Seekrank

Seekrank

Vor kurzem schrieb jemand in einem Blog, er würde nicht mehr in Berliner Freibädern baden wollen, „weil in Berlin die rabiaten Ausländer dominieren. Egal, ob in Steglitz, Kreuzberg oder Pankow. Die farbigen Muskelprotze reklamieren so stark ,ihr’ Revier, daß sogar die Schwimmbad-Security Angst vor ihnen hat! (In was für Zeiten leben wir eigentlich, daß wir eine Schwimmbad-Security brauchen?!) Es wurde von Jahr zu Jahr unerträglicher, bis ich es schließlich aufgegeben habe.

Da sind sie wieder, die „Freiräume“, welche in Maikrawallen und bei Hausbesetzungen todesmutig erkämpft wurden. Freiräume für die von der Mehrheitsgesellschaft drangsalierten Zukurzgekommenen, Freiräume, die dort, wo sie den einen zugestanden werden, den anderen zwangsläufig genommen werden müssen. Entweder arrangiert man sich als von den machthabenden Minderheitlern so klassifizierter „Mehrheitsgesellschafter“ mit den Zuständen oder flüchtet in die letzten noch unbefleckten Refugien.

Auch ein sehkrankes Objekt in Matrosenpulli berichtet unentspannt von seinen Erlebnissen im Lieblingsschwimmbad, in das „kleine Kinder reindürfen“ und normalerweise am Sonntagabend „angenehm leer“ ist. Am Ziel des ersehnten Planschvergnügens angekommen sprang das Objekt in die rauschenden Fluten und stellte fest:

als ich wieder auftauche, traue ich meinen augen kaum: um mich herum nur kleine, dicke, bärtig-haarige männer – soweit das auge blickt. macht da eine moschee gerade erlebniswochen mit äußerer reinigung? ich bin neben einem uralten verhutzelten opa tatsächlich die einzige hellhäutige person im bad, und vor allem: die allereinzige frau. das habe ich bislang noch nie erlebt.

Es ist immer irgendwann das erste Mal, daß man nach einem schönen Traum die Augen öffnet und Unerwartetes erblickt. Allerdings tauchen in der literarisch erquickenden Seenotmeldung auch noch ein blauäugiges Walroß und ein blonder Adonis aus dem Chlorwasser. Doch auch denen fehlte der Rettungsanker, welcher einem in den Wellen des Lebens durchtriebenen Geschöpf Halt bietet.

Unentspannt chillen“ könnte die von Freizeitkonsumenten metaphorisch postulierte Zustandsbeschreibung für die nächsten zehn oder fünfzehn Jahre werden, nachdem die Chillerei der letzten 50 Jahre doch herzlich entspannend war.

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