L wie Lambdetta

L. Lambdetta

Die Medienkritikerin L. Lambdetta ist Sprecherin der Initiative „Reizüberflutung abschalten“ und fordert Entzugskliniken für Fernsehabhängige. Bekannt wurde sie durch öffentlichkeitswirksame Aktionen, bei denen Fernseher zerschlagen wurden. Wir begrüßen sie im eulenfurz-Studio.

eulenfurz: Guten Tag, Frau Lambdetta, was wollen Sie mit Ihren Initiativen erreichen.

Lambdetta: Hallo. Das Bewußtsein dafür zu schärfen, daß wir nach Jahrhunderten körperlicher Leibeigenschaften, von denen wir uns befreit haben, in einem System psychischer Sklaverei gelandet sind, das uns zwar nicht mehr mittels autokratischer Machthaber und einem knüppelbewehrten Polizeiapparat beherrscht, dafür aber um so mehr unser individuelles und kollektives Wissen kontrolliert und Empfindungen steuert.

eulenfurz: Das klingt nach Ideologiekritik – aber auch nach Verschwörungstheorie. Was ist, wenn sich der Großteil der Menschen in der Rolle des Meinungskonsumenten gefällt und dankbar annimmt, daß das Wissen durch Administratoren konditioniert wird?

Lambdetta: Ist das eine Entschuldigung? Natürlich ist Unterhaltung in Form von Dauerberieselung bequem, natürlich ist es einfacher, andere für sich denken zu lassen, als sich die eigene Meinung schwer zu erarbeiten. Man kann auch argumentieren, daß eine immer größer werdende Unterschicht nicht anders zu bändigen wäre, als durch verabreichte Schwarz-Weiß-Schemata in Form bunter Bilder. Genausogut kann man aber auch argumentieren, daß die Menschen erst zu einer Unterschicht werden, indem sie stundenlang regungslos vor ihrem Fernseher sitzen.

eulenfurz: Die neuesten Studien besagen, daß ein BRD-Bewohner im Durchschnitt täglich über vier Stunden fernsieht …

Lambdetta: Ich selbst schaue nicht fern und kenne in meinem großen Bekanntenkreis nur wenige, die überhaupt einen Empfangsapparat besitzen. Entweder sind die Zahlen getürkt, oder es gibt mir unbekannte Menschen, die noch viel länger als nur vier Stunden in die Röhre schauen. Möglicherweise setzt sich das Spektrum der Langglotzer tendentiell aus eher debilen, senilen und körperlich phlegmatischen Kreaturen zusammen. Daß ich solche Wesen nicht kenne, kann natürlich auch darin seinen Grund haben, daß diese Zombies permanent vor ihrer Glotze hocken und damit keine Zeit für soziale Kontakte finden.

eulenfurz: Lassen Sie die doch gucken. Oder ängstigt sie das?

Lambdetta: Natürlich ängstigt mich das. Stellen Sie sich das ungeheure Potential an Kreativität und Kultur vor, welches diese Lebewesen – aus ihrem amorphen Zustand erwacht – ihrer Mitwelt schenken könnten, selbst wenn sie nur begrenzte Fähigkeiten haben. Vier Stunden am Tag! Vier Stunden Zeit zum Nachdenken, Diskutieren, Helfen und Verändern. Allerdings müßten die Machthaber dann wohl auch um ihre Throne fürchten.

eulenfurz: Aber sehen wir doch mal das Gute, wenn diese „Zombies“, wie Sie die nennen, zuhause vor dem Flimmerkasten bleiben, können Sie doch mit Ihren Freunden ungestört die Straßen unsicher machen?

Lambdetta: Diese Kreaturen haben aber auch ein Wahlrecht, und ihre Stimme zählt soviel wie die eines Menschen, der sich seine Ansichten durch eigene – teilweise auch widrige, falsche und gute – Erfahrungen selbst und in seinem sozialen Umfeld geformt hat. Der freie Mensch weiß also Bedürfnisse zu artikulieren, die ihm in der realen Welt auf dem Herzen liegen, und nicht die Bedürfnisse, welche ihm via Massenmedien vermittelt werden.

eulenfurz: Wo ziehen sie die Grenze? Kann nicht auch ein soziales Umfeld Individuen manipulieren.

Lambdetta: Natürlich, aber doch eher durch „Erfahrungen zum Anfassen“, durch Persönlichkeiten, durch Erlebnisse, die sprichwörtlich berühren können. Üblicherweise sind soziale Gemeinschaften überschaubar, Meinungen können abgewogen werden, es zählen nur die Bilder, welche man selbst sieht oder über die man in der Gemeinschaft diskutiert. Natürlich kann ein Diktator auch vor Millionen Menschen stehen und sie für ein oder zwei Stunden in seinem Sinne zu manipulieren versuchen – er wird dennoch nie die Wirkungsmacht entfalten, welche die stundenlang in der eigenen Wohnstube agierenden Manipulatoren haben.

eulenfurz: Aber wenn die doch im guten Sinn für Demokratie und Menschenrechte agitieren …

Lambdetta: … so schaffen sie doch nur hirnlose Mutanten, und in ihrer unüberschaubaren Anzahl eine schiere Masse, die zwar beispielsweise bei rechten Lebkuchenattacken in Lichterkettenformationen nach Zivilcourage brüllt, die aber bei von Einwanderern verübten Morden mangels Marschbefehl nicht im Mindesten reagiert. Wer weiß schon, ob die ferngesteuerten Befehlsempfänger der medialen Animateure sich nicht früher oder später an jedem vergreifen werden, der die herrschenden Zustände kritisiert oder den Machthabern die Gefolgschaft verweigert?

eulenfurz: Sie sprachen von Morden durch Einwanderer. Sind Sie etwa ausländerfeindlich?

Lambdetta: Das ist wieder so ein hohler Totschlagbegriff, der mittels Propaganda mit assoziativen Bildern wie Glatzköpfen, Baseballschlägern und Schnürstiefeln besetzt wurde, und mittels welchem der Empfänger in Pawlow’schem Reflex zusammenzucken und in die argumentative Defensive gedrängt werden soll. Nein, ich bin nicht ausländerfeindlich, im Gegenteil, so verurteile ich etwa die BRD-Kriegseinsätze im Ausland und freue mich, als Gast in fernen Ländern mehr oder weniger große Gruppen von Menschen anzutreffen, die noch nicht zu universell gleichgeschalteten Fernsehzombies degradiert wurden, sondern ihr Ausländertum in einer besonderen Kultur mit eigenartigen Gepflogenheiten leben und somit für eine reale Vielfalt sorgen – im Gegensatz zu der uns vorgegaukelten virtuellen Vielfalt, die irreal und fadenscheinig ist und uns für Werbe- und Politbotschaften konditionieren soll.

eulenfurz: Aus Ihren Äußerungen, von denen wir uns vorsorglich distanzieren, läßt sich wohl schlußfolgern, daß Sie eine erbitterte Gegnerin der Demokratieabgabe an die Staatsfunkanstalten sind?

Lambdetta: So psychisch abhängig, wie die Millionenmasse an Fernsehkretins von ihren Flimmerkästen ist, läßt sie sich ihr schwer erarbeitetes Geld widerstandslos aus der Tasche ziehen, da mache ich mir nichts vor. Daß die Agitatoren und Verführer sich ihre Taschen vollstopfen, weil sie keine Gegenwehr mehr erwarten, ist wiederum allzu menschlich. Dennoch zeugt es von grenzenloser Unverschämtheit, auch jene zu bestrafen, die sich der Propaganda unter teilweise schweren Anstrengungen zu entziehen versuchen. „Demokratieabgabe“ ist auch so eine Worthülse – mit wohlklingenden Floskeln wurden schon immer Ungerechtigkeiten verbrämt.

eulenfurz: Frau Lambdetta, noch ein Schlußwort!

Lambdetta: Dann kein eigenes, sondern einige erschreckende Sätze, die ich kürzlich irgendwo las: „Der letzte Mensch kauert in seinem Fernsehsessel und läßt sich von den Bildern berieseln. Er schaut nichts Überwältigendes, nichts Dramatisches mehr, stumpfe Unterhaltung gefällt ihm, denn die strengt nicht an. Und zwänge ihn die Wirtschaft nicht, für seinen Konsum zu arbeiten, er verbrächte seine gesamte Existenz in diesem Sessel und wartete auf den Tod.“ – Ich hoffe allerdings auf Veränderung.

eulenfurz: Danke, Frau Lambdetta.

Lambdetta: Danke ebenfalls, ich wünsche schöne, fernsehfreie Stunden!

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2 Antworten

  1. […] Auftritt befragt eine Medienkritikerin über die Auswirkung des Fernsehens auf seine Konsumenten.  Reizüberflutung abschalten! Aber im Ernst fragen wir Sie, für was oder wen wird solch eine Dummgeschwätzsendung bei Lanz […]

  2. „Aber die Sinne lassen sich nur betäuben, nicht abtöten. Irgendwann wird es zu einem gewaltigen Ausbruch gegen den Sinnenbetrug kommen. Wenn man nur nicht mehr von „Medien“ spräche, sondern von einem elektronischen Schaugewerbe, das seinem Publikum die Welt in dem äußersten Illusionismus, der überhaupt möglich ist, vorführte. Aber eines Tages geschähe es eben, über Nacht, wie in einer universellen Mutation, daß die Seher allesamt des Sinnenglaubens verlustig gingen vor dem Fernsehschirm, und dort würden noch fortgesetzt die seriösesten Anstrengungen unternommen, um das Publikum wieder einzufangen, es erneut zu
    illusionieren, einzupegeln auf die moderierten Frequenzen. Doch sie werden nicht mehr empfangen. Das Weltschaugewerbe wirkt auf einmal wie ein verstaubter Zirkus, hat auf einen Schlag alle suggestive, realitätszersplitternde Macht verloren. Die in den Kästen werben und werben noch, geradezu mit todesängstlicher Anstrengung – doch das Publikum lächelt unerbittlich und milde zugleich: es glaubt einen anderen Glauben.“

    Aus Botho Strauß, Anschwellender Bocksgesang

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