Wer ist das Volk?

19890902

Dresden hatte der Apparat zunächst nicht beachtet: Als er seine Kräfte mobilisierte, PR-Agenturen orderte, Luftballonbläser einkaufte, Darsteller der Unterhaltungsindustrie oder Funktionäre der Wissenschaftsbetriebe öffentlich parieren ließ, mediales Dauerfeuer organisierte usw. usf., da war es in der Elbmetropole bereits zu spät. Der stetig wachsende Bürgerprotest hatte irgendwann eine Teilnehmerzahl überschritten, welche die herrschende Nomenklatura auch mit allen Anstrengungen nicht mehr überbieten konnte: Seit Wochen sinkt die Zahl der Gegendemonstranten mit jeder Veranstaltung und erreicht mittlerweile nur noch etwa ein Fünftel der PEGIDA-Demonstranten. Das ist überaus erstaunlich angesichts der logistischen Möglichkeiten, welche den Machthabern immer noch zur Verfügung stehen.

Daraus konnten Lehren für andere Städte gezogen werden: Gleich im Ansatz wurden die Kräfte für die Sache der Obrigkeit derart gebündelt und potentielle X-GIDA-Demonstranten durch die im Vorfeld psychisch wirksame Propaganda und später die schiere Masse an zusammengetrommelten Untertanen derart eingeschüchtert, daß Organisatoren bzw. Teilnehmer der Montagsdemonstrationen resignieren könnten. Diese schwierige Ausgangsbasis war bspw. auch für Berlin zu erwarten:

Höchstens 300 Bärgida-Demonstranten sind gekommen. Die Gegenveranstaltung nahe des Roten Rathauses kommt auf 5000, sagt die Polizei. Dort drängen sich Antifa, Gewerkschaften, Politiker von Linkspartei, Grünen und SPD und übertönen mit ihren Sprechchören das Mikro der Bärgida. „Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht, überall.“ Oder: „Haut ab, haut ab.“

In bewährter Bürgerkriegsrhetorik jubiliert auch ein Kölner Ableger des Pressekartells:

Eine recht kleine „Kögida“-Schar auf der einen, ein beeindruckendes Bollwerk, das das Bündnis „Wir stellen uns quer“ mobilisieren konnte, auf der anderen Seite.

In vielen Städten ließ die an Menschenimporten monetär partizipierende Obrigkeit die Beleuchtung öffentlicher Gebäude ausschalten, so vom Kölner Dom, vom Fernsehturm und dem Brandenburger Tor in Berlin, von der Semperoper oder der gläsernen Manufaktur in Dresden. Ziel dabei war, beeindruckende Foto- oder Filmaufnahmen von oppositionellen Demonstrationen vor bekannten Bauwerken zu unterbinden und die Bürgerproteste gespenstisch wirken zu lassen.

Offensichtlich ist es allerdings so, daß die getreuen Untertanen der Obrigkeit in jeder Stadt nur ein einziges Mal in beeindruckender Zahl mobilisierbar sind. Konnte die Propaganda bei dem ersten Auftritt der Münchener MÜGIDA noch 12.000 Islamisierungswillige vermelden, die einem verlorenen Häuflein von „drei Dutzend“ (SZ) Islamisierungskritikern gegenüberstanden, so schrumpfte die Zahl eine Veranstaltung später auf 1.500, während die MÜGIDA – immerhin ob widrigster Verhältnisse – sich auf niedrigem Niveau auf „lediglich etwa 60 Personen“ (SZ) verdoppelte.

Die gern als „Schwanzvergleiche“ abqualifizierten Zahlenabgleiche sind für die Massenpropaganda wichtig und werden dazu benötigt, einen weiterhin bestehenden Herrschaftsansprach über die „Bevölkerung“ zu legitimieren, auch und gerade auf der Straße. Symptomatisch etwa sind Meldungen wie diese:

Die Pegida-Demonstranten in Dresden wollen nicht weniger als das Volk sein. Es ist zum Heulen, wie kümmerlich sie ihre Gemeinschaft begründen.

… oder die vorzeitige Vermeldung des Endsieges:

Das Volk hat gezeigt, was es von Pegida hält: nämlich gar nichts. … Denn das echte Volk hat gezeigt, wo es steht: Auf der Seite der Weltoffenheit, nicht auf der von Angst und Ressentiment. Pegida kann nicht mehr den Anspruch erheben, eine Volksbewegung zu sein. Allenfalls handelt es sich um ein lokales Phänomen in Dresden. Pegida ist geschlagen.

Diese Machtarroganz hätten aber auch die Bezirksorgane der DDR-Presse äußern können (und haben sie sicher auch). Als der Ruf „Wir sind das Volk“ am 2. Oktober 1989 zum ersten Mal erschallte, waren die Rufenden gegenüber den gleichfalls auf der Straße stehenden Vasallen des Regimes eindeutig in der Unterzahl:

Bei der montäglichen Demonstration hatten die Uniformierten über ihre Lautsprecherwagen verkündet: „Hier spricht die Volkspolizei!“ Die seinerzeit noch viel kleinere Menge hatte erwidert: „Wir sind das Volk.“

19891009

Bild oben: Mehrere Hundert Demonstranten am 4. September 1989: Fast ausschließlich stiernackene Männer zwischen 25 und 35 („Hooligans“).

Bild unten: Mehrere Zehntausend Demonstranten am 9. Oktober 1989: Vorwiegend Männer zwischen 30 und 60 („Wutbürger“) .

Inhaltliche Weiterführung im Beitrag  „Machtvoller Ruf“.

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4 Antworten

  1. Verd…… ! Das neue Jahr wird wohl nicht lustig werden. Wir sind jetzt wohl gefordert. Mit der Realitätsverweigerung wird´s auch immer schwieriger, weil das Fernsehprogramm so schlecht ist. Dreck ! Wir sehen uns, ich bin der mit der Monster-Niedersachsenflagge.

  2. Mein Privatsekretär reicht mir gerade die Note herein, daß auch Heino sich im größten Qualitätsblatt aller Zeiten von allem distanziert. Ich bitte daher um Entschuldigung für die obige Niedersachsenhymne und distanziere mich von allen Distanzierern ! Gleichzeitig versuche ich hiermit mein Versäumnis mit einer wohl unverdächtigen Fassung wett zu machen. Viel Freude ! Wir sehen uns !

    [ef: Film gelöscht – von dem Sänger distanzieren wir uns vorsorglich und distanzieren uns zudem von allen Nicht-Distanzierern. Es würde den Darstellern der Unterhaltungsindustrie schwerfallen, sich gegen die Verdikte der Obrigkeit zu positionieren – die Karriere wäre schnurstracks zu Ende.]

  3. Schaun mer mooool. Ich denke es ist eine konzertierte verdeckte Staatsaktion (PEGIDA), nur mit dem Problem dass es sich verselbständigt hat oder noch wird, in Richtugen die so nicht gewollt werden.

    Mal sehn.

    Bis Montach! 🙂

  4. […] EU-Beitritt absagen • Pegida-Ableger veröffentlicht gefälschten Landrats-Brief? • Wer ist das Volk? • Kauder: Pegida gefährdet Wohlstand • Migrationsrat fordert “Deutschsein” neu zu […]

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