Totale Demokratie

Kräftemessen

In Magdeburg fand am Wochenende eine Meile der Demokratie gegen rechte Gruppen statt, die nach eigenem Bekunden einen „Trauermarsch“ für die zivilen Opfer des Flächenbombardements deutscher Städte initiierten. Eulenfurz sprach mit Roswita Kruszinski-Schimpanski von der Initiative „Betr.offen e. V.“ über den Erfolg der Gegendemonstrationen.

eulenfurz: Guten Tag, Frau Kruszinski-Schimpanski. Gleich die erste Frage: War das Wochenende für Sie und Ihre Initiative erfolgreich?

Roswita Kuszinski-Schimanski: Es ging so, es waren ja mehrere tausend Demokraten auf den Beinen, um auf der Meile der Demokratie zu tanzen und zu lachen und einfach fröhlich miteinander zu sein. Allerdings sind im Vergleich zu den Teilnehmerzahlen vor 1989, also am 1. Mai, viel weniger Mensch*innen bereit, für unsere Partei und Staatsführung beziehungsweise gegen den imperialistisch-faschistischen Feind auf die Straße zu gehen, eine Bockwurst zu essen und die vielfältigen Vergnügungsangebote wahrzunehmen. Damals waren es, auch in Magdeburg, alljährlich mehrere Zehntausende Genoss*innen.

eulenfurz: Das waren auch noch andere Zeiten, heute gibt es doch bei der Mobilisierung eher Probleme mit der Bekanntmachung, oder?

Roswita Kruszinski-Schimpanski: Der Staatsfunk und die Regionalpresse hatten aber immer wieder geschlossen und ausführlich berichtet über den Naziaufmarsch und wie wichtig es ist, Zivilcourage zu zeigen gegen die braunen Bestien, welche unsere wunderschöne Demokratie vernichten wollen. Da hatten wir mehr erwartet.

eulenfurz: Vielleicht eignet sich das Thema doch nicht so, schließlich wollen die Rechten an Tote erinnern und an, wie die es nennen, das Unrecht der Kriegsführung gegen Zivilisten.

Roswita Kruszinski-Schimpanski: Wir haben aber über den Staatsfunk die eindeutigen Botschaften versendet: hier Menschen, die für Offenheit und Toleranz auf die Straße gehen, dort Rechtsextremisten, welche Tote für ihre Zwecke mißbrauchen.

eulenfurz: Wäre es nicht beängstigend, wenn die nun ihrerseits den Vorwurf gegen die Demokraten richten, daß diese zum Beispiel die NSU-Toten oder die Auschwitzopfer für ihre Zwecke, nämlich die politische Agenda, ge- oder mißbrauchen?

Roswita Kruszinski-Schimpanski: Das ist doch Quatsch! Sehen Sie, die Flächenbombardements deutscher Städte sind eine Antwort der Alliierten auf die deutschen Kriegserklärungen, aber hatten Jud*innen Deutschland jemals den Krieg erklärt? Oder zu den NSU-Morden – hat ein Migrant*in jemals einen Deutschen ermordet?

eulenfurz: Zurück zu Magdeburg. Es gab Übergriffe auf Polizisten, ein Kabelschacht der Bahn wurde in Brand gesteckt, so daß Bahnstrecken nach Magdeburg ausfielen. Fällt das nicht auch in die Kategorie „Extremismus“, vielleicht sogar eher, als eine friedliche Demo von Rechten?

Roswita Kruszinski-Schimpanski: Natürlich nicht, die Extremismusklausel ist doch abgeschafft, wie Sie wissen. Wer sich gegen den inneren Feind mobilisieren läßt, zählt zum Spektrum der demokratischen Kräfte. Natürlich sind die Vorfälle unschön, doch ist es sinnvoll, revolutionäres Potential zu bündeln und gegen Rechts zu kanalisieren.

eulenfurz: Deswegen sprechen die staatlichen Rundfunkanstalten einheitlich von „Linken Gruppen“ oder „Linksaktivisten“, statt von Extremisten?

Roswita Kruszinski-Schimpanski: Korrekt. Extrem ist, was am gesellschaftlichen Abseits steht und was entfernt werden muß wie ein Krebsgeschwür. Ein operativer und gegebenenfalls auch blutiger Eingriff zu dessen Entfernung sollte nicht mit dem bösen Begriff der „Gewalt“ stigmatisiert werden.

eulenfurz: Also dreht sich in der Darstellung der Gegebenheiten vieles um Begriffs- und Deutungshoheiten?

Roswita Kruszinski-Schimpanski: Ja, natürlich.

eulenfurz: Dienen diese Sprachregelungen der Euphemisierung oder Diskreditierung von Personen, Gruppen oder Ansichten?

Roswita Kruszinski-Schimpanski: Sicherlich auch, denn das sind Werbebotschaften: Wenn auf der einen Seite tolerante Menschen stehen, auf der anderen dumpfe Extremisten, dann werden die angesprochenen Empfänger*innen der Botschaften – durch den übermittelten Duktus inspiriert – von sich aus für die richtige Seite Partei zu ergreifen. Außerdem aber dienen die Sprachregelungen zur Klärung der Fronten: Was ist erwünscht, was ist schändlich. So ist es zwar noch nicht verboten, Luftkriegstoten zu gedenken, doch wer es macht, stellt sich ins Abseits.

eulenfurz: Wieso eigentlich ins Abseits?

Roswita Kruszinski-Schimpanski: Sie wissen doch, wem alles mittels Schweigeminuten und Gedenkzeremonien offiziell gedacht wird. Es ist eine Binsenweisheit, daß sich politische Lehren am besten durchsetzen lassen, wenn sie emotional begleitet werden. Wir sind nach Jahrhunderten der Dunkelheit nun endlich auf dem besten Weg in die totale Demokratie. Und plötzlich kommen da welche an und behaupten: „He, ihr habt selbst Leichen im Keller!“ Das beeinflußt massiv unsere emotionale Lufthoheit, das beschneidet unsere Macht über die Psyche der Bevölkerung.

eulenfurz: Und das wäre in der Tat schrecklich.

Roswita Kruszinski-Schimpanski: Schließlich sind es nur noch wenige Schritte in die tolerante Friedensgesellschaft, da muß jeder Störer beseitigt werden.

eulenefurz: Vielen Dank, Frau Kruszinski-Schimpanski, die für die Initiative „Betr.offen e. V.“ im eulenfurz-Studio ein Interview gab.

Roswita Kruszinski-Schimpanski: Bitteschön.

Bild oben: Bei den Versammlungen in Magdeburg gab es neben dem Kräftemessen zwischen friedlichen Extremisten und gewalttätigen Demokraten auch eine kleine Geste der Versöhnung.

3 Antworten

  1. Wie geil ist das denn!!! Der Text ist genial! 🙂

  2. Das Foto muß eine der seltenen Aufnahmen vom Bootsdeck der Titanic sein: Der Kampf um die Rettungsboote.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: