Begabungsförderung

Nicht die Bildung dient der Wirtschaft, sondern diese wäre weder aufgekommen
noch stände sie in Blüte ohne die Bildung.

Theodor Ballauff / Hubert Hettwer

Zwei interessante Veröffentlichungen vom 2. Februar greifen das Problem von Bildungsgerechtigkeit und Bildungsrückgang auf. So moniert Eva Kühne in der Schülerzeitung „Blauen Narzisse“ [2], daß derzeit die „komplette Nivellierung der Herkunftsunterschiede“ im Mittelpunkt stünde. „Die Studentenzahlen sollen erhöht werden, um Bildungsgerechtigkeit zu garantieren. Um das zu erfüllen, soll das Studium vereinfacht werden. Möglichst viele sollen studieren. Das eigentliche Ziel der ,Humankapitalsteigerung’ (was für ein Unwort!) wird damit jedoch vollkommen verfehlt.

Es sei nicht unbedingt vorteilhafter, „wenn Massen mittelmäßig Ausgebildeter eine Volkswirtschaft antreiben, anstelle einer ausgewählten, gründlich ausgebildeten Gruppe. Nicht jeder ist für eine bestimmte Ausbildung bestimmt und bringt die entsprechenden Qualifikationen mit.“ Gleich darauf wird allerdings festgestellt: „Noch ist es dem deutschen Bildungssystem nicht gelungen, Chancengleichheit in der Schulbildung herzustellen. Folglich kann bei Studienantritt nicht von einer gleichen Qualifizierung aller Bewerber ausgegangen werden.“ Inwieweit „Chancengleichheit in der Schulbildung“ automatisch zur „gleichen Qualifizierung aller Bewerber“ führt, steht jedoch im Raum. Dazu müßten auch erst einmal alle Menschen ein gleiches Begabungspotential besitzen.

Heike Schmoll stellt in der FAZ richtig fest: „Der Staat kann nicht ,begaben’, er kann und muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich Begabungen unabhängig von Milieus entfalten können. Aus purer Verzweiflung darüber, dass Begabungen nicht umverteilt werden können, haben sich Bildungspolitiker oft genug dazu entschlossen, die Schwachen zu begünstigen und die Talentierten zu benachteiligen. Das Niveau wird gesenkt, die Begabten sind unterfordert und die weniger Talentierten nicht ausreichend gefördert, weil die Chancen ungleich genutzt werden.“ [3] Die unprofessionelle Bildungsalimentierung, verbunden mit der Predigt von der Gleichheit aller Menschen, führe zu einer Erwartungshaltung, die allzu oft in Resignation ende: „Schon in der Aufklärungszeit schoben die Bauern eine schlechte Ernte lieber auf den lieben Gott und das ungünstige Wetter als auf ihren Anbau. Es gelang deshalb nicht, sie zur Eigenverantwortlichkeit zu ermutigen. An die Stelle von Leistung und Verpflichtung waren Forderung und Erwartung getreten.

Nun ist zum Fragenkomplex Begabung und Begabungsförderung, begründet in den Anforderungen einer industriellen Technokratie, im letzten Jahrhundert viel geschrieben worden, wobei die ökonomischen mit den massenideologischen Sichtweisen nicht unbedingt korrelieren. Eine gute Zusammenfassung zum Themenkomplex der Begabungsforschung bietet das Buch „Begabungsförderung und Schule“ von Theodor Ballauff und Hubert Hettwer aus dem Jahre 1967. Die beiden Autoren machten es sich zur Aufgabe, Beiträge auszuwählen und zusammenzustellen, die es erlauben, den damaligen Stand der Forschung, bezogen auf die Schule, in ihrer historischen Entwicklung zu verfolgen und verschiedene Aspekte der Begabungstheorie zu beleuchten.

Die Sammlung beginnt mit einem Aufsatz des Psychologen William Stern, dem Erfinder des Intelligenzquotienten, aus dem Jahre 1916. Stern plädiert für die Betreibung einer Menschenökonomie. Diese bedeute eine „den Fähigkeiten entsprechende Verteilung der Menschen auf die Berufe, die Verwertung jeder Begabung an derjenigen Stelle des nationalen Schaffensprozesses, an der sie ihr Bestes leisten kann … Für die deutsche Wissenschaft aber ergibt sich daraus die Forderung, die Erkenntnis jenes geistigen Nationalschatzes an Begabungen in die Wege zu leiten und für die pädagogischen und Berufseignungsfragen nutzbar zu machen.“ Die moderne Psychologie müsse Begabungsforschung und Begabungsdiagnose betreiben.

Diese Sicht ist auf den Aspekt einer nationalen Begabungsförderung fixiert. Die Globalisierung ermöglicht heute durch Flexibilisierung und Mobilisierung des Humankapitals jedoch auch Begabungsimporte, mit deren Forcierung die Ausgaben für das nationale Bildungswesen gesenkt werden können. Konkurrierende Wirtschaftsgebilde treten dann in einen Wettstreit um die Begabten aus der ganzen Welt, deren Ausbildung sie zumeist nicht finanzieren wollen, und vernachlässigen dabei die Förderung des eigenen (nationalen) Begabungsreservoirs.

Aus der gleichen Zeit des ersten Weltkrieges datiert ein Beitrag von Wilhelm Hartnacke, dem späteren vorübergehenden Bildungsminister Sachsens, der zwischen 1933 und 1935 einen besonders harten numerus clausus einführte. Damit stand er dem im Nationalsozialismus postulierten Gedanken einer klassenlosen Volksgemeinschaft entgegen, was zu seiner Absetzung führte. Hartnacke geht auf die Begabtenverteilung in den sozialen Schichten ein und konstatiert eine Ungleichverteilung: In höheren Kulturschichten wären deutlich mehr Begabte als in den unteren Schichten vorzufinden. Er spricht sich gegen eine Einheitsschule aus und gegen die Übernahme von Schulmodellen aus Amerika, Skandinavien oder der Schweiz: „Ich finde nicht, daß man uns den Erfolg unserer deutschen Schule in der Welt bisher nachgemacht hat.“ Das ist aus einer 90 Jahre späteren Perspektive heraus eine interessante Feststellung, weil nach dem Siegeszug der „68er“ und den bald darauf folgenden katastrophalen Ergebnissen der PISA-Studien über ein schlechtes deutsches Schulsystem debattiert und Teile des angelsächsischen Studiensystems eingeführt wurde.

Der dritte Beitrag stammt vom Erziehungswissenschaftler Heinrich Roth aus dem Jahr 1952. Roth war Verfechter eines dynamischen Begabungsbegriffes, der nicht nur die Vererbung von Intelligenz- und Lernleistungen betrachtet, sondern auch auf deren Beeinflussung durch Umweltbedingungen und gezielte pädagogische Förderung Bezug nahm. In seinem Beitrag trennt er zunächst den Begabungsbegriff von der Intelligenz und kritisiert: „Die Begabungsforschung der Psychologie hat sich auf die Intelligenzforschung verengt.“ Intelligenz sei lediglich das, was der Intelligenztest messe. Dieser untersuche „die Fähigkeit, mit neuen Situationen fertig zu werden“, also eine „intelligente Anfangsleistung neuen Aufgaben gegenüber“, aber nicht die mögliche Endleistung. Begabung könne sich „nur in der Aneignung, Beherrschung und Vollendung tatsächlicher Leistungsformen unserer Daseinsbewältigung und Kulturbetätigung dartun“, bei ihr komme es auf die „Aneignung bestimmter Leistungsformen eines Faches, auf ihre Steigerung bis zur freien Verfügbarkeit, ja bis zur produktiven Anwendung echten neuen Aufgaben gegenüber“. Sie sei eine „Hinordnung auf ein bestimmtes Tätigkeitsfeld“. In etwa 80 Prozent der Fälle würde sich jedoch eine hohe Intelligenz mit hoher Begabung, die sich in Lebensleistung äußere, decken. Roth nimmt an, „daß hohe Intelligenzquotienten gleichzeitig ein Anzeichen für ein hohes seelisches Gesamtniveau überhaupt“ wären.

Als Fazit aus Roths bemerkenswerter Analyse bliebe also festzuhalten, daß jene, die sich in neuen Situationen anpassungsfähig und flexibel zeigen, bei Intelligenztests überdurchschnittlich abschneiden, während jene, die tiefgreifend und schöpferisch denken oder handeln, nicht unbedingt einen hohen Intelligenzquotienten aufweisen müssen. Die Begabungsentfaltung wiederum wäre von der Lebenssituation abhängig. So fragte bereits der Pädagoge Georg Reichwein süffisant, wie sich Begabungen, die das heutige Leben verlangt, des Wirtschaftsorganisators oder des Ingenieurs, des Fliegers oder Gewerkschaftsorganisators, im Mittelalter ausgewirkt hätten. Zu resümieren wäre auch, daß auf die Erfordernisse einer sich schnell und umgreifend ändernden globalen Welt dressierte Menschen oder Menschengruppen hohe Intelligenzquotienten aufweisen können, aber deswegen nicht zwingend schöpferisch begabt sein müssen.

Sinniert Roth im weiteren über den pädagogischen Einfluß der Entfaltungsmöglichkeiten von Begabung, geht der Psychologe Otto Engelmayer in einem Aufsatz aus dem Jahr 1953 tiefer auf den Begabungsbegriff ein. Im Rahmen von Veranlagungen wäre „Belastung“, eine Erbkrankheit oder ein geistiger Defekt das Gegenteil der körperlichen, geistigen oder gemütsmäßigen Begabung. Begabungen stünden der relativ fixen Konstante von Intelligenzquotienten schon deswegen gegenüber, weil sie sich „im Rahmen der gesamten Persönlichkeitsentwicklung in einem ständigen Werdeprozeß zu individuellen Leistungsstrukturen entfalten, ausbauen, umschichten, aber auch verfallen, verkümmern oder entarten können“. Sich auf Hartnackes sozial bedingte Begabungsverteilung beziehend stellt Engelmayer fest: „Die relativ höchste Zahl der Hochbegabten ist bei den ,Oberschichten‘ zu finden; die absolut größte Zahl aber wird von den Mittel- und Unterschichten gestellt. Auch heute noch ist demnach das ,Volk‘ das Reservoir der Begabten.“ Eine Begabungsförderung muß demnach auch die unteren Schichten umfassen, um dieses Reservoir auszuschöpfen, allerdings bleibt hierbei zu berücksichtigen, daß Aufwand und Erfolg miteinander korrelieren.

Engelmayer unterscheidet genauer in praktische Begabung, wie sie unabhängig der Intelligenz in allen Berufsständen vorkommen kann, in theoretische Begabung, historisch und sprachlich oder naturwissenschaftlich-technisch, und in musische Begabung. Zu unterscheiden wäre auch die Allgemeinintelligenz von der Sonderbegabung. Intellektuelle Begabungsrichtungen würden sich nicht vor dem 13. Lebensjahr herausschälen, während musische und praktische Begabungen wesentlich früher aufträten. Der Psychologe zitiert amerikanische Studien, die sich einerseits auf die Milieubedingungen getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge beziehen, welche größere Streuungen des Intelligenzquotienten aufwiesen als jene, die zusammen aufwuchsen, und die andererseits konstatierten, daß „die durchschnittliche Begabungshöhe der westlichen Kulturvölker im stetigen Abbau begriffen sei.“ Der Verlust würde „mit 2 bis 3 IQ-Punkte pro Generation beziffert“. Diese Feststellung wurde vor kurzem auch von dem Intelligenzforscher Volkmar Weiss empirisch nachgewiesen und populärwissenschaftlich postuliert.

Wie oben bereits festgestellt, so könnte aus heutiger Sicht entgegnet werden, daß gerade die schnellebige Zivilisation mit ihrem fortdauernden Anpassungsdruck den Intelligenzquotienten eigentlich dressieren, das Gedeihen von Begabungen aber behindern müßte. Auf diesen Aspekt geht der Sozialpsychologe Albert Huth in seinem Aufsatz von 1956 ein, der angesichts der bei damaligen Jugendlichen diagnostizierten körperlichen Wachstumsbeschleunigung und geistigen Entwicklungsverzögerung feststellte, sie hätten zu viele Wahrnehmungen und zu wenig Anschauungen: „Es dringen so viele Sinneswahrnehmungen auf sie ein, daß nichts wirklich verarbeitet werden kann; alles bleibt flüchtig und ungenau.“ Auch würden die Begabungen innerhalb von Schulklassen immer weiter streuen, was für Unbegabte wie für Begabte gleichermaßen ungünstig wäre. Diese Streuung würde sich mit zunehmendem Alter der Schüler verstärken.

Der Psychologe Karl Mierke geht auf den Anteil des individuellen Interesses auf Konzentrationsfähigkeit ein und damit auf den Willen zum Erkenntnisgewinn, welcher Begabungspotentiale fördert. Es bestünde „ein Kausalverhältnis zwischen Interesse und Leistung. … Wertgewichtige und konstante Interessen sind immer auch eine inhaltvolle und impulskräftige Komponente der persönlichkeitseigentümlichen Begabung; denn sie tragen den Bildungs- und Selbstbildungsprozeß.“ Die Erweckung und Pflege echter Interessen sei von zentraler pädagogischer Bedeutung. Es müsse eine Psychohygiene entwickelt werden, in welcher ein Jugendlicher „die leistungsfordernde Gesellschaft nicht als Feind und die sich zum Leistungsprinzip bekennende Schule nicht als Tyrann“ empfinden dürfe.

Der Sozialanthropologe Karl Valentin Müller beschreibt den Sinn der Begabungsforschung als Ziel, Begabungsreservoirs nutzbar zu machen. Begabung sei „eine nur in gewissen Grenzen entfaltbare Gabe der Natur, die den Menschen, die in eine Gesellschaft hineingeboren werden, nur in sehr unterschiedlichem Maße zuteil wird. Da den Bemühungen der Gesellschaft um Entfaltung von derartigen Anlagen verhältnismäßig enge Grenzen gesetzt sind, da es andererseits aber für jede wirtschaftlich-gesellschaftliche Hochleistung und deren Erhaltung in erster Linie auf das Vorhandensein und Zusammenwirken genügend vieler hochbegabter und begabter Menschen ankommt, ist die Frage nach dem Begabungspotential für jedes Volk und jede Wirtschaft unter allen Umständen vordringlich.

Müller beschreibt auch hinsichtlich der damaligen sowjetischen Besatzungszone, in welcher den sozialen Unterschichten gleiche oder sogar bessere Aufstiegsmöglichkeiten als den Oberschichten eingeräumt wurde, daß die Begabungspotentiale dennoch ungleich verteilt blieben. Der Grund läge auch in „unterschiedlicher Einsicht und Opferbereitschaft der Eltern“ in Bezug auf die Ausbildung ihrer Kinder. Er warnt einerseits „vor einer Überschätzung der noch zu hebenden Begabungsschätze, andererseits vor einer zu weit getriebenen Verschulung und einer Berechtigungs-Zwangswirtschaft; wir dürfen nie vergessen, daß wir um eines gesunden öffentlichen und kulturellen Lebens willen dankbar sein müssen dafür, gute Begabung und tapfere Charaktere mit und ohne schulische Ausbildung in allen Lebensbereichen anzutreffen, als unerläßliches Ferment eines freien Gemeinwesens.

Der Psychologe Wilhelm Arnold versucht, Begabungsminderung und Begabungsverschiebung empirisch nachzuweisen. So sei innerhalb von 40 Jahren zwar die manuelle Geschicklichkeit und die organisatorische Befähigung der Jugend leicht gestiegen, die Bereiche der Sprache, der Formgestaltung, der Auffassungsgabe, des Arbeitstempos und vor allem der Aufmerksamkeit einschließlich Konzentration und Sorgfalt jedoch defizitär. Überaus treffend ist das von Arnold gezeichnete Charakterbild des technokratischen Menschen:

Das Zeitalter der Technik prägt den Menschen nach der ihm eigenen Stilidee; es ist nicht der Stil des idealistischen Philosophen oder des meditierenden Gläubigen, nicht der des belletristischen Genießers oder des genügsamen Einsiedlers. Der Lebensstil des Menschen der Zahl und Technik ist gekennzeichnet durch Nüchternheit, Sachlichkeit, Fleiß und bekenntnisarme Toleranz. In diesem Lebensstil entwickelt sich unsere Jugend. Die soziale Konsequenz ist zunehmende Individualisierung bei gleichzeitiger großer Anfälligkeit für Massensuggestionen. Die Spezialisten verlieren die Übersicht und das abwägende Urteil; sie urteilen zwar in Sachlichkeit und Genauigkeit, aber befangen in ihrer persönlichen Enge.

Er widerspricht ebenfalls der „gelegentlich aus sozialpolitischen Gründen“ vertretenen Auffassung, „daß die Begabungen quer durch alle sozialen Stände hindurch dieselben seien.“ Im Gegenteil sei „Begabung zu einem erheblichen Teil erbabhängig und zu einem geringeren Teil bildungsmilieuabhängig. … Das bedeutet nicht, daß es nicht auch begabte Arbeiterkinder gäbe und etwa auch unbegabte Akademikertöchter und –söhne, wohl aber, daß die Schwerpunktverlagerung der Begabungskapazität mit einer bestimmten sozialen Schichtung zusammenhängt.

Der zweite Teil des Buches geht intensiver auf organisatorische und institutionelle Maßnahmen zur Begabungsförderung ein, so wird die „Schule für das Jahr 2000“ entworfen und die „Begabtenförderung als politische Aufgabe“ postuliert. Im dritten Buchteil werden Aufsätze zu „Begabtenauslese und Elitenbildung“ im Schulwesen vorgestellt, unter anderem die Aspekte „Förderung oder Auslese“ oder das „Das Eliteproblem und die höhere Schule“ angerissen; ein Themenbereich, den wir bereits zur Diskussion stellten.

Gerade angesichts des von selbsternannten Bildungsbürgern als „Bildungs-Ungerechtigkeit“, „Bildungskatastrophe“ und „Bildungsmisere“ postulierten Abbildes des bundesdeutschen Bildungssystems bietet das Buch ernüchternde und aufklarende Einblicke in die Bildungsforschung zu einer Zeit, als Studenten vermehrt daran gingen, weniger ans Studieren denn ans Demonstrieren zu denken. Heute bilden sie die Elite, die auch das Bildungssystem bestimmt. Das uns vorliegende Buchexemplar wurde – symptomatisch – im Jahr 2001 aus dem Inventarverzeichnis des Staatlichen Rhein-Gymnasiums Sinzig ausgeschieden.

……………………………………………..
[1] Ballauf, T.; Hettwer, H.: „Begabungsförderung und Schule“, Darmstadt 1967
[2] Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Gerecht ist nicht gleich“, 02.02.2010
[3] Blaue Narzisse: „Exzellente Bildung schafft Reichtum. Darum: Klasse statt Masse!“, 02.02.2010

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2 Antworten

  1. Ich habe in diesem Jahr erstmals ‚Meisenknödel‘ aufgehängt. Vor dem Fenster meines Arbeitszimmers stehen zwei alte Apfelbäume und an einem dieser Bäume hängen zwei Meisenknödel, die ich beim Blick aus dem Fenster stets im Auge habe. Jetzt flogen 3 Meisen von ca. 14.30 – 15.45 Uhr immer wieder zu den Meisenknödeln, pickten sich was, flogen sofort weiter ins Geäst des anderen Apfelbaumes und verzehrten, was sie sich zuvor aus dem Knödel gepickt hatten.

    Meine Mutter legte im Winter immer ein Stück Margarine auf Butterbrotpapier auf die Fensterbank vor ihrem Küchenfenster – die Vögel wußten das und es traf sich dort zu den Futterzeiten immer eine bunte Schar (ich kann mich an Spatzen erinnern (wann habe ich zuletzt einen Spatz gesehen? Keine Ahnung – muß Ewigkeiten her sein.), an Grün- und Blaumeisen, an Rotkehlchen, natürlich die unvermeidliche Amsel … aber es waren auch noch andere da, deren Namen ich nicht mehr erinnere) – quasi die klassenlose Gesellschaft nach der sich die BRD-Einheitspartei so verzehrt.

    Das alles fand statt in den sechziger und siebziger Jahren. Heute bin ich froh auch nur 3 Grünmeisen, ein Amselpäärchen (?) (jedenfalls sind es immer 2) und einmal ein Rotkehlchen an dem eingerichteten Futterplatz gesehen zu haben. Ist die Tatsache, daß ich das Fehlen des Vogelreichtums meiner Kindheit und Jugend als schmerzlich erfahre egentlich auch eine besondere BEGABUNG? Oder geht es allen so??

  2. Zur Debatte zum Artikel in der FAZ und diesem Beitrag, beginnend mit einem Leserbrief an die FAZ:

    Hallo Frau Schmoll,

    ihr Artikel enthält durchaus interessante Fragestellungen und Theorien. Aber was Sie hier zusammengewürfelt haben, bitte entschuldigen Sie die Formulierung, würde sicher auch dem zitierten Aristoteles, würde er denn noch unter uns weilen, die Haare zu Berge stehen lassen!

    Sie merken “kritisch” an, dass beim Streit um mehr Bildungsgerechtigkeit “nicht selten sozialpolitisches und bildungspolitisches Handeln vermischt werden” – und schon hier fehlt der weiteren Auseinandersetzung jedes Fundament. Wie bitte schön soll denn etwas verbessert werden, wenn nicht sozial- und bildungspolitisch? Es gibt doch inzwischen ausreichend empirisch belegtes Material über den Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozialer Herkunft – ich kann Ihnen bei Interesse da gerne etwas empfehlen …

    Dann kommen Sie zu dem Zirkelschluß, dass Schule Allgemeinbildung nicht allein leisten könne, die Verantwortung bei jedem Einzelnen läge und mündige Individuen das Ziel seien. Interessant: Um Verantwortung wahrnehmen zu können, die für den Erwerb von Bildung nötig ist, muss man mündig sein was wiederum das Ziel der Bildung in den Schulen ist – was genau wollen dem Leser denn damit sagen?

    Es sei berechtigt, Bildungsgerechtigkeit zu thematisieren – aber es würden falsche Schlußfolgerungen gezogen indem MAN VON BEGABUNGSUNTERSCHIEDEN AUF SOZIALE UNTERSCHIEDE SCHLIESSEN WÜRDE ??? Und von Ungleichheit auf Benachteiligung? Wo bitte haben Sie das denn her? Klingt ja fast schon ein bißchen wie Dawkins, aber das möchte ich nun doch nicht unterstellen …

    Wichtigste Aufgabe des Bildungssystems sei “die Benachteiligten dazu zu ermutigen Ihre Chance zu ergreifen” … Hallo? Wenn sie so offensichtlich benachteiligt werden, welche Chance?? Und wie schaut es mit der Aufgabe aus, Benachteiligungen zu beseitigen? Aber darauf kommen Sie ja dann auch noch: “Gerechtigkeit sei zu einem Schutzschild gegen Erfahrung und Tradition geworden” – klar, die Erfahrung, dass es sich bewährt einen Großteil der Menschen klein zu halten und die Tradition Bildungsprivilegien gut zu schützen, die würden unter Gerechtigkeit leiden.

    Für wirkliche Gerechtigkeit muss ein gesundes Gleichgewicht gefunden werden, zwischen der Ermöglichung von Individualität und der Ermöglichung gleicher Chancen. Liebau und Zirfas formulieren das in der Einleitung zu “Ungerechtigkeit der Bildung – Bildung der Ungerechtigkeit” sehr deutlich: “Individualität individuell zu fördern und somit Ungleiches ungleich zu behandeln, aber auch allen Menschen gleiche Bildungschancen … eröffnen und somit Gleiches gleich zu behandeln”.

    Falls Sie das damit aussagen wollten, ist Ihnen das leider nicht gelungen.

    Einwand

    Sabine,

    mir erging es genau anders: Endlich war eine wohltuend andere Blickrichtung aus dem Gebrülle von „Bildungs-Ungerechtigkeit“, „Bildungskatastrophe“, „Bildungsmisere“ zu vernehmen.

    Es ist leicht, nach Bildungsalimentierung zu schreien, die der anonyme Herr Steuerzahler gefälligst zu finanzieren hat. Wenn allerdings kaum noch Begabungspotentiale vorhanden und 40 % Akademiker, davon ein Großteil nur mittelmäßig begabt, in einer Volkswirtschaft nicht notwendig sind, dann ist das unnütz verschwendetes Geld.

    Als Einstieg in den Themenkomplex empfehle ich Ihnen einen frischen Artikel, der auch als Ergänzung zu jenem der Frau Schmoll gedacht ist:
    netzwerkrecherche.wordpress.com Artikel : Begabungsforderung

    Antwort

    Hallo Karen,

    danke für den Kommentar – ich werde am WE noch ausführlich darauf eingehen.

    Vorab wüßte ich aber gerne: Wie kommen sie darauf, dass kaum noch Begabungspotentiale vorhanden seinen und unsere Volkswirtschaft
    a) keine 40% Akadamiker brauchen könnte und
    b) ein Großteil davon nur mittelmäßig begabt sein würden?

    Gerne werde ich den von Ihnen empfohlen Artikel lesen 😉 – auch wenn er mir, als fast fertige Bildungswissenschaftlerin und selber mit dem Thema Hochbegabung Befasste, vermutlich eher nicht als “Einstieg in den Themenkomplex” dienen wird 🙂

    Wie gesagt, am WE mehr dazu

    Einwand

    Hallo Sabine,

    es ist doch schon so, daß, wer heute studieren will und halbwegs brauchbare Leistungen vorweist, auch studieren kann. Die seit Jahrzehnten geringer werdenden Leistungsanforderungen an Univiersitäten und die hohen Zahlen an Studienabbrechern zeigen aber auch, daß das Angebot von zu vielen genutzt wird, die ungeeignet sind – auf Kosten der Geeigneten und auf Kosten der Steuerzahler.

    Prinzipiell ist eine gute Bildung für Jedermann immer gut, aber fachspezifische Ausbildungen, die wegen eines Unterangebotes auf dem Arbeitsmarkt nie genutzt werden können, oder teure Qualifizierungsversuche bei Unqualifizierten sind überflüssig: “Wir dürfen nie vergessen, daß wir um eines gesunden öffentlichen und kulturellen Lebens willen dankbar sein müssen dafür, gute Begabung und tapfere Charaktere mit und ohne schulische Ausbildung in allen Lebensbereichen anzutreffen, als unerläßliches Ferment eines freien Gemeinwesens.”

    Antwort

    @Karen: War jetzt leider keine Antwort auf meine Frage sondern nur erneute Behauptungen…?

    @Karen: deinen Ausführungen kann ich in ihrer Radikalität nicht folgen und mir fehlen da auch konkrete Belege.

    Hallo Karen,

    nur kurz, ich habe gestern die Seite auf die Sie verlinked haben kurz überflogen und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich die dort veröffentlichten Inhalte nicht verlinken möchte – ich habe daher den obigen Link entfernt, wer den Artikel dennoch lesen möchte, findet ihn auch mit den jetzigen Angaben noch.

    Ob ich noch näher auf den Artikel eingehen werde … bin ich mir noch nicht schlüssig – ich werde auf alle Fälle die Diskussion an sich noch weiterführen, heute oder morgen.

    Liebe Roma, liebe Leser,

    zuerst eine abschließende Anmerkung zu Karens Kommentar. Da ich Donnerstag und Freitag auf einem ganztägigen Seminar war, bin ich erst gestern dazu gekommen, den von Karen verlinkten Artikel näher zu lesen. Es handelt sich hier eindeutig um ausgesprochen populistische und durch nichts belegte Hetzen gegen soziale und bildungspolitische Maßnahmen für mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem. Auch die dort genannte „Schülerzeitung“ bewegt sich nach Google-Recherche sehr am rechten Rand der Meinungsmache – ich möchte mich von diesen Seiten und Artikeln ausdrücklich distanzieren – das ist 100ig konträr zur Intention dieser Community.

    Einwand

    Hallo Sabine,

    mein erster Absatz des zweiten Kommentars war die Antwort auf alle drei Fragen.

    „ich werde am WE noch ausführlich darauf eingehen“

    Bisher lese ich hier leider noch keine Argumente, dafür sozialromantische Polemik und die Behauptung, es würde sich bei den Auszügen der wissenschaftlichen Erkenntnisse um „Hetze“ handeln, vor der andere Menschen bewahrt werden müßten:

    „Es handelt sich hier eindeutig um ausgesprochen populistische und durch nichts belegte Hetzen gegen soziale und bildungspolitische Maßnahmen für mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem. … ich habe daher den obigen Link entfernt“

    Der Erziehungswissenschaftler Theodor Ballauff war ab Oktober 1946 an der Universität Köln zunächst Assistent, später Privatdozent und ab 1952 außerordentlicher Professor. 1947 hatte er einen Lehrauftrag an der Universität Bonn. 1955 wurde Ballauff außerordentlicher Professor für Philosophie und Pädagogik an der Universität Mainz, 1956 ordentlicher Professor für Pädagogik. 1979 erfolgte seine Emeritierung. Hubert Hettwer beschäftigte sich in mehreren Veröffentlichungen mit der Schulpolitik in totalitären Systemen. Sie beide haben den Stand der Forschung des Jahres 1967 und aus ihrer Sicht wichtige Forschungsergebnisse vieler Wissenschaftler ohne ideologische Scheuklappen zusammengetragen.

    „Niemand wird heute mehr ernsthaft daran glauben, dass es in 80 Prozent der Bevölkerung größtenteils nur weniger begabte und weniger intelligente Kinder als in den anderen 20% gibt.“

    Gegenbeweis? Oder ist diese Behauptung eines angeblichen Glaubenswechsels – meinethalben auch Paradigmenwechsels – eher religiös inspiriert?

    Nun ist mir Ihr akademischer Grad ebenso unbekannt wie es Ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema sind, welche die Aussagen eines ganzen Dutzend bekannter Pädagogen, Psychologen und Soziologen wissenschaftlich widerlegen oder als „Hetze“ disqualifizieren. Ich warte immer noch auf Ihre Argumente, da ich ansonsten annehmen müßte, daß Ihre Intention eher ideologischer Natur ist.

    Antwort

    Hallo Karen,

    dann zitiere ich Ihren ersten Absatz nochmal:

    “es ist doch schon so, daß, wer heute studieren will und halbwegs brauchbare Leistungen vorweist, auch studieren kann. Die seit Jahrzehnten geringer werdenden Leistungsanforderungen an Univiersitäten und die hohen Zahlen an Studienabbrechern zeigen aber auch, daß das Angebot von zu vielen genutzt wird, die ungeeignet sind – auf Kosten der Geeigneten und auf Kosten der Steuerzahler.”

    Wenn Sie das für eine Antwort auf meine Fragen halten… ok…

    Es mag auch gut sein, dass vor 40 Jahren, Anfang der 70er Jahre, Wissenschaftler auf die sie sich berufen den “Stand der Forschung des Jahres 1967 und aus ihrer Sicht wichtige Forschungsergebnisse …zusammengetragen” haben.

    Ich habe in meinem Beitrag nicht auf eigene wissenschaftliche Erkenntnisse verwiesen, sondern eindeutige Fakten aus der aktuellen empirischen Forschung, sowie deren Quellen, genannt.

    Ihre persönlichen Annahmen darüber und Ihr Glaube an 80% unbegabte Bevölkerung, die es sich nicht zu fördern lohnt, bleiben Ihnen natürlich unbelassen …

    Einwand

    Hallo Sabine,

    1. die Begabungspotentiale sind offensichtlich weitgehend ausgeschöpft, denn wer will, der kann ein Studienfach seiner Wahl studieren. Dazu muß er nicht besonders reich und auch nicht besonders klug sein. Das war vor etwa 100 Jahren, als Milieubindungen noch viel fester waren, oder gar vor 200 Jahren, als es noch eine Ständegesellschaft gab, anders.
    a.) … das Unterangebot auf dem Arbeitsmarkt (von einigen natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fachrichtungen abgesehen).
    b.) Qualifizierungsversuche bei Unqualifizierten, wie die hohen Studienabbrecherzahlen belegen. Offensichtlich haben wir auch trotz der Verhundertfachung der Studentenzahlen gegenüber der Zeit vor 200 Jahren nicht eine entsprechende Verhundertfachung von Genies, die einem Goethe, Hegel, Leibnitz, Kant … entsprechen.

    Wenn Sie nun mit dem Argument sozialer Ungerechtigkeit kommen, welche etwa die potentiellen Genies aus dem HartzIV-Milieu unterdrücken, so muß ich Ihnen mitteilen, daß mir in Mitteleuropa noch kein Student begegnet ist, der hungern oder frieren mußte. Auch das war früher durchaus anders.

    Vergleicht man Qualität und Quantität von Universitäten und Studenten etwa der Jahre 1925 und 2005, so ist zwar die Quantität gestiegen, aber die Qualität gesunken. Universitätsstudenten gelangen heute oft in Tätigkeitsfelder, in den früher die Fachschulausbildung ausreichte, Fachhochschüler in Arbeitsbereiche, in welchen die Berufsschule genügte. Die Universitäten sind vollgestopft mit Personen, die rudimentäre Defizite auf naturwissenschaftlichem oder sprachlichem Gebiet aufweisen.

    „Es mag auch gut sein, dass vor 40 Jahren, Anfang der 70er Jahre, Wissenschaftler auf die sie sich berufen den “Stand der Forschung des Jahres 1967 und aus ihrer Sicht wichtige Forschungsergebnisse …zusammengetragen” haben.“

    Leider kann ich aufgrund Ihrer Rechtschreibung die inhaltliche Stoßrichtung Ihres Textes nur erahnen. Sie erwidern nicht argumentativ auf die Äußerungen der Wissenschaftler, welche Sie aber dafür als als „Hetze“ disqualifizieren, und rezitieren auch nicht Ihre eigenen Quellen (wenigstens sinngemäß). Die Art und Weise, wissenschaftliche Publikationen je nach persönlichem Gusto und herrschendem Paradigma mal als „wissenschaftlich“ einzustufen, mal als „pseudowissenschaftlich“ (oder gar „hetzerisch“) zu verwerfen, ist eine höchst ideologische, vor allem, wenn man über den Inhalt zu disputieren weder willens noch imstande ist, sondern lieber den Link abschaltet.

    „Ihre persönlichen Annahmen darüber und Ihr Glaube an 80% unbegabte Bevölkerung, die es sich nicht zu fördern lohnt, bleiben Ihnen natürlich unbelassen …“

    Ich habe nie behauptet, daß ich „an 80% unbegabte Bevölkerung, die es sich nicht zu fördern lohnt“ glaube. Wo steht das? Ich habe nur den Gegenbeweis gefordert, denn Glauben genügt mir nicht, auch wenn angeblich „niemand heute mehr ernsthaft daran glaubt“. (Personaler zumindest blicken auch heute noch bei jungen Arbeitssuchenden auf das Milieu, wie „Beruf der Eltern“).

    Zunächst einmal sollte man im Text „Begabungsförderung“ zwischen der zitierten Meinung der Wissenschaftler („Er widerspricht ebenfalls der…“, „Im Gegenteil sei…“) und den daraus folgenden subjektiven Bewertungen unterscheiden, zweites finde ich nirgendwo die Äußerung „daß 80% unbegabte Bevölkerung nicht zu fördern“ lohne, selbst bei böswilliger Interpretation nicht. So habe ich bereits in einem vorhergehenden Artikel zur Elitediskussion resümiert:

    „Ballauff und Hettwer drängen daher auf Begabungsförderung, nicht auf Begabtenauslese. Das schlösse nicht aus, daß die ,sehr Begabten’ dieselbe Förderung erfahren wie die ,weniger Begabten’, allerdings in dem jeweilig passenden Rahmen. Dem wäre mit einem differenzierten Aufbau des Bildungswesens Rechnung zu tragen.“

    Von meiner Seite aus sehe ich die Diskussion als beendet an, da mir die Zeit für umfassende Erwiderungen auf Unterstellungen angesichts der offensichtlichen Oberflächlichkeit bzw. des Nichterfassenwollens textlicher Zusammenhänge zu kostbar ist.

    MfG

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