Straußfälscher

Richard Strauss NS

Der Bayerische Rundfunk (BR) berichterstattet anläßlich des Richard-Strauß-Gedenkjahres über den letzten großen Komponisten des Abendlandes:

Auch Richard Strauß sitzt vor dem Radiogerät, als der reichsdeutsche Rundfunk die Sondermeldung der deutschen Kapitulation bringt. Danach notiert er: „Vom 1. Mai ab ging die schrecklichste Periode der Menschheit, 12-jährige Herrschaft der Bestialität zu Ende, in der 200 jährige Kulturentwicklung Deutschlands durch eine verbrecherische Soldateska zugrunde gerichtet wurde.“

Die einzige Quelle im Internet, welche diesen Ausspruch ansatzweise bestätigt, ist in dem Buch  „Karen Painter und Thomas E. Crow: Late Thoughts: Reflections on Artists and Composers at Work“ als Fußnote niedergelegt. Dort wird Strauß folgendermaßen zitiert:

Aber vom 1. Mai ging die schrecklichste Periode der Menschheit, 12-jährige Herrschaft der Bestialität, Ignoranz und Unbildung unter den größten Verbrechern zu Ende, in der 2000 jährige Kulturentwicklung Deutschlands zugrunde gerichtet und unersetzliche Baudenkmäler und Kunstwerke durch eine verbrecherische Soldateska zerstört wurden.

Diese Notiz soll in Faksimile zu finden sein in „Kurt Wilhelm: Richard Strauss persönlich: Eine Bildbiographie. München: Kindler 1984“.

Wann genau der am 8. September 1949 in Garmisch-Partenkirchen verstorbene Strauß eines der beiden Zitate niedergeschrieben hat, ist nicht erkenntlich. Dubios sind beide.

  1. Richard Strauß war in die NS-Herrschaft integriert, wenn er auch einige Exzesse ablehnte, die sich in seinem persönlichen Umfeld abspielten. Kurz nach einem verlorenen Krieg und ohne die langjährige Erfahrung antifaschistischer Umerziehung über die „schrecklichste Periode der Menschheit“ und „12-jährige Herrschaft der Bestialität, Ignoranz und Unbildung“ zu lamentieren, ließe bestenfalls den Schluß zu, daß er sich den neuen Herrschern anempfehlen wollte und in plumper Opportunität schnellstmöglich die Termini sowjetischer Propaganda übernahm.
  2. Eine 200- oder eine 2000-jährige Kulturentwicklung Deutschlands? In letzterem Fall adaptiert Strauss die von Völkischen geprägte und dem NS beschworene Metapher des „Tausendjährigen Reiches“ (welche die Inthronisierung des ersten deutschen Kaisers als Geburtsstunde des Deutschen Reiches terminiert); in ersterem Fall bezöge er sich eher auf die Hochepoche klassischer Musik. Die Null wäre deshalb wichtig, weil sie viel über die Sichtweise des Verfassers auf die deutsche Kulturgeschichte verrät.
  3. Im Zitat des BR geht wegen einer „12-jährigen Herrschaft der Bestialität“ die „Kulturentwicklung“ durch eine „verbrecherische Soldateska zugrunde“. Im Buchzitat hingegen wird auch auf „Baudenkmäler“ Bezug genommen, die „durch eine verbrecherische Soldateska zerstört wurden“, womit höchstwahrscheinlich die angloamerikanischen Bombardements deutscher Städte gemeint sind. Das hört sich ganz anders an, nennt (auch) andere Schuldige und paßt eher zum Duktus der Zeit.

Richard Strauß kann sich heute nicht mehr gegen Aussprüche wehren, die ihm in den Mund gelegt werden. Daß der Bayerische Rundfunk Zitate fälscht, ist sehr wahrscheindlich.

Bild oben: Richard Strauß 1934 bei einer Rede als Präsident der Reichsmusikkammer: Ein Opportunist war er in jedem Fall. Das ändert nichts an der Großartigkeit seiner Werke. 

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4 Antworten

  1. Warum soll denn Richard Strauß ein Opportunist gewesen sein?
    Dieses Urteil wäre nur dann angebracht, wenn die vom Staatsrundfunk kolportierte Aussage nachweislich (!) in der Weise gefallen wäre, wie sie die Bayern behaupten. Aber schon die Existenz zweier völlig widersprüchlicher Versionen zeigt ja, daß gelogen wird. Vermutlich sind beide Versionen erfunden und Richard Strauß hat etwas völlig anderes gesagt.

    Tatsächlich deutet alles darauf hin, daß Richard Strauß den großen Aufbruch des Deutschen Volkes mit Begeisterung begrüßt hat, so wie Millionen der übrigen Deutschen dies aus gutem Grund getan haben.
    Man darf ja nicht vergessen, daß die Regierung innerhalb weniger Monate die Arbeitslosigkeit besiegt, den Deutschen ihr Selbstbewußtsein wiedergegeben und jeden Arbeitenden besser gestellt haben.

    Es dauerte nicht lange, da erfuhren viele ein Niveau des Wohlstandes, an das schon niemand mehr hatte glauben wollen.
    Seitdem ist es keinem Kanzler mehr gelungen, die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. 1933, als Roosevelt gewählt wurde, versuchte der US-Präsident alles, um dieses Problem wenigstens ansatzweise zu mildern. Trotz massiver Aufrüstung hat er dabei vollkommen versagt!

    Die deutschen Arbeiter konnten plötzlich in Urlaub fahren, das hatte es noch nie vorher gegeben. Die Kreuzfahrschiffe der KdF durften in britischen Häfen nicht landen, weil die englischen Arbeiter nicht sehen sollten, wie gut es den Deutschen ging.

    • Das mag für die übergroße Mehrheit der Deutschen zutreffend gewesen sein, bei Strauß standen aber mehrere Faktoren dagegen:

      – eine jüdische Schwiegertochter und damit halbjüdische Enkel,
      – ein hohes Alter 1933 und damit ein gewisses Unbeteiligtsein an der Machtübernahme durch den jungen NS („… und mögen die die Alten auch wettern …„)
      – ein kosmopolitische Saturiertheit auch in der Weimarer Zeit, so daß bei ihm kein Bedarf an einem Machtwechsel bestanden haben dürfte

      Mitgerissen wird ihn der Aufbruch sicherlich auch, so wie fast alle der eingefleischtesten NS-Gegner. Man kann sich das heute bestenfalls ansatzweise vorstellen, wenn die Massen ein Schland-Fußballspiel beglotzen und man sich – bei aller Ablehnung derartiger Spektakel – einer Massenbegeisterung psychisch doch nicht ganz entziehen kann. Vor allem, wenn auch das persönliche Umfeld begeistert ist und man den „Anschluß“ nicht verpassen möchte. Gruppendynamik!

      Noch etwas zur Darlegung des Straußschen Opportunismus:

      In einem von der Gestapo abgefangenen Brief an Stefan Zweig bekannte Richard Strauß: „Für mich existiert das Volk erst in dem Moment, wo es Publikum wird. Ob dasselbe aus Chinesen, Oberbayern, Neuseeländern oder Berlinern besteht, ist mir ganz gleichgültig, wenn die Leute nur den vollen Kassenpreis bezahlt haben.

      Der darauf folgende Straußsche Entschuldigungsbrief an Hitler wird mit „Mein Führer!“ eröffnet und mit „Ihr stets treu ergebener Richard Strauss“ beschlossen. Hitler antwortet nicht.

      Joseph Goebbels notiert in seinem Tagebuch: „Diese Künstler sind doch politisch alle charakterlos. Von Goethe bis Strauß.

  2. Tja, leider können sich Tote nicht wehren.
    Heidegger nicht gegen ein erfundenes Zitat von Elke Heidenreich und Uwe & Uwe nicht gegen die Dönermorde, die man ihnen anhängt.

  3. Die lügen ja nicht direkt. Sie lassen nur Fakten weg. Wie Stalins Retuscheure die Bilder in Ungnade gefallener Bolschewiken. Und ist es nicht der Auftrag der ÖR, also auch des BR, Ideologie zu verbreiten, statt Bildung? Dem kommt der BR doch nach.

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