„Ganz Ostdeutschland ist No-Go-Area“ [1]
Schlagzeile in Die Welt

Kennen Sie noch die „Zonen der Angst“? Das waren jene Gebiete, über welche der frühere Sprecher Bundeskanzler Schröders, Uwe-Karsten Heye, kurz vor der Fußballweltmeisterschaft zu berichten wußte: „Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen“. [2]
Zwar gab es während der Weltmeisterschaft keine nennenswerten rassistischen Vorkommnisse, aber seien Sie ehrlich: Füchten Sie sich nicht auch, wenn Sie die roten Flächen auf der oben abgebildeten Angstzonenkarte sehen und sich vorstellen, das alles wäre Blut? Blut erdolchter Jungtürken, zertrampelter S-Bahn-Rentner, ersäufter Kleinkinder, hakenkreuzgeritzter Schülerinnen und abgestochener Polizeioberwachtmeister. Blut, das sich in wabernden Fontänen von Erzgebirge und Rennsteig zu Fluten anschwellend in die Ostsee ergießt, wobei die letzten Bastionen der Angstlosigkeit – die Berliner Bezirke Kreuzberg und Neukölln – wie erhabene Felsen der meuchelnden Brandung trotzen.
Als Heye seine Reisewarnung postulierte, hatte gerade der Deutschäthiopier bzw. Athiopiendeutsche Ermyas Mulugeta aus Potsdam seinen schillernden Medienauftritt. Mulugeta schnitt mit seinem Telefon sturzbetrunken die lallenden Worte „Scheiß-Nigger“ einer piepsigen Stimme mit, um am nächsten Morgen nicht nur mit den üblichen Nachwehen einer durchzechten Nacht, wie Kater und Erinnerungslücken, sondern auch mit einem Nasenbeinbruch aufzuwachen. Daraufhin verband die Staatsgewalt zwei willkürlich aufgegriffenen Potsdamer Bomberjackenträgern die Augen, flog sie zum Generalbundesanwalt nach Karlsruhe und warf sie den Medien zum Fraße vor. Nach dem üblichen kurzen Empörungshype und den Massenaufmärschen der Medienkonsumenten wurde es bald wieder leiser, die beiden Mediennazis ein Jahr später freigesprochen und der äthiopiendeutsche Deutschäthiopier Ermyas Mulugeta drei Jahre später wegen Prozeßkostenbetrugs verurteilt. [3]

Das gebrochene Nasenbein aber versinnbildlichte seinerzeit die dräuende Gefahr. Wegen dem armen Ermyas und den piepsigen Phantomnazis wurden auch die ausländischen Besucher der Fußball-Weltmeisterschaft gewarnt, „sie würden – wie das Opfer in Potsdam – Gefahr laufen, Leib und Leben aufs Spiel zu setzen. Organisationen wie der Afrika-Rat, aber auch amerikanische Reiseführer warnen deshalb aus gutem Grund vor diesen No-Go-Areas genannten Angsträumen für Farbige.“ [4]
Doch seit vergangenem Wochenende sind die letzten Friedensareale der BRD um einen roten Blutfleck reicher, denn das US-Konsulat gab an Tausende in der BRD lebende US-Bürger eine Reisewarnung für Garmisch-Partenkirchen heraus: „Das US-Konsulat in München rät amerikanischen Staatsbürgern, öffentliche Sammelplätze, vor allem Restaurants, Bars und Discotheken, die von Amerikanern besucht werden, im Großraum Garmisch-Partenkirchen am Wochenende des 4. Juli zu meiden.“ [5]
Und wieder ist der Grund Fremdenfeindlichkeit, wenn das amerikanische Militär selbst in der Idylle des sommerfrischen Garmisch-Partenkirchen um seine Sicherheit fürchtet. Das Konsulat begründete seine Warnung, „es gebe Berichte, wonach ,eine deutsche Gruppe einen Vergeltungsschlag gegen US-Bürger in Garmisch-Partenkirchen plant. … An diesem Wochenende werden US-Bürger dazu angehalten, besonders wachsam zu sein und angemessene Maßnahmen zu treffen, um ihre Sicherheit zu erhöhen.’ Amerikaner werden dazu aufgerufen, sich auf den Websites der US-Botschaften über die Sicherheitslage in Deutschland zu informieren und sich im Internet zu registrieren, damit ,es dem Konsulat im Katastrophenfall leichter fällt, sie zu informieren.’“ Was war geschehen? Sind schwerbewaffnete Werwolfeinheiten aus ihren Alpenhöhlen gekrochen? Ist der Garmisch-Partenkirchener Volkssturm im Besitz der Wunderwaffe? Steht die Invasion der Reichsflugscheiben aus Neuschwabenland bevor?
Das Terrorszenario hatte seine Ursache in einem Vorkommnis vor einer Woche, als es vor einer Kneipe „in der Garmisch-Partenkirchener Innenstadt zu einer Prügelei zwischen einem zivilen Angestellten der US-Armee und einem Deutsch-Türken gekommen“ war. „Mehrere Menschen wurden verletzt. Am Ende soll einer der beteiligten Deutsch-Türken … dem Amerikaner gedroht haben, man werde mit mehreren Freunden zurückkehren und Rache üben.“ Allerdings taugt solch eine „Katastrophe“ in der BRD normalerweise kaum für einen Polizeibericht und wird stillschweigend in die Rubrik „ausländerfeindliche Gewalttaten“ eingereiht.
Garmisch-Partenkirchen ist also nun auch fürchterlich blutrot. Nur Teile Berlins stehen weiterhin in Treue fest und dienen als Zufluchtsbastion für alle Bedürftigen. So ist auch jene Geschichte rührend, welche sich zwischen Passau und Linz ereignete, wo „zwei Kinder, eine Hochschwangere und 11 Erwachsene aus Rumänien“ [6] im Laderaum eines Transporters gequetscht auf dem Weg nach Berlin waren. Verfolgt waren sie auch: „Einer der Männer wurde wegen Betruges gesucht … zwei weitere Personen waren wegen Diebstahls und Betruges zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben. Der Ford war in Berlin an einer Verkehrsunfall beteiligt gewesen. Ferner besteht für das Fahrzeug keine Zulassung und Versicherung.“ Dürfen sie aber deshalb von furchteinflößenden Angstmachern verschreckt werden?
In Passau herrscht seit der brutalen Mannichlierung des Polizeikorps der Ausnahmezustand, die Dreiflüssestadt ist wegen seiner äußerst brutalen Schlangennazis auf der Angstkarte mittlerweile dunkelrot. Doch gibt es immer noch Mutige, die sich den Lebkuchenmördern todesverachtend entgegenwerfen. So wurden die Leute „aus Rumänien“ nicht etwa festgenommen, sondern vom „Bayerischen Roten Kreuz verpflegt und in einem Notzelt untergebracht“. Und mit einer waghalsigen Aktion, die selbst Oscar Schindler das Blut in den Adern gefrieren ließe, so er denn noch welches hätte, wollte man sie mitten durch die Zonen der Angst schmuggeln: „Am 02.07.09 stellte das Landratsamt Passau für die Weiterreise der mittellosen Rumänen ein Fahrzeug mit Fahrer zur Verfügung.“ Also mit Taxi und Chauffeur von Passau nach Berlin, durchgeschleust bis zur Insel der Furchtlosen.
Seitdem keine Meldung mehr vom Frontverlauf. Haben sie es geschafft? Wollte man sie in Hagen erschlagen, in Golchen erdolchen oder in Mügeln verprügeln? Doch nein, jeder Film hat sein Happy End.
Und Berlin-Mitte darf aufatmen: Immer noch keine Angstzone!
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