Panem et circenses

Schland-Fan

Heute im eulenfurz-Studio ist Würgi Döf vom Fanclub „Brüllen bis zum Endsieg“.

eulenfurz: Wie wir hörten, hat das DFB-Team bei dem gestrigen Gladiatorenkampf siebenmal die aufgeblasene Murmel in den Kasten geworfen. Hast Du in der letzten Nacht ordentlich gebrüllt?

Würgi: Natürlich, wir haben zusammengesessen, auf den Bildschirm gestarrt und dann ging es los mit dem Toooooor-Gerufe.

eulenfurz: Whow, bewundernswert! Hat es denn dem DFB-Team etwas genutzt? Bekommen jetzt die Balltreter mehr Geld?

Würgi: Keine Ahnung, aber es hat Spaß gemacht.

eulenfurz: Das Brüllen? …

Würgi: Nein, da ist noch mehr. Das Feeling, dazu zu gehören zu den Gewinnern, das ist so toll.

eulenfurz: Aber was hast Du denn jetzt im Einzelnen von den Toren und dem Gladiatorensieg?

Würgi: Wir stehen gut da in der Welt.

eulenfurz: Wer? Wir? Ihr? Du? Dich kennt doch keiner in der Welt, und auf den Trikots der ballernden Legionäre ist Dein Konterfei doch auch nicht abgebildet?

Würgi: Nein, aber ich gehöre doch dazu!

eulenfurz: Zum DFB-Team?

Würgi: Zu Deutschland! Yeah!

eulenfurz: Wäre es denn dann nicht besser, einer würdigeren Tätigkeit nachzugehen, wenn man sich einem Kulturvolk zugehörig fühlt? Schau Dich doch an, Du könntest Sport treiben. Oder musiziere mit Deinen Freunden, höre Dir eine Sinfonie an, lies ein gutes Buch …

Würgi: Ähhh, wie? Laß mir doch das bißchen Spaß! Ich meine, alle zwei Jahre wird das öde Fernsehprogramm mal durch ein Event aufgepeppt. Man ist wieder wer, kann sich stolz zu seiner um den Hals gewickelten Fahne bekennen und ordentlich die Sau rauslassen.

eulenfurz: Suum cuique und jedem Tierchen sein Pläsierchen. Aber schon der römische Kaiser Trajan meinte „populum Romanum duabus praecipue rebus, annona et spectaculis, teneri“, also daß das römische Volk sich – neben dem gefüllten Futtertrog – am besten durch inszenierte Großereignisse von wirtschaftlichen oder politischen Problemen ablenken lasse. Was ist Deine Meinung dazu?

Würgi: Hab ich nicht, will einfach nur Spaß haben.

eulenfurz: Ich denke, jetzt wissen unsere Leser mehr über Deine Beweggründe. Danke Würgi.

Würgi: Ciao.

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11 Antworten

  1. „… wenn man sich einem Kulturvolk zugehörig fühlt? […] musiziere mit Deinen Freunden, …“

    Na ja … Also, damit rennt man bei Seinesgleichen wirklich offene Gummizellentüren ein.
    Ob rezente Anthropologen nun gemeinschaftlich gegrölte, kakophonische Suff-Arien wie bspw.: „Fiiiinaaaale – Oooooooooo! Fiiinaaale – Ooooooooo …!“, oder „Geeeh doch zuhauuuse, Du alte Scheiiiiße!“ u. dgl. mit dem Terminus „Kultur“ adeln würden, lassen wir mal dahingestellt. Allerdings träfe das dann wohl auch schon auf den Akt des Sich-gegenseitig-mit-Kacke-bewerfens unter Schimpansen zu.

  2. Selbst wenn man das WM-Ereignis ablehnt, weil es politisch missbraucht wird: das drauf Rumgehacke machts nicht besser. Aus der vornehmen Ignoranz wird dann arrogante Überheblichkeit. Und die gefühlte moralische Überlegenheit schwächelt an einer anderen Stelle. Um Thomas Müller zu zitieren: „Man sollte die Kirche mal im Dorf lassen.“

    Jedem das Seine. Fussball ist, reduziert betrachtet, eben ein Wettkampf, und Wettkämpfe elektrisieren die Menschen nun mal.

    • Natürlich ist das Rudelbeglotzen von Wettkämpfen eine anthropologische Konstante. Das ist aber kein Grund, dieser Tätigkeit irgendetwas Gutes abzugewinnen, es sei denn, man ist Machthaber oder Rudelglotzer.

  3. @Gerry
    Sehr richtig: Wettkämpfe elektrisieren die Menschen. Ja, sie elektrisieren sogar Menschenmassen.
    In Deutschland ist es der (Männer)Fußball, der die Massen besonders elektrisiert. Eine WM im Synchronschwimmen elektrisiert weniger Menschen.
    In anderen Ländern sind es andere Spiele wie Baseball oder andere Veranstaltungen, wie der Super Bowl..
    Und zu anderen Zeiten waren es auch andere Spiele (z.B. Christ vs. Löwe)

    Wie die Überschrift schon in klassischen Worten sagt: Brot und Spiele
    oder in modernen Worten: Chips, Bier und Spiele

  4. Ich bin ja mit allen einverstanden, Brot und Spiele … Nur, die Fans von Synchronschwimmerwettkämpfen werden nicht kritisiert. Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund verirrt sich die Angie auch niemals nicht in den Umkleidekabinen der Synchronschwimmer…

    • Wahrscheinlich, weil sich die Synchonschwimmerfans gesitteter benehmen und es sich um eine Klientel handelt, die ein eher fachliches Interesse an der Bemusterung ihrer Wettkämpfe zeitigt. Es ist auch nichts gegen Ballspiele und Wettkämpfe einzuwenden, wenn man sie selbst ausübt und nicht hohlbirnig konsumiert. Diese globale Massenbespaßung hat mit dem kollektiven Rudelglotzen, der Kostümierung mit Wegwerfartikeln und der ubiquitären Ekstase schon eine gewisse Eskalationsstufe der Widerwärtigkeit erreicht.

      • … und nicht zu vergessen, mit den südafrikanischen Plastiktröten, welche die Schland-Partyidioten sich damals zugelegt haben und seitdem alle zwei Jahre wieder aus dem Schrank hervorkramen (Wenn diese Konsumsklaven auch sonst alles im Eiltempo wegschmeißen – ihre Smartphones, ihr ganzes Elektrospielzeug, ihre Autos usw. – Die Negertröten behalten sie ewig!), die als Ausdrucksmittel für kollektive Brägen-Insuffizienz schlicht nicht zu toppen sind. Allein das Geräusch eines BSE-kranken Rindviehs passt einfach wie die Faust auf’s Auge.

  5. Wer so die eigene Meinung zur Religion erhebt, wirkt überheblich. Wenn 80% der deutschen Fernsehzuschauer sich an einem Fußballspiel erfreuen, anstatt eine Symphonie zu hören oder ein Buch aufzuschlagen, ist das ihr gutes Recht. Wer hier nach einem Nutzen fragt oder gar zu blasiert Fußball als tumbes Medienspektakel brandmarkt, beweist bestenfalls das Er anders ist, aber keineswegs besser. Daran ändern auch blasierte Zitate in einer toten Sprache nichts

    • Natürlich ist es ihr gutes Recht, sich vor einem Fernseher an einem Ballerspiel oder der Sesamstraße oder dem Glücksrad zu erfreuen, schließlich zahlen sie als mündige Bürger auch ihre Fernsehsteuer.

      Wer erhebt eine Meinung zur Religion, der jedem Tierchen sein Pläsierchen zubilligt? An dem Symptom der Massengesellschaft können wir nichts ändern, bestenfalls die Vielzuwenigen bestärken, welche die realexistierenden Grotesken aus einer nonchalanten Distanziertheit betrachten. Und: Wir schreiben hier nicht für die Masse, denn wir bekommen Auflage nicht bezahlt. Das unterscheidet uns von der BILD-Zeitung.

  6. Es gibt auch gesittete Fussballfans mit fachlichem Interesse, sag ich mal. Kollegen wie ppq wird man ja wohl kaum „widerwärtiges Rudelglotzen“ nachsagen können/wollen.

    JohnPlumber hat diesen Artikel anscheinend ähnlich aufgenommen. Man kann diese kritisierten Erscheinungen ablehnen, muss man wohl auch automatisch als Person mit gutem Geschmack, aber diese Meinung dann hämisch nach aussen zu tragen entspricht nicht der angestrebten Kultiviertheit.

    • Nun, es war zu erwarten, daß einige getroffene Hunde bellen, auch jene, die sich aus patriotischer Verzweiflung an jeden schwarzrotgoldenen Rockzipfel hängen, den sich Lieschen Müller aus Jux um die Hüfte wickelt.

      Ernsthafte Freunde des Fußballspiels oder der Philatelie oder der Ornithologie kann man mit dieser temporären Massenpsychose, die auf Fanmeilen oder trötenden Glotzkästen ihren Kulminationspunkt findet, freilich nicht gleichsetzen. … Obwohl, wenn man sozialhistorisch betrachtet, tritt dieses Hobby-Gehabe auch erst im Spätstadium einer Kultur auf. (Hoffentlich ist jetzt nicht wieder jemand betroffen. Soooorry, yeah und Entschuldigungströöööt.)

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