Kot eines Kritikers

Marcel Reich-Ranicki

Also hat Martin Walser Unrecht gehabt: Der Kritiker ist doch tot, mausetot! Ein später Sieg des schmählich Verspotteten über einen widerlichen Schundroman, ein Stinkefinger aus der kalten Gruft. Jener Literaturkritiker, der „seit Jahrzehnten so viel für deutsche Literatur und die Sprache der Nation“ (Die Welt) getan hat, ist hämisch grinsend von der Bühne gegangen. Einfach so.

Ohne ihn wäre ein Goethe oder Schiller oder Kleist überhaupt nicht denkbar! Oder ein Günter Grass. Doch der war in der Waffen-SS und schrieb später „ein ekelhaftes Gedicht“ mit seinem „letzten Tropfen Tinte“. Armer Kerl! Aber Grass tropfte nicht immer eklig. Etwa auf die grassierende Blechtrommel.

Erst fand der große Literaturkritiker das Buch „scheifße“ und kritikasterte es in Grund und Boden. Drei Jahre später stellte er allerdings fest: „Die Leute waren so hingerissen davon, dass ich es mir noch mal angesehen und festgestellt habe, da ist schon etwas dran.“ Seitdem war die Blechtrommel wenigstens „humorvoll“. Man wächst eben mit seinen Aufgaben!

Ach, hätte der Literaturpapst auch andere Bücher nur zweimal oder dreimal oder zehnmal gelesen, so manch einem literarischen Wunderkind wäre ein bitteres Schicksal als Taxifahrer erspart geblieben! Aber so? Nur Ich-Erzähler weit und breit, belangloseste Oberflächen weichgespülter Psychokacke, trübe Langeweile und stinkende Mittelmäßigkeit.

Aber wenigstens war das feinste Unterhaltungskritik: Daumen hoch, Daumen runter, und wenn das Publikum brüllt, dann doch wieder Daumen hoch. Er hinterläßt eine gähnende Leere und eine Unmenge an Biographien über sich und seine Meisterkunst. Schade, daß jetzt ein anderer Selbstdarsteller Amt und Würden übernehmen muß.

Tod Reich Ranicki Geschenk

8 Antworten

  1. Ja, ohne Kritiker gäbe es keine Künste. Mir fiele da noch ein Parasitenvergleich ein, der aber nicht druckreif wäre. Immerhin musizieren Musiker und Schriftsteller unterhalten mehr oder weniger gut ihre Leser. Während Kritiker ohne Objekte, denen sie ihre Kritik widmen können, völlig am Arsch wären. Die müßten glatt verhungern.

    • Das stimmt so nicht. Der Literaturpapst schaffte die Selbstinszenierung derart hervorragend, daß der Literatur nur die Statistenrolle zukam und er selbst im Mittelpunkt stand. So wurde die Literaturkritik zur hohen Kunst. Selbstverständlich kann ein Literaturpapst nur schlechte oder mittelmäßige Literatur unter sich dulden, denn wenn ihn etwas überragt hätte, etwas, das er nicht lüstern hätte plattreden können, wäre ihm der Heiligenschein vom Haupt gepurzelt.

      • Schamvoll muß ich aber gestehen, daß ich bereits Bücher las, ohne zu wissen, daß es einen Literaturpapst gibt oder dieser sie vielleicht mit Segen oder Fluch in die Öffentlichkeit entlassen hätte.

  2. In dieser Stadt ernährte sich/ ganz gut ein Dr. Hinterstich/ in der von ihm besorgten Zeitung/ durch Kunstkritiken von Bedeutung…
    Hoffentlich hast du jetzt nicht den Mossad am Hacken, geschätzter Blogwart, die sind des Humores bar.

    • Was hat der israelische Geheimdienst mit seiner Majestät dem Literaturpapst zu tun?

      Im Übrigen paßt zu Erlkönigs Ausspruch: „Die Leute waren so hingerissen davon, dass ich es mir noch mal angesehen und festgestellt habe, da ist schon etwas dran.“ Georg Kreislers Persiflage auf den Musikkritiker, in der es heißt: „Ich geh in Konzerte und Opern hinein und höre den Unsinn dort an, den Leuten gefällt‘s und ich komm zu dem Schluß, an Musik ist vielleicht etwas dran.

  3. Was hat der israelische Geheimdienst mit seiner Majestät dem Literaturpapst zu tun?

    Man muss daran glauben. 6 Millionen Israelis (genauer: 6 Millionen israelische Juden) unterdrücken 300 Millionen Araber rundherum. Und weil der Mossad mit den 300 Millionen nicht ausgelastet ist, kümmert der sich außerdem um deutsche Blogger.

    Obwohl, was ich über Stefan Kramer denke, sage ich lieber nicht. Aber ganz sicher nicht aus Furcht vor dem Mossad, der sich um solchen Krümelkram bestimmt nicht kümmert.

  4. Bei Überfliegern wie Kreisler frage ich mich immer wieder, was aus so einem geworden wäre, wenn der nicht 1922, sondern 1982 das Licht der Welt erblickt hätte.

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