Theaterdonner

Kräfte des Friedens

Anläßlich des 60jährigen Jubiläums des sogenannten Volksaufstandes gegen die DDR-Machthaber wurde die damalige Situation von Laiendarstellern im lokalen Mikrokosmos des altehrwürdigen Städtchens Merseburg schauspielerisch nachgestellt. Die Freiluftaufführung war durchaus gelungen, die Analogie verblüffend, und auch die Agitprop-Kanäle der Obrigkeit spielten die ihnen zugewiesene Rolle mit großem Talent.

Mit feinen Abweichungen: Schrieb das Neue Deutschland am 18. Juni 1953 noch über „Arbeiter“, welche sich gegen „Kriegstreiber“ und „faschistische Agenten“ zur Wehr setzten, so berichteten Staatsfunk und Parteipresse 60 Jahre später, daß nunmehr „Menschen“ gegen „Rechtsextremisten“ (MDR) oder „Neonazis“ (MZ) protestierten.

Initiiert wurde die erstklassig besetzte Aufführung „von einer selbsternannten ‚Bürgerinitiative für Meinungsfreiheit’“, bei der „es sich unter anderem um NPD-Sympathisanten und rechte Aktionsgruppen handele“. Angeführt wurden die finster dreinblickenden Bösewichter von Hans Püschel, dem ehemaligen Bürgermeister des Örtchens Krauschwitz.

Diesen fiesen Darstellern der faschistischen Kriegstreiberei trat ein Aufgebot deutsch-demokratisch-republikanischer Honoratioren entgegen, „darunter Vertreter von Kirchen, aus Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft und Politik“. Landtagsabgeordnete, Oberbürgermeister, Bürgermeister und sonst noch an den Fleischtöpfen sitzende Haute volée, kunterbunt drapiert, die „gesungen, getrommelt, gepfiffen, Luftballons steigen lassen und Plakate geschwenkt“ habe. „Die Bevölkerung distanzierte sich von den Provokateuren“, wußte das Neue Deutschland bereits vor 60 Jahren.

Auch Oberbürgermeister Jens Bühligen (CDU) „rief die Bürger auf, sich dem Protest“ anzuschließen. „Einem Missbrauch des 17. Juni 1953 durch die Feinde der Demokratie muss entschieden entgegen getreten werden“. Bühligen hatte „1985 in Merseburg sein Abitur“ gemacht und erst vier Jahre später mit dem Studium begonnen. Leider verschweigt sein öffentlich publizierter Lebenslauf, ob er zwischendurch in den Westen geflüchtet war oder im Bautzener Gelben Elend einsaß oder welche Bezüge er sonst zur DDR-Opposition und zum Volksaufstand oder überhaupt zu einer von der Obrigkeit verfolgten politischen Minderheit hat.

Er referierte gegenüber dem MDR: „Es ärgert uns unglaublich, dass die Nazis und die neuen Nazis glauben, hier in Merseburg demonstrieren zu können.“ Glaube versetzt zwar bekanntlich Berge, aber im vorliegenden Fall dürfte den „Nazis und neuen Nazis“ ein Blick ins Grundgesetz genügt haben. „Offensichtlich haben sie die Geschichte nicht verstanden und keine Konsequenzen aus der Geschichte gezogen. Gerade Merseburg war eine Stadt, die unglaublich unter den Nazis gelitten hat.

Natürlich sollte man die Schuld, daß Merseburg im Zweiten Weltkrieg u. a. mehrfach bombardiert wurde, bei den Nazis suchen, welche die Angloamerikaner zum Krieg provozierten, und auch die „sozialistische Rekonstruktion“ ab 1968, bei welcher große Teile der Altstadt zum Opfer fielen, kann man irgendwie mit dem NS verguidoknoppen. Letzten Endes aber wird Merseburg unter jeder Obrigkeit gelitten haben, auch unter der heutigen, wenn man die Entvölkerung der letzten zwei Jahrzehnte betrachtet: ein Viertel der Menschen sind spurlos verschwunden – geflüchtet, entschlafen, abgetrieben.

Die dafür mitverantwortliche Bürgermeisterin Barbara Kaaden betonte: „Wer unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit Demokratie abschaffen und Grundrechte mit Füßen treten will, wie Neonazis das tun, gegen den gehen wir auf die Straße. Friedlich und kreativ aber mit dem festen Willen, uns von Neonazis nicht einschüchtern zu lassen.“ Das klingt heroisch.

Schon das Neue Deutschland wußte zu den Volksaufständlern: „Hier sind die dunklen Kräfte am Werk, die das deutsche Volk zweimal in die Katastrophe stürzten, und, was sie bezwecken, ist – das deutsche Volk zum drittenmal in die Katastrophe zu stürzen.“ Doch gegen diese dunklen Kräfte, welche „das große Aufbauwerk in der DDR zu stören“ versuchen, wenden sich die „Kräfte des Friedens“.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so wenden sie sich noch heute.

*Vorhang fällt*

Bild oben: Kräfte des Friedes, Screenshot MZ

11 Antworten

  1. Lesenswert ist die Rede Manfred Kleine-Hartlages am 17. Juni 2013 auf dem Berliner Alexanderplatz. Merksätze:

    Totalitarismus erkennt man als solchen nicht an den Zielen, auf die er sich beruft, sondern an den Mitteln, derer er sich bedient.

    Die Mittel, mit denen die politische Klasse der BRD und ihre Komplizen die Konformität der Bürger zu erzwingen versuchen, gleichen nicht zufällig denen, die das DDR-Regime anwandte, sondern offenbaren die innere Verwandtschaft beider Regime.

    Worin sich beide Systeme aber vor allem ähnlich sind, ist, dass sie ein ideales Biotop sind, in dem Kretins definieren, was Intellektualität ist – weil ja jede geistige Leistung, die über die bloße Phrasenmontage hinausgeht, von vornherein dissidenzverdächtig ist.

    Die One World, genau wie vorher der Kommunismus, ist eine Kopfgeburt von utopistischen Ideologen: Was sie versprechen, ist immer der Himmel. Und was sie liefern, ist immer die Hölle.

    Die Achillesferse der Herrschenden ist ihre Abhängigkeit. Sie sind, und zwar in immer stärkerem Maße, davon abhängig, dass ihr immer dichter werdendes Netz aus Mobterror, Meinungsparagraphen, Gesinnungsjustiz, Indoktrination, politischer Korruption, Bespitzelung, Denunziation und Propaganda ungebrochen funktioniert und nicht an irgendeiner Stelle reißt.

  2. […] der Faschisten. Dieser Beitrag nimmt sich diese bunte Helden in sehr ironischer Form vor. Satirebeitrag Eulenfurz! . Beurteilen Sie das Geschehen in Merseburg selbst. Wir haben ein komisches Gefühl, kriechen, […]

  3. @Eulenfurz

    Herausragender Text, Kompliment.

  4. Hat Bürgermeisterin Barbara Kaaden sich nun selbst als Nazi geoutet? Sie, die das Grundrecht der Versammlungsfreiheit mit Füßen tritt? Scheint so. Aber gute Nazis heißen zum Glück nicht Nazis. Sondern Demokraten.

    • Darf sich denn irgendwer von denen Demokrat nennen? Demokratie besteht für Menschen dieses Schlages ohnehin nur dann, wenn man ihrer Meinung ist. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass die parteien heute so agieren

  5. Hallo Eulenfurz, ich bin kürzlich auf deinen sehr interessanten Blog aufmerksam geworden. Da in diesem Artikel (sehr gut geschrieben!) auch Hans Püschel erwähnt wurde: Seine Domain (hans-pueschel.de) wurde gestern gesperrt! Wer wohl dafür gesorgt hat?

    • Wahrscheinlich Putin, die Fidesz-Partei und die chinesische Zensurbehörde. Mutti Merkel hat mit diesen Menschenrechtsverletzern wieder mal nicht lautstark genug geschimpft.

      Ansonsten ist uns eigentlich egal, ob der Oberbösewicht Hans Püschel oder Franz Rüssel heißt – hier geht es nur um die hervorragende Inszenierung einer 1953-Nachahmung in Merseburg und der Staatspresse. Und wenn er sie initiiert hat, dann ist sie ihm gelungen.

  6. Nachtrag eines Merksatzes:

    Das Fernsehen zeigte kürzlich deutsche Teilnehmer einer Kundgebung gegen „Rechts“ in Nordrhein-Westfalen, die sich solidarisch in interkulturellen Tänzen wiegten. Ihr Durchschnittsalter lag bei 60 Jahren. Was unter der Voraussetzung von jugendlicher Naivität und Idealismus noch Anmut und Charme hätte entwickeln können, wirkte hier einfach obszön, dekadent und schwachsinnig. Die Messer der Salafisten zielen auf einen weichen Bauch.

    [Quelle]

    • Ich warte ja immer noch auf ein wahrhaft einzigartiges und wirklich couragiertes Event: Den Selbstmord gegen rechts! Wer sich sowas traut, sollte einen Ehrenpreis bekommen…

      • Borderline-Syndrom äußert sich aber eher so, daß man Opfer sein will, um Aufmerksamkeit und Ehrenpreise zu erhalten. Da ritzt man sich eher Hakenkreuze in den Po oder provoziert aus nächster Nähe potentielle Nazigewalttäter. Jeder mögliche Nazischlag – medial verwurstet – ist Gold wert! Selbstmord gegen Rechts funktioniert also nur, wenn man dafür die Schuld rechten Tätern geben kann.

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