Obamas Entschuldigung

Dresden 1945

Dresden ist ein Symbol für die Gräuel der Alliierten, schreibt Spiegel-Online, kein US-Präsident wagte sich je dorthin – jetzt besuchte Barack Obama die aus Ruinen neu aufgebaute Stadt. Für das Staatsoberhaupt war es ein schwerer Gang, der auch die Deutschen bewegte.

Warum? Obama steht ratlos dort, wo früher einmal die barocke Altstadt von Dresden war. Seit dem Massaker der Alliierten am 13. Februar 1945 existiert die alte Stadtstruktur nicht mehr. „Warum“, will der US-Präsident von Ernst Kembusch wissen. Warum löschten die Alliierten damals diese Stadt aus?

Der rüstige, ältere Herr mit schlohweißem Haar hat keine Antwort. „Die haben das einfach so gemacht“, sagt er. Dresden war kein Ort der Wehrwölfe, selbst die wahnwitzige Vergeltungslogik der Alliierten kann das Furchtbare nicht erklären. Kembusch weiß ja nicht einmal, warum er damals überlebte.

Zehntausende oder gar Hunderttausende Menschen dagegen starben.

Barack Obama ist an diesem traumhaften Spätsommertag nach Dresden gekommen, um Abbitte für den Albtraum von vor fast 69 Jahren zu leisten. Obama besichtigt gemeinsam mit BRD-Präsident Joachim Gauck und dem Überlebenden Kembusch die wenigen Überreste des Grauens. Die DDR-Führung verfügte nach dem Krieg, daß Dresdens Ruinenstadt wieder aufgebaut wird.

Jeder Deutsche kennt Dresden. Die Bombardierung der Stadt stellt eines dieser historischen Ereignisse dar, die im kollektiven Gedächtnis einer Nation bleiben. Und die in diesem Fall auch das Verhältnis zu den Amerikanern konstituieren. Deshalb sollte es niemanden verwundern, dass man noch heute Besucher in Dresden treffen kann, alte Männer und Frauen, deren Blick auf die USA von diesem schrecklichen Ereignis geprägt ist. Allerdings ist Dresden auch bis heute kein einfaches innerdeutsches Thema, weil damals auch Emigranten aus Deutschland zusammen mit den Allierten mordeten.

Obama ist der erste US-Präsident, der Dresden besucht. Auch ein Regierungschef war noch nicht hier. Knapp sechs Jahrzehnte hat es gedauert, bis ein hoher Repräsentant der USA diesen Ort der anglo-amerikanischen Schande besucht. Trotz der deutsch-amerikanischen Freundschaft, die in diesem Jahr schon ihren 50. Geburtstag feiert. Trotz der vielen Städtepartnerschaften, der zig Schüleraustausche.

Tränen am Erinnnerungsbuch

Wahrscheinlich musste erst einer wie Barack Obama Präsident in den USA werden, um an diesen Ort kommen zu dürfen. Obama sagt Sätze wie: „Als US-Präsident ahne ich und als Mensch fühle ich, was diese Entscheidung für Deutschland und die Deutschen bedeutet.“ Die Menschen fühlen, dass er es wirklich so meint.

Obama ist so bewegt, dass er leise schluchzend in eines der ausliegenden Erinnerungsbücher schreibt: „Mit Entsetzen, Erschütterung und Abscheu stand ich vor dem, was hier unter alliiertem Kommando geschehen ist. Demütig und dankbar habe ich die Einladung angenommen. Ich darf heute Zeugnis ablegen, dass es ein anderes, friedliches und solidarisches Amerika gibt. So soll es bleiben. Barack Obama“.

Er zögert. Und legt schließlich seine Arme um Gaucks Schultern. Einen langen Moment verweilen sie so, kurz darauf kommt es noch zu einer Dreier-Umarmung mit dem Überlebenden Kembusch.

In seiner Ansprache in dem Dorf liest der bundesdeutsche Präsident dann ein Gedicht über die Mütter von Dresden vor:

Als sie in Nürnberg saßen,
die Großen zum Gericht,
fragten in Dresden die Mütter:
Ruft man uns nicht?
Aus den Kellern wollen wir kriechen
und starren in euer Gesicht.
Wir Rest der Mütter von Dresden;
die anderen leben ja nicht.

Unmenschliches zu ahnden,
so sagt ihr, sei eure Pflicht!
Da sind wir!
Bessere Zeugen findet ihr nicht!

Wir starrten in unser Kinder
verkohltes Angesicht.
In unseren Fingern zerfiel er,
den wir geboren ins Licht.

Zu Nürnberg, ihr Großen,
nun saßt ihr zu Gericht.
Ruft ihr die Mütter
von Dresden nicht?

6 Antworten

  1. Natürlich, zuckt mit den Schultern und weiß nicht, warum das Massaker stattfand. Kleine Aufklärungsminute: Nachdem in Tulle bei Oradour bei einem Partisanenüberfall 122 deutsche Soldaten ermordet und ihre Leichen geschändet worden waren, wurden dort 99 zivile Geiseln aufgehängt. Das ist in Kriegen so üblich. Und um die aufgeheizte Stimmung unter den deutschen Soldaten ansatzweise nachvollziehen zu können, sollte dieser Vorfall auch immer mit erwähnt werden, auch wenn er das darauf folgende Massaker von Oradour nicht entschuldigt.

    Sturmbannführer Adolf Diekmann wurde befohlen, in Oradour lediglich 30 Geiseln zu nehmen, um diese gegen seinen von der Résistance gefangen genommenen Freund, Sturmbannführer Helmut Kämpfe, auszutauschen.

    Diekmann befahl jedoch, den Ort niederzubrennen und ohne Ausnahme alle Bewohner zu töten. Der ist offenbar einfach durchgeknallt! Diekmanns Vorgesetzter bei der SS ließ gegen Diekmann kriegsgerichtliche Ermittlungen einleiten, auch Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der deutsche Kommandant in Limoges, General Walter Gleininger, und die Regierung in Vichy protestierten gegen die Bluttat. Diekmann jedoch fiel wenige Tage später während der alliierten Invasion in der Normandie.

    Und das ist auch der Unterschied in der nachträglichen Bewertung der Kriegsverbrechen: Während die SS in Oradour sofort kriegsrechtlich ermitteln ließ, wurde dem Oberbefehlshaber der Bombardierung Dresdens, Arthur Harris, 47 Jahre später in London ein Denkmal aufgestellt.

    Und noch etwas: Als ein SS-Freiwilliger aus dem Elsaß wegen der Beteiligung an dem „Massaker von Oradour“ nach dem Krieg zum Tode verurteilt wurde, gab es in Frankreich, insbesondere aus dem Elsaß, derart massive Proteste, daß der beschuldigte Elsässer freigesprochen wurde.

    Heute drückt ein Gauck auf die Tränendrüse, ohne wenigstens auch nur ansatzweise im gleichen Atemzug den 122 ermordeten und geschändeten deutschen Soldaten in Tulle zu gedenken, was seine Pflicht gewesen wäre, wenn er sich schon großspurig als Präsident der Deutschen bezeichnet.

    • Ist Diekmanns Befehl bewiesen? Neben zahlreichen sonstigen Besuchen privater und dienstlicher Art vor-, und nachher befand ich mich im Nov./Dez. 1963 als Offizier der Bundeswehr längere Zeit auf dem französischen Truppenübungsplatz La Courtine und im Sommer 1964 privat mit Familie in Südwest-Frankreich.

      Weil mich als Kriegsteilnehmer alle Fragen interessierten, die im Zusammenhang mit Zwangsmaßnahmen, Geiselerschießungen u.ä. stehen, besuchte ich beide Male auch den Ort Oradour.

      Beim ersten Besuch, Dez. 1963, in deutscher Bundeswehruniform mit BW Jeep – nebst Fahrer – hatte ich folgende Erlebnisse:. .

      2. Sofort nach meiner Ankunft wurde mein Jeep von zahlreichen Kindern, aber auch von meist älteren Erwachsenen umringt und freundlichst begrüßt.

      3. Als mich die älteren Einwohner… in einer der o. a. Broschüren lesen sahen, äußerten einige, ich solle diese Berichte nicht so wörtlich nehmen. Es habe sich vieles etwas anders, als darin geschildert, abgespielt. Da wurde ich verständlicherweise sofort stutzig und sagte, es sei doch schlimm genug, wenn deutsche Soldaten auf Frauen und Kinder in der von ihnen angezündeten Kirche oder beim Versuch, sich aus dieser zu retten, geschossen hätten.

      Die Antwort lautete deutlich und unmißverständlich, die Kirche sei doch gar nicht von den Deutschen angezündet worden. Im Gegenteil hätten die deutschen SS-Männer – z. T. unter Einsatz ihres eigenen Lebens – mehrere Frauen und Kinder aus der brennenden Kirche gerettet. Zwei Frauen in der mich umringenden Gruppe bestätigten sogar, sie seien selbst damals gerettet worden von deutschen Soldaten, sonst stünden sie jetzt nicht hier.

      4. Inzwischen war der Bürgermeister hinzugetreten, . . . der mich sehr freundlich begrüßte: Ich sei der erste deutsche Soldat in Uniform, der nach dem Kriege Oradour besuche. Er freue sich darüber sehr. Er stehe zwar politisch links, aber Frankreich sei heute mit Deutschland verbündet und befreundet. Die Vergangenheit müsse man halt so nehmen, wie sie war, und die richtigen Lehren daraus ziehen. Im Krieg sei überall viel Unrecht geschehen. Daraufhin konfrontierte ich ihn sofort mit dem vorher von den Einwohnern Gehörten, worauf er sinngemäß antwortete: Auch die Maquis hätten in jener Zeit sehr viel Unrecht an deutschen Soldaten verübt, deshalb sei ja im Oradour-Prozeß auch keiner der angeklagten Deutschen zum Tode verurteilt und fast alle zu Gefängnis Verurteilten recht bald freigelassen worden.

      5. An eine kleine Episode kann ich mich noch deutlich erinnern: In der Nähe der Kirchenruine war u.a. ein alter Kinderwagen aufgestellt mit einem Schild, dieser Kinderwagen sei bei dem Massaker mit einem Kind darin auch verbrannt. Ich glaube, es war der Bürgermeister selbst, der bei dem Anblick lächelte und sagte, es sei schon der Rest eines Kinderwagens seinerzeit dort gefunden worden. Nachdem aber Oradour so eine Art Wallfahrtsort geworden sei und der Ort an den Besuchen auch Geld verdiene, müsse man solche Dinge alle paar Jahre erneuern.

      6. Mein Interesse am Fall Oradour war nun verständlicherweise auf das lebhafteste geweckt. Ich hatte Gelegenheit, mich mit französischen Offizieren zu unterhalten. . . Ein höherrangiger französischer Offizier äußerte sich zu meinen Fragen: Ein wesentliches Motiv für das deutsche Eingreifen Juni 1944 in Oradour sei die Tatsache gewesen, daß unmittelbar vor dem Ort von Angehörigen der anrückenden deutschen Truppe ein noch brennender oder ausgebrannter deutscher Sanka (Sanitätskraftwagen) aufgefunden worden sei. Alle sechs Insassen müssen bei lebendigem Leibe verbrannt sein. Fahrer und Beifahrer seien an das Lenkrad gefesselt gewesen. Zweifellos eine Tat des Maquis. Dahinter stecke aber auch noch die gleichzeitig unter mysteriösen Umständen stattgefundene qualvolle Tötung eines in die Hände des Maquis gefallenen höheren deutschen Offiziers in derselben Gegend und etwa zur gleichen Zeit. Auch im umgekehrten Falle hätte eine französische Truppe daraufhin Zwangsmaßnahmen ergreifen müssen, ggf. auch Geiselerschießungen, so wie es die Bestimmungen des Kriegsvölkerrechts 1939 bis 1945 auch zugelassen hätten. Aus diesen Gründen gebe es viele französische Soldaten bzw. Offiziere, die dienstlich Oradour nicht besuchen. Seines Wissens fänden – sicher aus gleichen Gründen – auch keine offiziellen militärischen Feiern in Oradour statt.

      7. Bei meinem zweiten – privaten – Besuch in Oradour, Sommer 1964, fand ich für die bisherige Schilderung insofern eine weitere Bestätigung, als der Kioskwirt bzw. Verkäufer (auch ein älterer Herr)… auf meinen Hinweis bezüglich der Broschüren äußerte: Es gäbe noch eine ganze Reihe Zeugen, die genau wüßten, wie sich in Wirklichkeit alles damals 1944 abgespielt hätte. Diese seien aber im Prozeß entweder gar nicht gehört worden oder hätten sich auf unwesentliche Aussagen beschränken müssen. Die angeklagten Deutschen seien auch nicht zum Tode, sondern nur zu Gefängnis verurteilt und bald freigelassen worden. Andernfalls hätten einige Zeugen zweifellos >ausgepackt< und die wahren Zusammenhänge geschildert.

  2. Aufs Erste ein verwirrender Text, dessen Sarkasmus erst die Links aufdecken; dazu hochinteressante Kommentare.
    Möge sich à la longue die Wahrheit durchsetzen!

    P. S.: Gibt’s in Frankreich auch Oradour-Gedenkmärsche, die von Linken sabotiert werden?

    • Ja, alles irgendwie verwirrend, wenn man einen echten „Spiegel-Online“ benutzt und die ganze Dramaturgie aus einer spiegelverkehrten Perspektive beleuchtet. Handelte nun Obama gefühllos, als er beim Besuch der Frauenkirche lediglich „Wonderful, wonderful“ laberte? Oder übertreibt Gauck maßlos, wenn er versucht, Willy Brandts Kniefall bei der lächerlichsten Gelegenheit noch zu übertrumpfen? Wie wirkt die moralisierende Sprache der Medien, wenn man den Spieß umdreht? Wie wahrnehmbar ist subtile Propaganda, die historische Geschehnisse mythologisiert und für politische Zwecke mißbraucht?

      Verwirrt waren wir auch über die Nachrichtensendungen. Plötzlich hört man etwas von SS-Kriegsgreueln in Frankreich, dabei war man doch nach jahrelanger History-Dauerberieselung der Meinung, die SS hätte generell eine Blutspur durch ganz Europa gezogen, Kinder und Frauen und Dörfer abgefackelt, und Gauck müsse also seine ganze Amtszeit damit verbringen, mit der Geßlerpeitsche durch Frankreich zu wallfahren und sich in Blut und Staub zu wälzen. Aber nein, Oradour wird hervorgehoben und die Tränendrüse gänzlich leergepumpt.

      Wenn Oradour aber DER gedenkwürdige Einzelfall war, für den sogar eine ganze Stadt als Historienkulisse herhalten muß, wieso hat die SS dort ihre missetätliches Treiben während 5-jähriger Frankreichbesetzung konzentriert und wieso ist ihr erst 1944 in den Sinn gekommen, ihrem Namen als Mördertruppe gerecht zu werden? Hat ihr dort das Bier nicht geschmeckt? Waren die Bärenfelle zu stachelig?

      Also ab ins Internet und recherchiert: Wikipedia ist bei solchen, die Politik tangierenden Beiträgen, eigentlich nicht zu gebrauchen, weist aber zumindest darauf hin, daß es eine Vorgeschichte gibt. Eine ziemlich blutige und schändliche sogar.

      Ganz spannend sind Berichte, nach denen französische Partisanen im ganzen Ort Munition und Sprengstoff versteckt hätten, auch in der Kirche, weswegen nach dem deutschen Zugriff alles ziemlich schnell in die Luft geflogen sein soll. Da wird sogar behauptet, die SS habe die Zivilisten aus brennenden Gebäuden zu retten versucht… Muß man natürlich alles nicht glauben.

      Erstaunlich sind aber die geringen Strafen bzw. zügigen Straferlässe gegen die Täter und auch, daß diese im Gegenzug über den Prozeß Stillschweigen bewahren mußten. Die Akten sind – was in solchen Fällen offenbar üblich ist – auch heute noch immer nicht zugänglich und sollen wohl erst in einigen Jahrzehnten geöffnet werden.

      Aber Dank an Gauck, daß auch wir uns mal mit Oradour beschäftigen mußten.

      • Dass der Sieger die Geschichte nach seiner Fasson schreibt, ist irgendwie nachzuvollziehen.
        Tragisch ist, dass sich die Deutschen oft selbst gerne deutschenfeindliche Propaganda aufs Auge drücken lassen. Dabei besteht die deutsche Geschichte beileibe nicht nur aus dem Dritten Reich; und auch dieses nicht nur aus Auschwitz.

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