Erinnerungen

Erinnerungen

Er ist laut SPIEGEL der „einzige Zeuge“ im NSU-Prozeß, und seine Erinnerungen an die Täter richten sich immer nach der Lehrmeinung vom Tatvorgang.

Sechs Tage nach dem Mord am Nürnberger Blumenhändler Enver Simsek im Jahr 2000 hatte der Zeuge Günter B. (heute 63) „schon in der Zeitung von dem Mord an dem Blumenhändler gelesen“ und berichtete bei der Vernehmung „von zwei Männern … einer davon habe einen Fuß auf die Trittkante der Seitentür des Transporters gesetzt und mit der rechten Hand eine Bewegung in Richtung des Wageninneren gemacht. Im Innern habe er eine ‚dunkel gekleidete Person’ erkennen können“.

2007, als der Zeuge Günter B. im Zuge von Ermittlungen gegen Drogenhändler nochmals befragt wurde, sprach er von zwei Männern südländischen Aussehens, die er am Blumenwagen Simsek gesehen haben will. Diese Änderung der Aussage lag vermutlich daran, dass die Polizei auch im Fall Simsek seit Jahren im Milieu der organisierten Kriminalität und der Bandenkriminalität ermittelte.

Jetzt, nachdem die beiden Dönermörder Mundlos und Bönhardt ihre Missetaten am medialen Pranger gestanden haben und ihre Schuld dank Staatstrauerzeremonie zweifelsfrei belegt ist, beeilt sich der Zeuge, seine Erinnerungen der verbreiteten Doktrin anzupassen. „Zwei Männer in Radlerkleidung“ will er beobachtet haben, mit „schwarzen Radlerhosen und dunklen T-Shirts. Junge Männer zwischen 20 und 30 seien es gewesen, mit kurzgeschorenen Haaren; einer habe möglicherweise eine Baseballkappe getragen.“ Oder vielleicht sogar eine Baseballkeule?

Wissenschaftlich erwiesen ist, daß durch den permanenten Wandel der Wahrnehmung Erinnerungen immer wieder neu bewertet und geprägt werden. „Es gibt keinen objektiven Blick auf die Welt, aber dafür eine veränderungsfähige Wahrnehmung.“ Je älter die Erinnerung ist, umso größer ist die emotionale Distanz zu ihr. „Erinnerungen verändern sich mit jedem Abruf“, erklärt der Neurowissenschaftler Hans J. Markowitsch von der Universität Bielefeld. Und der Sozialpsychologe Harald Welzer vom Wissenschaftszentrum NRW ergänzt: „Neurobiologisch gibt es demnach eine Erklärung dafür, warum Zeitzeugen eine Sicht auf die selbst erlebte Geschichte haben, die den historischen Fakten nicht unbedingt entspricht.

Eine Antwort

  1. Deswegen war ja früher auch alles besser. Auch wenn nicht alles besser war. Und deshalb veröffentlich die Polizei auch Fahndungsplakate zu Taten, die bereits Jahre zurückliegen. Um die Aufklärung zu beschleunigen.

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