Internet entdeckt!

Kirchweyhe totgetreten

Daß Rechtsextremisten ein bißchen blöde sind, wissen wir dank unermüdlicher Aufklärung der Massenmedien nicht erst seit gestern. Daß sie aber dennoch, 24 Jahre nach dessen Erfindung, das Internet entdeckt haben, ist alarmierend. Der Qualitäts-Journalistin Vanja Budde ist es nach mühevoller, investigativer Recherchearbeit gelungen, das Geheimnis aufzudecken und zu beantworten, was wir uns schon immer fragten, nämlich wie Neonazis eigentlich ihren „Nachwuchs ködern“:

Technisch läuft da ganz viel übers Internet. Jugendliche, die im Netz zum Beispiel „Todesstrafe für Kinderschänder“ googeln … werden auf Facebook gezielt angesprochen.

Möglicherweise hat die braune NS-Untergrundarmee, nicht nur wegen der Namensgleichheit, ähnliche Möglichkeiten wie die US-Internetstasi NSA, Datenströme von Google abzugreifen und einzelnen Personen zuzuordnen, um diese dann auf Facebook ausfindig zu machen. Das Schlimmste aber ist, daß, sozusagen als kausaler Zusammenhang, Wissenschaftler „nicht erst seit Thilo Sarrazins kruden Thesen“ beobachten, „dass Ausländerfeindlichkeit zunehmend gesellschaftsfähig wird.

So hätten ein paar Dutzend Rechte im niedersächsischen Kirchweyhe versucht, einen Gedenkmarsch für einen von türkischen Kopftottretern ermordeten Jugendlichen zu initiieren. Doch sie „grölten vergeblich: Gegen die Demonstration der Rechten setzte sich ein breites Bündnis mit einer Mahnwache zur Wehr.“ Da hat der Totgetretene aber so richtig Glück gehabt, daß er nicht zu perfiden Zwecken mißbraucht werden konnte!

Vanja Budde ermittelte, daß besonders „Jungs und Mädchen, die mit Bierdosen an der Bushaltestelle im Dorf herumlungern“, gefährdet sein können. Deshalb sollen zukünftig in Dörfern keine Bierdosen mehr in der Nähe von Bushaltestellen verkauft werden. Außerdem wird „der niedersächsische Verfassungsschutz das Thema Islamfeindlichkeit in der nächsten Zeit auch zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit machen.

Doch da kommen schwierige Aufgaben auf die Behörde zu, wie sie „jeden zweiten Deutschen“ der „den Islam als Bedrohung empfindet“, überwachen soll. „Praktisch bedeutet das eine intensivere Internetrecherche – und dafür braucht es Personal. Gut, dass Kapazitäten frei werden, da Niedersachsens Verfassungsschutz die generellen Beobachtungen der Partei ,Die Linke‘ einstellt.

Wie man „intensivere Internetrecherche“ betreibt, kann wiederum die NSA ihren bundesdeutschen Kollegen näher erläutern. Denn Verfassungsschutz und BND haben ihre Überwachungssoftware Xkeyscore nach eigenen Angaben noch „nicht im Dauereinsatz“. Mit diesem Programm „lassen sich einzelne Rechner problemlos anzapfen: In den Geheimdienstzentralen kann dann in Echtzeit mitverfolgt werden, was der Nutzer macht.“ Ist das nicht schön? Betreutes surfen – nie mehr allein im Internet!

Bild oben: Der Totgetretene von Kirchweyhe hätte auch bei der Mahnwache gegen Rechts mitgemacht, wenn er noch könnte.

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2 Antworten

  1. Schlimm, schlimm, diese „willigen Helfer“ der Geheimdienste und „Verfassungs“-Beschützer in den Medien. Kaum haben sie das Schreiben gelernt, wissen sie schon ganz genau, wie die Welt funktioniert, um als Denunziant der Andersdenkenden den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Keine Spur einer Ahnung mehr, daß die Presse in Goldenen Zeiten mal die Aufgabe hatte, den Mächtigen auf die Finger zu schauen und notfalls zu klopfen. Fing das nicht schon mal so ähnlich an? Also wirklich – eine ganz eklige Type, diese Vanja Budde. Das „Deutschland“-Radio sollte sich in Grund und Boden schämen, so etwas Erbärmliches zu veröffentlichen.

  2. Das Doofe am gezielt Angesprochen werden über Facebook ist ja, daß der Angesprochene einen eigenen Facebook Account besitzen muß, sonst kann er noch soviel nach „Todestrafe für Kinderschänder“ googlen und von Facebook angesprochen werden – er kommt da nicht rein.

    Weil es in der Jugendzeit des Kommentators übrigens noch kein Google gab und die wenigen Rechner im Lande anderes zu tun hatten, als Rechtspropaganda zu horten, mußte er sich beim Nachschlagen nach „Todesstrafe für Kinderschänder“ immer mit diversen Lexika behelfen. Er ist jetzt aber auch mal ehrlich. Das Thema hat ihn einfach nicht interessiert. Natürlich, wäre er, wie vielleicht Frau Budde, geschändet worden, hätte ihn das Thema auch brennend interessiert und womöglich wäre er, aus dem Lexikon heraus, von der NPD angesprungen worden. Die Gefahren von Nachschlagewerken hat man dazumal einfach unterschätzt.

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