Kritikasterung

Für seinen Roman „Die Blechtrommel“ erhielt Günter Grass im Jahr 1999 den Literaturnobelpreis. Wir erfahren, wie der gemeinhin als „Literaturpapst“ klassifizierte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki mit diesem Roman auf einen fahrenden Zug aufsprang, weil er drei Jahre nach der Erstlektüre feststellte, daß das Werk eigentlich doch „ungeheuer humorvoll“ ist:

F.A.Z.: Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass Sie im Fernsehen über seinen Roman „Im Krebsgang“ über den Untergang der „Gustloff“ gesagt haben, Sie hätten bei der Lektüre geweint, so überwältigt waren Sie.

Literaturpapst: Hm. Ja, das war ganz gut. Kein Meisterwerk, kein geniales Werk. Aber ganz gut geschrieben. Nicht so genial wie die „Blechtrommel“. Die wird bleiben. Weil es so humorvoll ist.

F.A.Z.: Humorvoll?

Literaturpapst: Ja, ungeheuer humorvoll. Beinahe auf jeder Seite.

F.A.Z.: Da müssen wir kurz noch mal an Ihr erstes Urteil über die „Blechtrommel“ erinnern.

Literaturpapst: Ja.

F.A.Z.: War nicht so günstig.

Literaturpapst: Nein, das war sehr ungünstig. Aber ist es falsch?

F.A.Z.: Sie selbst haben drei Jahre später gesagt, Sie hätten sich geirrt.

Literaturpapst: Ich habe unterschätzt, dass er doch ein großer Humorist war, ja.

F.A.Z.: In Ihrer ersten Kritik schrieben Sie, das sei zu formlos, voller Geschichten zwar, aber ungebändigt. Wie Zigeunermusik. Das haben Sie dann zurückgenommen.

Literaturpapst: Nein! Das mit der Zigeunermusik nicht. Da war doch was Richtiges dran.

F.A.Z.: Was hatte Sie bewogen, Ihr erstes Urteil noch einmal zu überprüfen?

Literaturpapst: Die Leute waren so hingerissen davon, dass ich es mir noch mal angesehen und festgestellt habe, da ist schon etwas dran.

Schön, daß der Literaturpapst noch rechtzeitig den richtigen Riecher hatte, getreu dem Motto: „Millionen Fliegen können nicht irren: Scheiße ist eßbar“. Wobei diese Metapher keine Wertung der Grassschen Literatur kolportieren soll, bestenfalls den Hinweis, daß Martin Walser auch den „Kot eines Kritikers“ hätte sezieren können.

Immerhin läßt der Papst am neuesten Grass-Erguß kein gutes Haar:

Literaturpapst: (Nimmt es zur Hand.) Nein. Ich sehe keine Reime. Gut, Reime müssen nicht sein. Gut, dann muss es Rhythmus sein. Nein. Gibt es nicht. Dann muss es das Vokabular sein, die Wörter, die Melodie. Es muss irgendwas sein. (Liest.) Es ist schrecklich. Es ist poetisch gar nichts. (Liest.) „Mit letzter Tinte“. Das ist natürlich sehr gut.

Das finden wir auch, und so teilten wir bereits drei Tage vor der päpstlichen Kritikasterung mit: „Warum man diesem Schriftquark nun besondere Aufmerksamkeit widmet, erschließt sich nicht. Das ist eine sprachlich mittelmäßige Erklärung, keineswegs mitreißend. Opa-Geschwafel eben, der typische und beliebige Ego-Psycho-Einheitsbrei “Ich-Ich-Ich!” des 68er-Literaturbetriebs. Zum Glück sind’s, wie er seinem Publikum mitteilt, seine letzten Tropfen Tinte.

Das Interview mit Reich-Ranicki ist von Anfang („Es ist ein ekelhaftes Gedicht“) bis Ende („Ach, es ist alles schrecklich!“) überaus belustigend.

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