Geburtstagsgeschenk für Quazonesien

Goodbye Johnny, goodbye Johnny, warst mein bester Freund.
Eines Tages – eines Tages sind wir wieder vereint.
Bricht mir auch heut` das Herz entzwei.
In hundert Jahren – Johnny – ist doch alles vorbei.

Peter Kreuder, Komponist

ddr_hymne_erstauffuehrung_sowjetunion1

Heribert Prantl, Leiter das Ressorts für Innenpolitik bei der überaus renommierten Süddeutschen Zeitung, hat nicht nur entdeckt, daß Deutschland 60 Jahre alt wird, ergo vorher nicht existierte, sondern will es auch noch beschenken lassen: „Deutschland könnte sich zum 60. Geburtstag eine zweite Strophe zur Nationalhymne schenken.“ [1] Tatsächlich, Augenreiben hilft nicht – Prantl legt nach: „Deutschland feiert seine Gründung.“ Wurde Deutschland 1949 gegründet? Was war dort vorher? Trizonesien?

Der Journalist gibt sich zum Jubiläum generös: „Das Land könnte sich selbst beschenken – mit einer zweiten Strophe zur Deutschlandhymne. Bisher gibt es nur eine einzige: ,Einigkeit und Recht und Freiheit’.“ Dabei besitzt das Lied, welches die Grundlage der von Weizäcker und Kohl festgelegten deutschen Volkshymne bildet, drei Strophen. Dennoch meint Prantl, als Erweiterung der im Jahr 1991 zurechtgedrittelten Hymne „böte sich die erste Strophe der früheren DDR-Hymne an.“ Deren Verfasser ist Johannes R. Becher, dessen Lebensstationen sich wie folgt zusammenfassen lassen: Mädchenmörder, Psychot, Studienabbrecher, Kommunist, Expressionist, Pazifist und Stalinist, der nach mehrmaligen Selbstmordversuchen Nationalpreisträger der DDR wurde. [2] Andererseits gelangen ihm, unter anderem mit der DDR-Hymne, einige literarische Würfe.

Doch die DDR wurde mit ihrer Hymne ebenso wenig glücklich wie die BRD. So klang die von Hans Eisler komponierte Melodie in ihren ersten Intervallen wie „Goodby Jonny“ aus dem 1939 ausgestrahlten Hans-Albers-Film „Wasser für Canitoga“, was laut Gerüchten dazu geführt haben soll, daß bei der Aufführung des Schlagers in der DDR sich „die Anwesenden erhoben, da sie glaubten, die Nationalhymne werde gespielt.“ [3] Nachdem die DDR von der Wiedervereinigung Deutschlands abrückte und die Textzeile „Deutschland, einig Vaterland” unbequem wurde, so etwa wie im Westen „Deutschland, Deutschland über alles“, wurde die Hymne nur noch instrumental aufgeführt. Und während es bei „Goodby Jonny“ heißt: „In hundert Jahren ist doch alles vorbei … eines Tages sind wir wieder vereint“, dauerte das bei der DDR gerademal 40 Jahre.

Der Krampf um die Nationalhymne ist sinnbildlich für die Verkrampftheit der deutschen Nation, bei der die notorischen Mahner und Warner, Spießer jeder Couleur, eine maßgebliche Rolle spielen. Dabei hatte Karl Berbuer schon 1948 – als nach Heribert Prantl Deutschland noch nicht geboren war – einen flotten Song verfaßt, der auch bei offiziellen Anlässen nicht gekürzt werden müßte, sondern in seiner Gesamtlänge genießbar wäre: „Wir sind die Eigeborenen von Trizonesien“. Und als Geburtstagsgeschenk kann man Trizonesien durch Quazonesien ersetzen.

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[1] Süddeutsche Zeitung: „Auferstanden aus Ruinen“, 21.04.2009
[2] Wikipedia: „Johannes R. Becher“, Stand: 25.04.2009
[3] Heike Amos: „Auferstanden aus Ruinen… Die Nationalhymne der DDR 1949 bis 1990“, Berlin 1990, S. 74

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