Schwarmsatire

titanic - Gelacht wird woanders

Als der Thienemann-Verlag bekanntgab, den Neger in dem Kinderbuch „Die kleine Hexe“ ersatzlos auslöschen zu wollen, schwollen Kommentarspalten und Internetforen über vor kreativen Ratschlägen, was die Sprachpolizei noch alles zensieren könnte. Euphemismen haben schließlich schon seit Jahren Hochkonjunktur: Das „Arbeitsamt“ wurde zur „Agentur für Arbeit“, „Zigeuner“ zu „Sinti und Roma“, militärische Überfälle zu „Friedenseinsätzen“, Insolvenzstützen zum „Rettungsschirm“, Untertanengeist zur „Zivilcourage“. Und nun wird ordentlich entnegert.

Zwei Wochen später ist auch die Online-Ausgabe des Satiremagazins Titanic der Diskussionsschwärme gewahr geworden und versucht, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Allerlei mehr oder weniger witzige Begriffsänderungen für Kinderbücher werden vorgeschlagen, die in ähnlicher Weise schon dutzendfach durch das Internet geisterten. Zum Schluß aber resümiert der Autor gereizt: „Ach, das finden Sie komisch? Tja, dann gehen Sie doch in Ihr politisch herrlich unkorrektes Internetforum und kopieren Sie die Vorschläge da rein, Sie Würstchen!“ Man traut seinen Augen kaum. Soll das eine Parodie auf Satire sein? Oder darf Satire alles, außer die Maßnahmen von Neusprech-Wächtern zu foppen und zu toppen?

Nun konsumieren wir so dröge Mainstream-Satiremagazine für gewöhnlich nicht. Aber eine derart politisch-korrekte Satiresimulation haben wir seit Jahren nicht mehr gelesen; sie ist so grotesk, daß sie schon wieder lustig ist. Wahrscheinlich deswegen, weil man sich das verärgerte Würstchengesicht des Autors gut vorstellen kann, der die Sprachverdrehungsversuche seiner Ideologen nicht als Lachnummern demaskieren will und welcher der im Internet in kürzester Zeit postulierten Quantität und Qualität an geballter Schwarmsatire nur hilflos zuschauen kann.

Der langjährige Titanic-Mitarbeiter Eckhard Henscheid faßte die Satirekultur der Monatszeitschrift so zusammen: „Wie ständige Mitarbeiter seit der Gründung des Satire-Journals im Jahr 1979 zur Genüge wissen, rennt da Kritik, Polemik nach rechts fast immer offene Türen ein – solche nach links (oder was immer sich dafür hält) hat dagegen und trotz aller bisherigen didaktischen Übungen der Redaktion mit Blindheit, Unverstand, Vorwürfen bis hin zum Verrats-Verdikt zu rechnen.

Zum Glück gibt es unter den langweiligen Agitprop-Verlautbarungen mancher Online-Zeitungen immer noch Kommentarspalten als Inspirationsquelle ersten Ranges, bei der Lachkrämpfe und Schenkelklopfer garantiert sind. Dem dort en masse und in wechselndem Niveau abgesonderten Witz und Zynismus kann kein gestelzt daherkommendes Satiremagazin das Wasser reichen. Und er kostet nicht einmal ein Abonnement.

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2 Antworten

  1. Das ist bester „Eulenspiegel“ aus der Zeit vor 1989. Nicht über alles sollte man lachen, Genossin. Lachen muß auch immer konstruktiv sein. Und parteilich. Ein Lachen ohne festen Klassenstandpunkt ist ein schädliches Lachen, das uns im Vorwärtskommen zurückwirft. Ein gefundenes Fressen für den Klassenfeind.

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