung am traditionellen Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und Krieg. An beiden Tagen also traf sich die überwältigende Mehrheit der Bürger unserer Stadt zu einem machtvollen Ruf aus Leipzig …

Also  250.000 treue Bürger gegen einige hundert unzufriedene Leute – das wäre auch eine Zielmarke für die derzeitigen Regenten, freilich ebenso ohne Garantie auf ein ewiges Weiterbestehen ihrer Machtfülle. Es waren zunächst auch nur einige hundert Menschen, die „Wir sind das Volk!“ riefen und die „zahlenmäßigen Tatsachen“ des SED-Bezirksorgans rotzfrech negierten.

Am 10. Oktober 1989 schrieb die Berliner Zeitung in ihrem Beitrag „Nachgeholfen vor surrender Kamera“ zur Niederschlagung der Proteste:

 … Gut, daß denen deutlich eine Grenze gezeigt wurde. Das lassen wir uns nicht kaputtmachen von randalierenden Trittbrettfahrern, die weder „DAS VOLK“ sind, noch der Grund, in Gang Gekommenes aufzugeben.

 Berliner Morgenpost, Leserbrief vom 19.12.2014:

„Wir sind das Volk“ wird wieder in Dresden gerufen. Nein, Ihr seid nicht das Volk, Ihr seid diejenigen die den rechten Rattenfängern auf den Leim gehen. Früher war Dresden das „Tal der Ahnungslosen“. Dies ist es scheinbar heute wieder. (Thomas Kramer, Berlin)

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Eine Antwort

  1. Am Sonnabend solls in DD Scheisse regnen. Hoffentlich ist der Wetterbericht mal ernst zu nehmen.

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