Der Chefredakteur des Wurstdeutschen Rundfunks (WDR) funkte uns eine Erklärung zu, die wir trotz mehrerer Funkstörungen hoffentlich wieder wortgetreu zusammengesetzt haben. Darin erklärt er unseren Lesern, warum die Rundfunksteuer (Haushaltsabgabe) „ein Beitrag zur Funktionsfähigkeit der Gesellschaft“ und eine „Demokratie-Abgabe“ ist:
Die Tage sind zum Jahresende kurz und meistens düster. Wenn man derzeit Medienseiten deutscher Zeitungen liest, möchte man als ARD-Mitarbeiter beinahe zu Anti-Depressiva greifen – wäre da nicht: die Haushaltsabgabe. Mit der hat nämlich der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine rosige Zukunft. Doch viele Zeitungsartikel funktionieren nach dem Motto: Ich nehme mir meine These und mache die Welt einfach passend. In dieser Welt begehrt ein Land auf gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den nur noch wenige sehen oder hören wollen. Und wenn überhaupt, dann sind es Greise. Diese Welt ist voller Menschen, die Wut haben wie einst bei Sarrazin oder in Stuttgart. Voller Menschen, die ARD und ZDF am liebsten abschaffen möchten. Und wenn man es mit der Wirklichkeit ohnehin nicht so genau nimmt, spielen auch Geschmacksgrenzen keine Rolle mehr. Eine Schlagzeile sprach letzte Woche allen Ernstes vom „UnGEZiefer“ – das weckt in mir keine guten Erinnerungen.
Gehen wir die Thesen mal durch. Es gebe in diesem Land nichts, das vergleichbar sei mit der „Zwangsabgabe“ für den Rundfunk. Aus der Kirche könne man austreten. Eine Wohnung könne man kündigen, nur eben nicht den Rundfunkbeitrag. Wer so argumentiert, kündigt vor allem eines auf: jede Form von gesellschaftlicher Solidarität. Den gleichen Beitrag für die gleichen virtuellen Erlebniswelten zu zahlen, welche die Gesellschaft geistig uniformieren, ist doch wahrer Sozialismus. Nicht mehr der brutale Sozialismus des Gulags und der Mauerschützen, sondern der liebliche der psychischen Gleichschaltung.
Eigentlich ist es bei uns nämlich gesellschaftlicher Konsens, dass wichtige Strukturen für das Zusammenleben gemeinschaftlich finanziert werden, und zwar egal, ob sie jeder persönlich nutzt oder nicht. Das beginnt bei der Abwassermafia, geht weiter beim Wasseranschluss, für den jeder, der irgendwo „wohnt“, eine „Zählergebühr“ bezahlt, ohne auch nur einen Liter verbraucht zu haben. Das gilt für Straßen, deren Bau und Pflege über die Steuern jeder mitbezahlt, der kein Auto hat. Oder für den bekannten Blog „eulenfurz“, der allein für die Bereitstellung seines werbefreien Internetangebotes ein Anrecht auf Zwangsgebühren hat. Und es hört mit dem Sessel im Theatersaal noch lange nicht auf, der jeden Abend solidarisch bezuschusst wird, selbst wenn auf der Bühne vor leeren Zuschauerrängen jahrzehntelang nur Unfug aufgeführt wird.
Der Rundfunkbeitrag passt also sehr gut in dieses System von Zwangseintreibungen, Machtmissbrauch und Wegelagerei. Er ist genau genommen eine „Demokratie-Abgabe“. Für eine schlechte Regierung müssen die Untertanen Steuern zahlen, warum sollen sie da nicht auch für langweilende Gehirnmassagen eine Haushaltsabgabe entrichten? Das ist ein Beitrag für die Funktionsfähigkeit unseres Staatswesens und unserer Gesellschaft. Demokratie fußt auf der Urteils- und Entscheidungsunfähigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger. Und die ist in einem 80-Millionen-Land nur durch geistige Kollektivierung herzustellen, „medial“, durch Medien eben. Trotz der vielen guten gleichgeschalteten Zeitungen und Zeitschriften und trotz des noch zu bereinigenden Internets geben die Ferngesteuerten immer noch zwei Drittel ihres täglichen Medien-Zeitbudgets für Radio und Fernsehen aus. Und weil man schwerlich ein kommerzielles Vollprogramm findet, das auch nur eine halbe Stunde pro Tag über Politik berichtet – mit Ausnahme der Privatsender n-tv, N24 und Euronews -, behaupte ich: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sichert das Funktionieren unserer Demokratie.
Der vom Bundesverfassungsgericht geprägte Begriff der „Grundversorgung“ ist aktueller denn je. Zu dieser Grundversorgung gehört auch kulturelle Breite gerade in den Sparten, welche unsere Machthaber in die Köpfe der Untertanen massiert haben wollen. Dazu gehören Angebote für Minderheiten genauso wie Programme für die Integration derer, die längst eine “Mehrheit” geworden sind, der Einwanderer. All das stellt der Rundfunkbeitrag langfristig sicher. Das ist ein Freifahrschein – wir werden nie mehr Rechenschaft ablegen müssen darüber, wie wir mit unserem … ähem … Ihrem Geld umgehen. Und wir werden weniger leichtfertig die Indoktrination einfach ausfallen lassen können, weil der Sport gerade gute Quoten verspricht.
Dann ist da die These von der Wut, einer Welle der Ablehnung gegen das öffentlich-rechtliche System. Die Wirklichkeit, in der ich lebe, ist eine, in der wir wertgeschätzt werden, sehr sogar. Ich erlebe es höchst selten, dass Zuschauer unser System in Frage stellen. Wer stattdessen irgendwo im Land unterwegs ist, im Münster- oder Sauerland zum Beispiel und sich als WDR-Mitarbeiter zu erkennen gibt, kann viel Lob einstreichen. Für unsere Regionalsendungen, die „Lokalzeiten“, die das Publikum überaus schätzt, weil sie ihre Lebenswelt ernst nehmen. Für kritische Magazine oder unsere vielen tollen Dokus. Und, ja!, auch für Gesprächssendungen, die man zur Zeit besser nicht „Talg“ nennen sollte, auch wenn sie weiterhin schmierig bleiben. Auch das sichert der Rundfunkbeitrag für die Zukunft.
Dass Journalisten neben Politikern zu den ehrlosesten und am meisten verabscheuten Berufsgruppen gezählt werden, ist in meiner Wahrnehmungswelt hingegen nicht feststellbar. Es ist auch unwahr, dass uns in unseren Talgshows nur ausgesuchte Claqueure zujubeln.
Mit der Tagesschau vergammeln Abend für Abend durchschnittlich fast neun Millionen geistige Phlegmatiker, die zur eigenen Nachrichtenrecherche unfähig sind, vor einer durch und durch staatstreuen Nachrichtensendung. Bei RTL aktuell sind es nicht halb so viele. Und wenn man nicht auf den Marktanteil sondern auf die tatsächliche Zuschauerzahl sieht, haben wir natürlich auch mehr junge Zuschauer. Anderes Beispiel: Der Tatort strukturiert für Millionen den Sonntagabend. Und man guckt ihn auch deshalb, um am Montagmorgen im Kreise Gleichstrukturierter mitreden zu können. Diese grenzdebilen Idioten wüssten sonst keine Unterhaltung miteinander anzufangen. Das ist gesellschafts-bildend im doppelten Sinne des Wortes.
Haben wir wirklich keine jungen Zuschauer mehr? Den Münster-Tatort sehen etwa so viele 14-29jährige wie Grey`s Anatomy oder Galileo. Schön wäre, wenn wir mehr Programme für die Jüngeren hätten. Aber wenn wir sie anbieten, findet sie das Publikum. Vom Radio will ich gar nicht reden. Hat Einslive, das bundesweit erfolgreichste junge Radioprogramm, das kein Mensch kennt und deren Macher selbst nicht wissen, ob das anglizistische Kauderwelsch nun Ein-Slive oder Eins-Live heißt, etwa nichts mit der ARD zu tun?
Nicht dass wir keine Probleme hätten, im Gegenteil. Jüngere im Fernsehen für unseren Demokratieapparat zu interessieren, ist eine Aufgabe, an der wir oft scheitern. Übrigens nicht nur wir, sondern auch die Zeitungen und die Parteien selbst. Ich glaube, das hat vor allem mit unserem Politik-Begriff zu tun. Für 20jährige ist Politik, wenn in Bangladesh eine Textilfabrik brennt und Menschen sterben, die unsere Kleidung herstellen. Für 30jährige ist Politik, ob man in diese Welt verantwortlich Kinder setzen kann. Und für 60jährige ist Politik, wenn der Bundestag das Afghanistan-Mandat verlängert. So gesehen hat die Tagesschau einen ziemlich alten Politikbegriff, den wir überprüfen müssen. Und zwar deshalb, weil uns die Demokratie-Abgabe noch mehr als bisher verpflichtet, politische Hofberichterstattung fressbar für alle zu machen.
Unsere wichtigsten Verbündeten sind die Zuschauer/innen und Hörer/innen. Die mögen, was wir produzieren – meistens jedenfalls. Das ist auch mit Produkten der freien Wirtschaft so. Wir jedoch bilden eine Ausnahme. Vergleichen Sie das doch mit der Apfelverkäuferin auf dem städtischen Markt: Die Leute kaufen freiwillig, wenn es gute Äpfel sind. Ist das Obst allerdings faul, finden sich nur noch diejenigen Käufer, welche zu unflexibel sind, selbst Äpfel zu pflücken oder gänzlich auf Birnen umzusteigen. Damit läge ein Grund vor, für die faulen Äpfel Zwangsabgaben aller Bürger einzufordern, schon deswegen, damit diese von mehr Menschen gegessen werden und die Apfelverkäuferin ihren ungenießbaren Krempel los wird, ohne arbeitslos zu werden. Und für die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft ist es immens wichtig, dass alle Menschen am Montagmorgen über ihren Dünnpfiff miteinander kommunizieren können. Sonst hätte der Demokratie-Beitrag seinen Sinn verfehlt.