Jakriborg

Jakriborg

Jakriborg, eine Modellstadt des „Neuen Städtebaus“, liegt in Schweden unweit von Malmö. Angelehnt an die regionalen Dorfstrukturen und an die Hansestädte entlang der Ost- und Nordseeküste setzt die Architektur auf über Jahrhunderte bewährte Lösungen.

Die Stadt ist vor allem von den spitzen, steil geneigten Dächern und von Gassen und Gäßchen geprägt. Die Fassadengestaltung und deren Farben soll an Städte erinnern, wie sie in Dänemark, Deutschland und den Niederlanden üblich sind. Jakriborgs Straßen haben mittelalterliche Straßenführungen, Kopfsteinpflaster, Plätze, Nischen und Winkel. Eine Stadtmauer entlang einer Bahntrasse schützt vor Lärm und Staub.

Der Name Jakriborg leitet von der Immobilien-Gesellschaft Jakri ab, die das Gelände absichtlich über einen längeren Zeitraum bebaute. Das geschah einerseits aus wirtschaftlichen Gründen und andererseits, damit Baufehler bis zu ihrer Entdeckung möglichst nicht zu häufig wiederholt werden. Die ersten Mieter zogen im Jahr 1999 ein, 2007 waren 400 Häuser fertig und bezogen. Von der Gesellschaft wurden Grundstücke gekauft, auf welchen über 3.500 Wohnungen Platz finden sollen.

Ebenso wie das britische Dorf Poundbury bei Dorchester in der Grafschaft Dorset ist Jakriborg eine Modellstadt für eine nachhaltige Entwicklung urbaner Gebiete, welche sich an traditioneller Architektur orientiert. Dörfer und Städte hätten sich über Jahrtausende dem Bedarf und Geschmack ihrer Bewohner angepaßt, bis der architektonische Totalitarismus – als „Moderne“ getarnt – das kasernierte Wohnen in funktionaler Unterwerfung verordnete. Bei der Entwicklung Poundburys gehörte es hingegen zum Gesamtkonzept, Sozialwohnungen und Privathäuser in einem kleinstädtischen Gefüge zu mischen.

Ein Beobachter konstatiert „die Beliebigkeit und Austauschbarkeit der modernen Architektursprache“ und resümiert:

Die ausdrückliche Forderung nach der harmonischen Integration eines Neubaus in seine bauliche Nachbarschaft, der Respekt also vor dem „genius loci”, dem Geist des Ortes … Ein Haus sollte nicht nach Aufmerksamkeit schreien, sondern sich in das Gesamtkunstwerk Stadt einfügen. Ein Architekt sollte bei der Planung nicht das spätere Urteil seiner Kollegen, sondern die Bedürfnisse und Wünsche der Bürger im Kopf haben. Zu diesen Wünschen zählt auch das zunehmende Bedürfnis vieler Menschen, in einem Gebäude wieder die spezifische Identität des Ortes zum Ausdruck gebracht zu sehen. Allein das macht einzigartig und unterscheidet.

Doch diese Auffassung steht im krassen Gegensatz zur globalistischen Weltanschauung, die sich auch in der modernen Architektur ausdrückt. Ein in diesem Sinne gestaltetes Gebäude kann problemlos in Berlin, Kapstadt, Seoul oder New York stehen. Denn dessen Architekten interessieren sich weder für seine Umgebung noch die kulturellen und historischen Eigenheiten seines Standortes. Der traditionsgetreue Baustil ist dagegen deutlich vielschichtiger als der Modernismus.

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13 Antworten

  1. Ich kann das Wort „nachhaltig“ bald nicht mehr lesen.

    Zu Jaktiborg. Es ist also ein Disneyland, das die Architektur einer mittelalterliche Stadt vorspiegelt, einer natürlich gewachsene Stadt?

    Die Straßen wirken allerdings ein wenig steril und da jetzt auch noch Grünzeug zu pflanzen, würde die Fortbewegung sicher mächtig behindern. Von Bänken sieht man auch nichts, um mal zu rasten. Frühere Stadtväter wußten, daß ein Bedürfnis dafür da ist. Aber was soll man beim Verweilen betrachten?Die gegenüberliegende Fassade? Geschäfte gibt es ebenfalls keine. In den engen Straßen. Nicht mal Attrappen davon. Wie langweilig.

    Dürfen in den Gassen auch Automobile fahren oder sind die verbannt? Aber ich sehe schon, der Flecken „Stadt“ ist nicht wirklich groß und man kann sein Fahrzeug gerne am Rande abstellen obwohl es sicher unbequem ist, hat man einen größeren Einkauf oder muß sieche Greise transportieren. Ein interessantes Projekt. So, wie Lisa Simpsons Zahn in der Petrischale. Aber Wohnen möchte ich da nicht.

  2. Sowas gruseliges wie die Ansicht auf dem Bild habe ich lange nicht gesehen. Man sieht auf den ersten Blick, dass die Abwesenheit eines Reißbrettes am Reißbrett entworfen wurde.

    Das Ganze ist selbstverständlich in erster Linie ein Slogan, ein Marketingmasche, zu keinem Zeitpunkt eine Spur authentischer als jede Plattenfassade. Eine Fortsetzung der Legende vom Goldenen Zeitalter: Früher war alles besser, also auch die Architektur.
    Ein Haus soll nicht nach Aufmerksamkeit schreien? Wer davon ausgeht, sollte sich mal (echte) historische Altstädte ansehen und lernen.

    • Was wären denn die Alternativen zu derartigen Neubauten? Plattenbau-Minimalismus? Reihenhaus-Einöden? Zuckerbäcker-Kitsch?

      • Die Alternative wäre vielleicht, gewachsene Strukturen nicht einfach als äußerlich übergestülpten Mantel vorzutäuschen, sondern Wirklichkeit werden zu lassen: kleinste Grün- und Restflächen jeglicher Art, vom Obstbäumchen mit Beerengebüsch über den Fassadenwein und Wildkräuterfleck bis zum Gemüse- und Kräutergärtchen hinterm Haus, Brunnen, Bänke, Freiheit für jeden Verkehr trotz Enge, gewiss bei Park- und Geschwindigkeitsregulierungen, und vor allem Läden und Gaststätten in den Straßen statt irgendwo in einem „Zentrum“, Wohnen, Freizeit, Arbeit und Ausbildung gemischt am Ort mit kurzen Wegen statt Schlafstädten und viel Verkehr zwischen den verschiedenen, fein säuberlich getrennten Bereichen.

      • Ein richtig schöne und gleichzeitig ökonomische Lösung gibt es nicht, aber um diese neue Variante der Copy/Paste-Zweckarchitektur so viel Bohei zu machen, es zu einer Bewegung zu erklären, scheint mir etwas übertrieben.

      • Ging es hier um Alternativen? Wußte ich nicht. Sorry.

    • Vielleicht nicht authentischer, aber gefälliger ist es allemal. Das ist aber nur meine persönliche Meinung. Moderne Zweckbauten und futuristische Betonklötze beleidigen einfach mein ästhetisches Empfinden. Sie würden auch in 200 Jahren (so sie dann überhaupt noch stehen) keinen historischen Wert besitzen, höchstens als abschreckendes Beispiel. Ein gravierendes Beispiel von geschmacklichem Totalausfall ist für mich das schottische Parlament in Edinburgh am Ende der Royal Mile, unweit von Palace of Holyroodhouse. Aber das ist nur meine Ansicht als Laie

  3. Diese Wohnsiedlung sieht besser aus als das ganze zusammengewürfelte Zeug was einem so allerorten vorgesetzt wird.(Ich denke an Deutschland) Jeder baut wie er will und so sieht es dann nachher auch aus. Wohne selbst in so einer Stadt und es beleidigt meine Augen.
    Jakriborg fehlt noch etwas Grünzeug und die natürliche Gewachsenheit. Sicher. Bei einem Reißbrettentwurf muss man Vorsicht walten lassen und auch der Indiviualität einen Spielraum geben bzw. ihn vorplanen.
    Aber ich sah schon ein Graffutti. Wenn das nicht identitätsstiftend für die Schweden ist. Alles bahnt sich seinen Weg.
    http://s8.photobucket.com/user/binjakob/media/P1010534.jpg.html
    Auch könnten die Leute ihr Schuhe vor die Tür stellen und irgendwelchen Plunder an die selbige hängen. Haustiere und Nutzvieh aussperren. Die Wege mit dem Hammer bearbeiten und Sämereien auswerfen. Ein paar leichte Schnitzerein in die Fensterrahmen… Da geht was.

  4. Ich will die Blogbetreiberin aber loben, daß sie immer so etwas Schönes im Netz aufspürt. Ach wenn Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt. Geschmäcker sind aber unterschiedlich. Zum Glück.

  5. Ich freue mich, daß hier so rege Teilnahme entstand. Das Entzücken ist ebenso berechtigt wie die ernüchterten Einwände. Aus beidem soll uns einst die Zukunft werden. Noch gibt es nur Fragmente…

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