Nach Nazi-Alarm: Abrißbirnen gegen rechts

Das Haus steht für die Wehrhaftigkeit von Bürgern, für Gemeinsinn und Wachsamkeit.
Vielleicht steht es auch für einen Millionenbetrug, aber das kann niemand wissen.
“ [1]
Ralf Wiegand, Süddeutsche Zeitung

abrissbirne_delmenhorst_rieger

Ach, was waren das doch für schöne Tage in Delmenhorst, jene Tage im Spätsommer 2006. Es begann mit einer Zeitungsmeldung und der Nachricht, „dass der rechtsextreme Hamburger Anwalt Jürgen Rieger ein Hotel in Delmenhorst kaufen wollte, das ,Hotel am Stadtpark’. Früher war es das erste Haus am Platz, dann stand es lange leer, der Besitzer hatte Schulden. Er traf auf Rieger, der ein Schulungszentrum für Neonazis plante. Mitten in Delmenhorst, direkt gegenüber dem Rathaus. Die Stadt mit fast 80000 Einwohnern war in Aufruhr, es gab Unterschriftenlisten, Mahnwachen, Demonstrationen. Und eine Spendenaktion, um dem Anwalt das Hotel wegzuschnappen. Fast eine Million Euro kamen zusammen. Eine große Summe für eine kleine Industriestadt in Niedersachsen, die schon bessere Zeiten erlebt hat.“ [2]

Bessere Zeiten… das waren aus heutiger Sicht auch jene, die auf den mittlerweile verwaisten Internetseiten „Delmenhorst sagt nein“ oder „Für Delmenhorst“ dokumentiert sind. [3] Auch zweieinhalb Jahre nach dem Delmenhorster Nazi-Hype ist dort einsehbar, zu welch einfältiger Vielfalt der Kampf gegen rechts in der Provinz imstande ist, wenn der Verkäufer einer Schrottimmobilie den „Pakt mit dem Teufel“ eingeht. Immerhin, die Delmenhorster bildeten gegen die dräuende Nazigefahr eine unüberwindbare Stahlfront, die wohl einmalig in der Geschichte der Stadt ist und auch von den örtlichen Volkssturmeinheiten im „heldenmütigen Abwehrkampf gegen den Feind 1945“ nicht getoppt werden dürfte. Da hielt stand die Festung Delmenhorst gegen die braunen Fluten, die Bürger vereint mit den tapferen Honoratioren, so wie einst Kolberg unter seinem Bürgerhauptmann Nettelbeck gegen die napoleonische Belagerung standhielt. „Ob ,Die Welt’, die ,Süddeutsche Zeitung’, ,Spiegel-online’ oder ,The Guardian’ – die Ereignisse um den geplanten Hotelverkauf an einen rechtsextremen Anwalt und der Widerstand der Bürger sind weit über Delmenhorst und Deutschland hinaus ein vielbeachtetes Thema. Das Rathaus bekommt täglich zahlreiche Medienanfragen, weit mehr als zu den Zeiten, da Sarah Connor sich in den Musik-Charts emporarbeitete.

Und was es nicht alles in diesen zwei aufrüttelnden Monaten gab, die sich vor allem um die Frage drehten: „Wie bekommen wir schnellstmöglich die Millionen Euro zusammen, um vor dem Neonazi Rieger das Hotel zu kaufen?“ Auf Internetseiten wurden täglich Dutzende Frontverlaufsmeldungen veröffentlicht, Unterstützungsunterschriften gesammelt und der aktuelle Kontostand der Spenden „von zu erreichenden 3,4 Millionen Euro“ in Zweistundenintervallen aktualisiert. Die Form ähnelte einer Kriegsberichterstattung zwischen Aufstellung eines Freiwilligenheeres und moralisierenden Kampagnen wie „Gold gab ich für Eisen“. Während etwa der Arbeitslose mit Adelstitel Udo von S. ein Notopfer von 8 Euro erbrachte und das Rentnerehepaar Helga und Rudolf R. 1000 Euro überwiesen, griffen viele Vereine tiefer in die Tasche. Der angenehme Nebeneffekt des Sommerhilfswerks war die Herausbildung eines solidarischen Gemeinschaftsbewußtseins gegen die braune Bedrohung.

So fanden Lesungen in der Volkshochschule „Delmenhorst unter dem Hakenkreuz“ statt, der Golfclub Oldenburger Land organisierte Benefiz-Turniere, der Gesangverein „Teutonia Delmenhorst“ Benefiz-Konzerte. Der „Verkauf von Buttons, Aufklebern und anderen Dingen zu Gunsten des Spendenkontos“ florierte, beim „Bücherflohmarkt gegen rechts in der Stadtbücherei“ wurden endlich die alterthümlichen Schriften ausgemistet. Ihren „Beitrag gegen die Übernahme des Hotels am Stadtpark durch rechtsextreme Kräfte“ leisteten auch die Musikgruppen „Duracell“ und „Low Rider“, deren „Mitglieder Menschen mit Behinderung“ sind und die „ihre rockige Seite unter Beweis“ stellten. Die Diakonie organisierte „Gulaschsuppe gegen rechts“, der CDU-Stadtbezirksverband „Grillen gegen rechts“ – allerdings wurden seinerzeit „für 200 Wüste noch Spender gesucht“. Ein Fleischermeister hatte eine ähnliche Geschäftsidee, sein sprachlich etwas kantiges Motto lautete: „Lieber braune Bratwürste als Braune in der Stadt.“ Ein Spruch, der allerdings auch von deutschtümelnden Negergegnern adaptiert werden könnte.

Es bildeten sich Zusammenschlüsse wie „Sportler sagen Nein“ oder „Muslime gegen rechts“. Der türkischstämmige Europaabgeordnete der BRD-Grünen, Cem Özdemir, setzte mit seinen Landsleuten Murat K. und Tamer S. in in der Frontstadt sein Zeichen: „Auch junge Türken demonstrierten gegen Nazis.“ Selbst die berühmteste Delmenhorsterin, Sarah Connor, hatte privat Geld auf das Treuhandkonto gespendet und der Jüdischen Gemeinde ihre goldene Schallplatte „From Sarah With Love“ für eine Versteigerung zur Verfügung gestellt. Als SPD und DGB des Kriegsbeginns am 1. September 1939 gedachten, verwoben sie das Hotel am Stadtpark in eine historische Dimension: „Die Massenmorde der Nazis seien auch Verpflichtung, den Verkauf des Hotels am Stadtpark an Jürgen Rieger zu verhindern.

Das Spendensammeln trieb bunteste Blüten: Unter den Losungen „Delmenhorster wollen ihre Stadt bunt und nicht braun“ oder „Frauen pflanzen bunt statt braun“ wurde der „Verkauf von Blumenzwiebeln à 1-Euro-Spende bei der AOK“ organisiert. Der landwirtschaftliche Betrieb Gut Dauelsberg verkaufte „Kartoffeln gegen rechts“, das Naturkostgeschäft „Natürlich – Der Bioladen“ hingegen „Bio-Tomaten gegen rechts“ mit dem Erfolg, daß einige Kunden für die roten Früchtchen freiwillig mehr zahlten. Doch auch bei der Aktion „Blumen gegen rechts“ sind manche Passanten „nach dem umgekehrten Schnäppchenprinzip verfahren: zwei bezahlen und eine Blume mitnehmen.“ Mit dem genderspezifischen Motto „Frauen wollen Delmenhorst bunt und nicht braun“ bekleckerten über 100 Frauen auf Anregung einer Delmenhorster Kunstwissenschaftlerin ein großes Tuch und drei stehende Plakate auf dem Rathausplatz: „Weil der Andrang so groß war, verzierten sie bei strahlendem Sonnenschein nicht nur ein großes Tuch beidseitig sondern bemalten zusätzlich drei stehende Plakate mit farbenfrohen Motiven.“ Sehr wichtig sei den Frauen „auch die Kommunkation untereinander gewesen, um mit der eigenen Angst nicht allein zustehen.

Die 47 mutigsten der 80.000 Delmenhorster hingegen bekannten öffentlich, daß sie gern in ihrer Stadt leben: „,Sich in die Liste der Unterstützer der Aktion Hotel am Stadtpark einzutragen ist mutig. Sich aber auf einem Plakat offen zu seiner Stadt zu bekennen, ist ein noch mutigerer Schritt.’ Das sagt der Fotokünstler Johann Peter Eickhorst. 47 Delmenhorster haben den Schritt gewagt, sich von ihm porträtieren lassen und sind jetzt im Stadtgebiet auf Plakatwänden und Aufstellern zu bewundern.“ Kein Mythos ohne Helden! Auch der Online-Flohmarkt Ebay konnte seine Umsätze steigern. So verkaufte der Fotokünstler Eickhorst sein signiertes Bild „Bistro 23“ im Format 30 x 45 Zentimeter zugunsten des Spendenkontos. Fünf Fußballtrikots schafften es bei Sportlerschweiß-Fetischisten auf immerhin 6722 Euro, allerdings handelte es sich beim Höchstbietenden „um einen so genannten ,Spaßbieter’, der nicht bereit war, die vereinbarte Summe zu überweisen.

Selbst eine Klagemauer wurde eingerichtet: „Wer seine Wut und Verärgerung über die Hotelkaufpläne des Nazi-Anwalts Jürgen Rieger loswerden will, der kann einen entsprechenden Zettel an einem Maschendrahtzaun befestigen.“ Dabei mußten die Klagemauer-Organisatoren allerdings auch Rückschläge inkauf nehmen: „In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag hatten Unbekannte das eben erst angebrachte Transparent und sämtliche Zettel entwendet.

Mit „Don Giovanni“ fand ein Klassik-Konzert in der Heilig-Geist-Kirche unter dem Motto „Klassik gegen Rechts“ statt, in welchem Sigrid Buschenlange auch das Clara-Schumann-Lied „Er ist gekommen in Sturm und Regen“ intonierte. Sturm und Regen kamen alsbald wirklich nach Delmenhorst und sorgten dafür, daß am Wahrzeichen der Stadt, dem Wasserturm, ein neues Transparent gegen rechts angebracht werden mußte: „,Keine Nazis in unserer Stadt’ steht nun auf dem gelben, jetzt reißfesten Plakat. … Ein erstes, kurz vor dem Kartoffelfest befestigtes 30-Meter-Transparent hatte lediglich 24 Stunden gehalten. Dann wurde es von stürmischen Böen fortgerissen.“ Besorgte Delmenhorster meinten daraufhin, „wenn das alte Schild von den stürmischen Böen fortgerissen wurde, dann sollte man unbedingt erst einmal ausdrücklich mit einem Schild vor den stürmischen Böen warnen.“

Man könnte das als Provinzposse abtun, in welcher Schildbürger eine nicht unmaßgebliche Rolle spielten.

Bei einer Schülerdemo setzten 3000 Schüler ein „eindrucksvolles Signal gegen rechts auf dem Rathausplatz. Schülervertreter, Tänzer, ein Rapper, eine Mutter und die Antifa machen auf der dk-Bühne Front gegen die braune Brut.“ Davon profitierte nicht nur eine amerikanische Frittenzentrale, sondern auch die Pädagogik: „Natürlich war es gestern auch ein guter Tag für McDonald’s am Markt. Und selbstverständlich freuten sich einige Delmenhorster Schüler, dass der Unterricht für sie zum Wochenschluss früher endete. … Anlässe wie der seit Wochen andauernde Streit um das Hotel am Stadtpark bieten hautnahen Unterrichtsstoff. Lehrkräfte, die es in dieser Zeit versäumen, das drohende braune Szenario wenigstens gelegentlich mit ihren Schülern anzusprechen und deren mögliche Furcht vor neonazistischen Strömungen auszuloten, verkennen ihren pädagogischen Auftrag.

Dafür war es im Delmenhorster Kreisblatt an der Zeit, die Recken der Antifa vorzustellen: „In der hiesigen Antifa, die zuletzt im April mit 140 Teilnehmern friedlich gegen ,rechte Strukturen in Bookholzberg’ demonstrierte, engagieren sich vor allem junge Leute. Sie werten radikale linke Politik als ,Basis der Lebensentfaltung’. Man kämpfe darum, ,nicht wehrloses Opfer zu sein’. Es gelte, ,das eigene Verhalten – mit dem Bewusstsein des Scheiterns – politisch zu hinterfragen und an den eigenen Träumen zu messen’. Das Vermummen sei mitunter nötig, um im privaten Bereich nicht bedroht zu werden. ,(R)Aid’ stehe für regionale Hilfe und nicht etwa für das englische ,Raid’, das ,Überfall’ bedeutet.“ Welch Chorknaben!

Wie gerufen kam dann endlich auch wirklich die erste Nazi-Bedrohung. Im Internet tauchte die Liste mit den 4600 Unterstützerunterschriften der Aktion „Für Delmenhorst“ auf, „in der diese als ,Volksverräter’ diffamiert werden. Im Vorspann ist zu lesen: ,Wer kein Volksverräter mehr sein will, wird gebeten sich per e-Post zu melden, damit wir dem Reichsgericht Mitteilung darüber machen können, das ein Gnadengesuch der betreffenden Person eingegangen ist, um diese Person zu entstalinisieren.’“ Zwar tauchten in den Online-Unterstützerlisten auch Personen wie Adolf Hitler oder Horst Horstenhorst auf, doch zumindest ersterer wurde von den Unterschriftensammlern bereits vor der Nazi-Okkupation gelöscht, während unbekannt ist, ob Horst Horstenhorst aus Delmenhorst mittlerweile ein Gnadengesuch beim Reichsgericht eingereicht hat. Auf der Liste ist er als Nummer 788 zumindest noch immer.

In all dem Nazi-Freudentaumel gab es auch einige wenige nüchterne Stimmen. So gab der italienische Gaststättenbetreiber Miccoli nicht viel auf Riegers vollmundige Verlautbarungen, die Schrottimmobilie zu kaufen. „Der Name des Nazi-Anwalts sei doch nur ins Spiel gebracht worden, um den Kaufpreis in die Höhe zu treiben. ,Solche Geschichten kenne ich aus Italien’, sagt Miccoli und winkt lachend ab.

Die Nationaldemokratische Partei (NPD) in Jena bot zu dieser Zeit verkaufswilligen Immobilienbesitzern einen Komplettservice an. „Unter der Überschrift ,Neues vom Immobilienmarkt’ schreibt sie in ihrem Internet-Auftritt, sie biete ,in Zukunft einen neuen Service für den/die Bürger/innen der Stadt Jena an, die ihre Immobilien verkaufen möchten. Gegen Zahlung einer Parteispende stellen wir Ihnen schriftlich aus, ein gesteigertes Interesse am Erwerb Ihrer Immobilie zu haben. Ebenfalls in diesem Service enthalten ist eine Pressemitteilung an die örtliche Lokalpresse.’ Erfolg sei so vorprogrammiert: ,Damit haben Sie beste Chancen, dass Ihre Immobilie zu Höchstpreisen von der Stadt Jena aufgekauft wird (keine Gewähr oder Spendenrückgabe bei Nichterfolg).’“ Ebenfalls zu dieser Zeit häuften sich „schriftliche Angebote in der Kanzlei des rechtsextremen Anwalts Jürgen Rieger“, in welchen diesem „zurzeit unter anderem ein ehemaliges Bundeswehr-Casino, ein Hotel in München und ein Müttergenesungswerk aus dem Dritten Reich angeboten“ wurden.

Doch Rieger bekam sein Neonazi-Schulungshotel in Delmenhorst nicht. Die fleißigen Delmenhorster sammelten 944.751 Euro, die Stadt legte knapp anderthalb Millionen dazu und kaufte das Objekt für 2,4 Millionen Euro. „Wir haben die Nazis besiegt“, verkündete Oberbürgermeister Patrick de La Lanne stolz.

Jetzt, zweieinhalb Jahre später, wird das Hotel abgerissen. Die Stadt konnte mit der Schrottimmobilie nichts anfangen. „Ein Spezialbagger aus Süddeutschland ,knabbert’ Stück für Stück am früheren 200-Betten-Haus. Der Abriss dauert voraussichtlich bis Mitte April.“ Einer der damaligen Nazihype-Aktivisten beschreibt den emotionalen Sturz, den Delmenhorst erlebt hat: „Von der Freude darüber, keine Neonazis in der Stadt zu haben, bis zur Enttäuschung, dass das Engagement der Bürger erlahmt ist. Versunken im Bermudadreieck aus unwilliger Stadtverwaltung, zersplittertem Stadtrat und ineffizienten Projektgruppen.

Nun ist Delmenhorst wieder so tot wie in seinen 750 Jahren zuvor. Dabei hatte noch während des Heldenkampfes der Stadt der SPD-Politiker Sebastian Edathy seine Unterstützung für die Zeit „nach Rieger“ angekündigt. Und der Vorsitzende der Delmenhorster Universitätsgesellschaft, Dr. Christian Glaß, war sich sicher: „Die Synergien, die bereits entstanden sind, werden auch für die Zeit nach einem verhinderten Verkauf des Hotels an den rechtsextremen Anwalt Jürgen Rieger weiter bestehen.

Der Frust in der Bevölkerung sitzt tief“, sagt jedoch der Gründer der Bürgerinitiative „Für Delmenhorst“, ohne die es „die knappe Million Euro Spenden nicht gegeben hätte. ,Wenn Rieger jetzt noch einmal käme, würde keiner mehr etwas machen.’

Nach dem Abriß wird an der Stelle eine Grünfläche entstehen und Gras über die Sache wachsen. Ob „der rechtsextreme Hamburger Anwalt Jürgen Rieger” eine Provision vom Verkäufer erhielt – wer weiß das schon. Vielleicht waren dem Millionär jene 944.751 Euro, welche der Arbeitslose Udo von S., das Rentnerehepaar Helga und Rudolf R., die Blumen-, Tomaten- und Bratwurstkäufer und viele andere Delmenhorster im „Kampf gegen rechts” spendeten, gerade gut genug.

delmenhorst_mutgesichter

Continue reading

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 205 Followern an