Meinungsnarzißmus

Kalter Kaffee

Warum glaubt jeder dritte Deutsche, es gäbe keine Meinungsfreiheit?“, fragt sich Matthias Dusini in der ZEIT und hat die Gegenargumente gleich parat: Verboten sei doch nicht die Meinung des anderen, sondern lediglich dessen Meinungsnarzißmus. Verfolgt würde nicht Kritik, sondern Ressentiment.

Das ist gut. Das ist wie unter Hitler und Honecker. Eitle Narzißten, die an Neurosen zwanghafter Meinungsbekundungen litten, gab es auch schon in der DDR. Sie hätten auch einfach die Klappe halten und sich unterordnen oder still und leise ihr Eingabeformular ausfüllen können. Und despektierliche Ressentiments gegen die Obrigkeit oder den Endsieg wurden auch im Nationalsozialismus geäußert, dabei hätte die Gestapo natürlich nichts gegen gutgemeinte und ehrliche Kritik einzuwenden gehabt. Gute Kritik ist immer solche, welche die Herrschaft nicht destabilisiert.

In einem der nach objektiven Maßstäben freiesten Länder der Welt, Deutschland, glaubt ein Drittel der Bürger, es gäbe keine Meinungsfreiheit.“ Immerhin glauben noch zwei Drittel daran – das wäre für die Meinungsfürsten der Gleichstrommedien eigentlich Grund genug, sich auf die Schulter zu klopfen. Schließlich sind ungefähr jene zwei Drittel Volksgenossen, die in der Schlußphase des NS an den Endsieg glaubten, oder jene zwei Drittel DDR-Bürger, die in den 1980er Jahren den geschichtlichen Fortschritt des Sozialismus bezeugt hätten, auch heute als glaubensfeste Bundesburger noch unter Kontrolle.

Immerhin legt Matthias Dusini die Funktionsweise der Zensur in einer medial beherrschten Psychokratie kurz und knapp dar: „Es gibt keine Parteizentrale oder Gedankenpolizei, die die Köpfe der Menschen kontrolliert. Es ist der innere Zensor, der pausenlos Worte und Handlungen prüft. Die Zensurdebatte führt den Wandel vom kollektiven Verbot zur individuellen Selbstzensur vor Augen.

Dem sich vor Zensur fürchtenden Drittel möchte der ZEIT-Journalist „einen Slogan aus der vermeintlich guten, alten Blockzeit zurufen: ,Geh‘ doch mal rüber!‘“ Wen meint der und wohin soll derjenige rübergehen? Wahrscheinlich die ZEIT-Leserklientel aus westdeutschen Großstadt-Vororten in die selbsternannte Deutsche Demokratische Republik.

Aber was war dort anders? Die Spanne des defätistischen Drittels mit „antisozialistischen Ressentiments“ reichte vom verbitterten Meckerer bis zum inhaftierten Regimegegner. Wer den Mund hielt, kam ohne Probleme durch das Leben, wer die gewünschten Phrasen absonderte, konnte seine Karriere befördern, und wer sich auf’s Hetzen und Lügen und Worteverbiegen verstand, durfte sogar Journalist werden.

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7 Antworten

  1. Ausgezeichnet, und der Schlußsatz trifft besonders. Und zwar die Richtigen!

    Ich erlaube mir zu verlinken.

  2. Man kann Worte manipulieren, aber nicht die Realität, auch dann nicht, wenn man als „Zeitler“ sich Begriffe wie Meinunungsnarzisst aus dem „Arsch zieht“ oder künstlich zwischen Tatsachenbehauptungen und Meinungsfreiheit unterscheidet. 😀

  3. Inzwischen gibt es so viele Aha – und Wiedererkennungseffekte, der Kommentator kann sie gar nicht mehr zählen.

  4. Es gibt aber auch Unterschiede, KarlEduard.
    Unter Honecker hat die Stasi sich noch selbst die Hände schmutzig gemacht.
    Unter Merkel tut das die SA. Und kann man Merkel verantwortlich machen für das, was die von Ihr mit Steuermillionen und Immunität ausgestatteten Schlägertruppen tun?
    Eben!

  5. Ich habe nach dem Zeitartikel gesucht und bin hier gelandet. Bedauerlicherweise. Als ehemaliger ‚Besucher‘ in Hohenschönhausen möchte ich Ihnen zur Gnade Ihrer Geburt gratulieren. In der DDR hätten Sie damit kein Tageslicht mehr gesehen. Vermutlich wären Sie aber nie betroffen gewesen. Denn jemand der weinerliche Kommentare schreibt, weil er seine Ansichten nicht repräsentiert sieht, kann ich nicht ernst nehmen. Es zeigt, dass es Ihnen nur um Ihre eigenen Interessen geht, persönliche Opfer würden Sie nie bringen.

    Verzichten Sie also darauf sich mit ‚Regimegegnern‘ in ein Boot zu setzen, es ist schlicht unverschämt.

    • Wen sprechen Sie an, wenn Sie weinerliche Kommentare monieren? Wir nehmen den Ball aber auf, obschon Sie inhaltlich leider nichts mitzuteilen haben, sondern allein auf Beleidigung abzielen.

      Im Beitrag wurde ein Zustand aus dritter Warte analysiert und ein objektiver Vergleich gezogen, ohne sich mit jemandem in ein Boot zu setzen. Daß man für eine geäußerte Meinung in „Hohenschönhausen“ landet, dürfte nicht der Maßstab dafür sein, daß freie Meinungsäußerung garantiert ist, auch wenn „Hohenschönhausen“ für ein traumatisiertes Individuum zwangsläufig der geistige Dreh- und . Angelpunkt ist. Es gibt auch andere Möglichkeiten der Stigmatisierung, vom Todesschuß im Gulag bis zur sozialen Ächtung.

      Wenn Sie inhaltlich disputieren wollen, sind Sie hier gern willkommen. Ansonsten trollen Sie sich besser von hinnen.

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