Gendersexismus

Aus jenen Vorfällen heraus, bei welchen im Berliner Casinius-Kolleg Jesuitenlehrer „sexuellen Mißbrauch“ an ihren Schülern begangen haben sollen, entspann sich im und um das „AutorInnenkollektiv Dr. Hilde Benjamin“ eine revolutionäre Diskussion über die politische Deutung aus Sicht des gefestigten Klassenstandpunktes. Dieser Diskurs der fortschrittlichsten Elemente unserer noch in bornierten Schemata verhafteten Gesellschaft soll Strukturen aufbrechen, die das Grundelement der Unterdrückung von Lebewesen und NichtlebewesInnen darstellen, und wird von uns aus diesem Grunde den Werktätigen und NichtwerktätigInnen zur geistigen Erfrischung zusammengefaßt dargeboten.

So argumentiert das AutorInnenkollektiv, „dass die heuchlerische bürgerliche sexualmoral des systems kirche es ist, was zu den übergriffen ihrer mitbrüder“ führe und prognostiziert nach dem Verbot des „sexualrepressiven zölibates“: „Die befreiung zur befriedigung eines bedrüfnisses beugt schlimmeren kompensationshandlungen vor, die straftaten wären.

Hier stellt sich für weltanschaulich aufgeklärte MitbürgerInnen allerdings die Frage, ob als „Straftaten“ definierte Taten nicht selbst einer „heuchlerischen bürgerlichen rechtsmoral des systems bürgertum“ entstammen und die ausführenden „Straf“-Täter zudem diskriminieren.

Das Problem der Diskriminierung ist denn auch Diskussionsgegenstand zwischen dem wissenschaftlich-marxistischen AutorInnenkollektiv (Harry Tisch, Steinzeitmarxist und politbuerokrat) sowie den pragmatisch-antidiskriministischen AutorInnen von netzwerkrecherche.

GenossIn Harry Tisch vermeldete zunächst zwei weitere Exzesse aus der klerikalfaschistischen Szene. So seien die „knabenschändungen nur die spitze des eisberges“, das AutorInnenkollektiv sei „da an zwei sachen dran, die schon lange von der katholischen kirche vertuscht werden“:

zwei rauhaardackel aus dem katholischen tierheim im oberpfälzischen groschlattengrün zeigten auffälligkeiten, als sie ihre ausbildung zum grubenhund für saarländische zechen antreten sollten. wir vermuten zoophile exzesse.

und auch in der aufbahrungshalle des kirchlichen bestattungsinstituts in hundeluft (lkr. wittenberg) soll sich ein nekrophilieskandal zugetragen haben. leider schweigt das mutmaßliche opfer beharrlich. die genossin dr. hilde benjamin hätte in einem solchen fall unbeirrbar gehandelt und nach dem rechtsgeschichtlichen vorbild der leichensynode von 897 das opfer zur zeugenaussage bewegt!

Beschämt und betroffen darüber, daß zwischen der notwendigen Aufklärung über das faschistische Milieu auch Tendenzen einer Sexualmoral mitschwingen, die eines fortschrittlichen GenossIn unwürdig sind, antworteten wir im Sinne der Befreiung der Mensch_innenheit und ihrer Fortschreitung zur Glückseligkeit:

Sehr geehrter Genosse Harry, der progressive Schritt zum Kommunismus, die Postulierung der Gleichheit, wird sich dorthin bewegen, daß MenschInnen auch mit TierInnen intensivere Liebesbeziehungen aufbauen dürfen.

Allerdings … wird auch diese Diskriminierung der Nichtgeliebten durch sich liebende Zweier- und Dreierpärchen dereinst beendet.

In der glücklichen kommunistischen Endgesellschaft liebt sich jedes mit allem, wo und wann es gerade Lust hat.

Aus der Fragestellung heraus, welcher Doppelname als Nachname dann noch zutreffend wäre, ergab sich die Zielvorstellung, den Menschen von seiner belastenden traditionalistisch-faschistischen Vorprägung auch in dieser Hinsicht zu befreien:

Warum soll Transgender Müller, nur weil er/sie heute eine Ziege liebt, heiraten müssen und HerrIn Müller-Ziege heißen?

Wo morgen doch vielleicht schon wieder ein/e SchweinIn oder ein/e HuhnIn der geliebte Partner ist.

Deswegen ist in der kommunistischen Gesellschaft der Strichcode zur individuellen Personifizierung aller Lebewesen ausreichend, wobei darauf geachtet werden sollte, daß niemand mit zuvielen dicken Strichen diskriminiert wird.

GenossIn Steinzeitmarxist:

… nicht nur das elterliche erziehungsrecht, sondern auch das recht der eltern, einem kind namen zu geben, ist ein erzreaktionäres ärgernis auf dem weg zu einer befreiten gesellschaft.

alleine schon dadurch, dass eltern ihr kind “franz”, “mordechai” oder “mohammed” nennen dürfen, drücken sie ihm einen stempel auf, der sie des aberglaubens verdächtig macht.

aus diesem grunde ist die idee mit dem strichcode die ideale lösung, um menschen identifizierbar zu erhalten. zahlencodes alleine wären immer noch missbrauchsanfällig, da zb nazis mit ihnen arbeiten.

GenossIn Harry Tisch verweist darauf, „dass mensch nur eine abart des tieres ist“ und es somit „für die kriminalisierung und ausgrenzung zoophiler keinerlei rational haltbare begründung“ gäbe. Weiterhin seien auch die Nekrophilen rechtlich gleichzustellen:

wir sollten auch den kampf gegen die diskriminierung nekrophiler intensivieren. sie dürfen derzeit nicht nur nicht heiraten oder eine eingetragene lebenspartnerschaft eingehen, sondern haben auch keinen anspruch auf gesetzliche witwenrente. aus meiner sicht ein skandal.

andererseits wird am ende die witwenrente aller für alle stehen, wenn die kommunistische gesellschaft verwirklicht ist. denn wenn die freie sexualität herrscht und die ausbeutung beseitigt ist, bildet das gemeinvermögen die grundlage für die witwenrentenansprüche aller gegen alle.

Daß dieses Denken noch spätkapitalistischen Kategorien verhaftet ist, mußten wir klarstellen:

Genosse, warum Witwenrente als Relikt kapitalistischer Versorgungsversprechen?

Der Kommunismus benötigt weder Geld noch Ausbeutung. Alle LebewesInnen, auch WitwInnen, gehen frei und wann sie wollen in den Konsum oder ins Magasin und nehmen sich, was sie für das glückliche Leben wünschen.

Und in Richtung des GenossIn Steinzeitmarxist:

Auch mit Strichcodes könnte Diskriminierung betrieben werden, etwa wenn ein/e LebewesIn mehr Striche hätte als ein/e andere/r.

Eltern?

Fort-Pflanzung ist ein reaktionäres Relikt, das die MenschInnenheit auf ihrem Weg zum Fort-Schritt immer wieder behindert und zurückgeworfen hat. Schon aus Gründen der ungerechten Bevorteilung heterosexueller und damit der Diskriminierung anderweitiger PartnerInnenschaften muß menschliche Fortpflanzung abgeschafft und in die Hände des kommunistischen Gemeinwesens gelegt werden, wobei die Gentechnik neue Möglichkeiten eröffnet:

Damit es keine Diskriminierung durch den Phänotyp gibt, sollten die Gene aller LebewesInnen zu einem Brei verrührt und daraus das glückliche LebewesIn der kommunistischen Zukunft geschaffen werden: geschlechtslos, impotent, grau und debil.

Verweist GenossIn politbuerokrat noch darauf, daß das Diskriminierungspotential von Strichcodes bei Zebras erforscht werden könnte, so hält GenossIn Harry Tisch noch einmal fest, daß es gemeinsame Ahnenketten von Menschen und Affen bzw. von Menschen und Pferden geben müßte, wie das Vorkommen von Nazis bzw. von Jessica Parker naheläge.

Bei der visionären Fortschreitung des Fortschrittes waren sich das AutorInnenkollektiv und netzwerkrecherche insoweit einig, daß Liebe kein Verfügungsmittel einiger weniger Menschen sein darf, welche die Definitionshoheit über den Begriff der Liebe innehaben und ihre Umsetzung reglementieren, und auch nicht ungerecht verteilt sein darf, sondern allen LebewesInnen frei, gleichmäßig und kostenlos zur Verfügung stehen muß. Allerdings würden noch Defizite bei der praktischen Umsetzung der liebokratischen Weltrevolution bestehen:

Erschütternd ist hingegen, daß man im Land des einstigen geistigen und technologischen Fortschrittes die Gleichheit aller Menschen zu leugnen beginnt. Damit katapultiert sich die Sowjetunion ins tiefste Mittelalter zwischen Rasse-Günther und Nazi-Rieger!

Es steht zu befürchten, daß die ethnogenderkommunistische Weltrevolution diesmal nicht in Leningrad, sondern in Merkelmania (ehem. Berlin) ihren fulminanten Siegeszug beginnen muß.

Vor allem die MenschInnen im Orient lechzen regelrecht nach der Befreiung aus den traditionalfaschistischsexistischen Fesseln und wünschen sich nichts sehnlicher als transgenderische Beziehungen.

PS: Die “Kommission für eine gerechte Sprache ohne Diskriminierung” sucht noch nach einer Alternative zum Begriff “Transgender”, in welchem auch nekrophile, sodomitische, pädophile, transphänotypische usw. Liebesbeziehungen eingeschlossen sind.

Hier versprach das AutorInnenkollektiv Unterstützung. GenossIn Harry Tisch wandte allerdings ein:

…eine zu sehr auf die phänotypische gleichheit bedachte betrachtungsweise vernachlässigt und diskriminiert formen der sexuellen zuneigung, die sich abseits jener zu organismen und damit sich regender materie verorten. wollen wir wirklich ein unwerturteil fällen oder in reaktionär-regressiver intoleranz verharren gegenüber menschinnen, die sich zu nicht organischer materie hingezogen fühlen, sondern stattdessen etwa zu haushaltsgeräten, gebäudebestandteilen, kleindungsstücken oder gerüchen?

was wir brauchen, ist umfassendes “state of aggregation mainstreaming”. keine materie soll mehr auf grund ihres aggregatzustandes vor- oder nachteile haben. vor dem urknall war diese form der gleichheit auch verwirklicht und das kann nur bedeuten, dass die segregation zwischen den unterschiedlichen erscheinungsformen der materie doch auch nur ein vorgriff auf sündenfall der erfindung des privateigentums und damit der ausbeutung des menschen durch den menschen sein kann.

GenossIn Steinzeitmarxist fügte hinzu

… was einen der schlimmsten skandale im heutigen spätkapitalismus darstellt und aus meiner sicht zurzeit noch aktueller, ist die kriminalisierung der anthropophagen sexualität – einer alternativen lebensweise, die gleich zwei der großen menschheitsprobleme auf einmal bekämpft: den hunger in der welt und die überbevölkerung.

Die gesamte Arbeiterklasse und alle NichtwerktätigInnen in Stadt und Land können also hoffen, daß ihre Befreiung vom Joch der unzumutbaren spätkapitalistischen Sexualzustände zügig vonstatten geht, auch wenn die in geschichtlich längst überkommenen Parteibünden organisierten Erzreaktionäre der Sozialisten, Grünen und Liberalen ihr Ablenkungsmanöver des Gendermainstreamings dazu mißbrauchen, den Unterdrückten revolutionären Fortschritt vorzugaukeln, um in Wahrheit jedoch durch die einseitige Bevorteilung jede Liebes- und Lebensform zu diskriminieren, die sich außerhalb des engen Rahmens genderneutraler Entfaltungsmöglichkeiten bewegt.

Zwischen Marktkapitalismus und Staatssozialismus

Die Praxis ist schlimmer, als wir uns je in der DDR theoretisch ausmalen konnten.“ [1]
Dr. h.c. Edgar Most, Banker, über den Kapitalismus


finanzkrise_boerse

Dr. Edgar Most war bis zum Ende der DDR Vizepräsident der Staatsbank. Die wurde nach dem Zusammenbruch der DDR von der Deutschen Bank übernommen, in der er seine Karriere als Direktor und Vorstandsmitglied fortsetzte.“ Ein interessantes Interview mit ihm „über die Fehler und Tricksereien Honeckers, die Kolonialisierung der DDR und darüber, wer Treuhand-Chef Rohwedder ermordet haben könnte“, veröffentlichte letzte Woche die Junge Welt [2]. Auszüge zum Anlesen, den gesamten Text findet man hier:

… Allerdings gab es so etwas wie einen gefühlten Bankrott der DDR-Gesellschaft. … Wir hatten Riesenprobleme, so daß man sagen kann, daß wir in der DDR die heutige Finanz- und Wirtschaftskrise schon vorgelebt haben. …

Die materiell-technische Basis in der späteren DDR hatte bei Kriegsende nur etwa 50 Prozent des Niveaus im Westen. Für den gab es dann den Marshall-Plan – der Osten hingegen mußte die Reparationen tragen, im Wert von über 80 Milliarden DM. Über tausend Betriebe wurden abgebaut und in die Sowjetunion transportiert. …

Leider waren wir von Entscheidungen abhängig, die in Moskau getroffen wurden. … Unter dem Strich waren sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik Spielbälle der Großmächte. …

DDR-Wirtschaftssekretär Erich Apel hatte mit Rückendeckung durch Walter Ulbricht in den 60er Jahren versucht, das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung (NÖS) einzuführen. Das wäre auf eine sozialistische Marktwirtschaft hinausgelaufen, auf die Dominanz von Wertkategorien. Im Rahmen des NÖS wäre es durchaus möglich gewesen, daß auch sozialistische Betriebe Konkurs anmelden oder daß der Arbeitsmarkt flexibler gestaltet wird – d. h., wir hätten auch mal mit einer Arbeitslosenrate von einem Prozent leben müssen. Nachdem Moskau interveniert und Apel 1965 Selbstmord begangen hatte, wurden alle Ansätze dazu allmählich zurückgefahren. …

Ich habe viele Gespräche mit dem damaligen Treuhandchef Detlef Carsten Rohwedder geführt, der davon ausging, daß 70 bis 80 Prozent der DDR-Betriebe erhalten werden können. Uns war natürlich klar, daß einige Betriebe dabei durch den Rost fallen. Nach der Ermordung Rohwedders am 1. April 1990 trat Birgit Breuel an seine Stelle – und der Verwaltungsrat der Treuhand beschloß umgehend, die DDR-Wirtschaft in nur drei Jahren abzuwickeln. Auf diese Weise wurden die DDR-Bürger buchstäblich um ihr Vermögen beklaut. … Das war weder die RAF noch die Stasi, wie ein WDR-Film suggerierte. Ich glaube eher, daß ein ausländischer Geheimdienst dahinter steckte. Der Geheimdienst eines Landes, das für seine Unternehmen den Markt DDR haben wollte. … Da müßte man mal jenseits des Atlantiks nachschauen, die CIA käme in Frage. Diesem Geheimdienst würde ich so etwas durchaus zutrauen, nach dem, was er in Chile alles angestellt hat. Aber das ist jetzt nur eine Vermutung, ich kann das nicht beweisen. …

Das Resultat ist, daß die politische Vereinigung zwar gelungen ist, die wirtschaftliche aber in einer Katastrophe geendet ist. Die DDR-Bevölkerung ist nach allen Regeln der Kunst verschaukelt worden. Vor dem Mauerbau sind drei Millionen Menschen abgehauen und nach dem Mauerfall noch einmal drei Millionen. Der Osten verarmt, vergreist und verdummt. …

Das Problem ist ja, daß weder der Markt, noch das Geld oder das Kapital eine soziale Komponente haben. Wenn ich diesen dreien freien Lauf lasse, geht die Gesellschaft vor die Hunde. Das haben wir mit nach dem Zusammenbruch der DDR erlebt, die gleiche Erfahrung machen wir jetzt mit der globalen Finanzkrise.

Im Grundgesetz steht, daß Eigentum verpflichtet – das muß dann auch für Kapitalgesellschaften gelten. … Im Grundgesetz steht auch, daß es im Falle einer Wiedervereinigung zu überarbeiten ist. So heißt es auch im Einigungsvertrag. Aber es wurde dann eine kleine Kommission einberufen, die hat für das ganze Volk entschieden, daß eine neue Verfassung gar nicht nötig ist. Das ist bis heute eine offene Flanke. …

Seitdem nach dem Vietnamkrieg die Goldbindung des Dollar abgeschafft wurde, ist die weltweite Finanzwirtschaft um das 35fache gewachsen, die Realwirtschaft aber nur um das 13fache. Wenn wir konsequent wären, müßten zwei Drittel des Kapitals abgewertet oder enteignet werden – was politisch nicht durchsetzbar ist. Zur Zeit ist es undenkbar, Marx und Engels zu folgen und den Kapitalismus abzuschaffen. …

Wir brauchen eine sozialistische Marktwirtschaft, einen dritten Weg. Der Marktkapitalismus hat versagt, ebenso der Staatssozialismus. Markt und Staat müssen zum Wohle der Menschen zusammengebracht, der Dollar muß als Leitwährung abgeschafft werden. Wir brauchen eine fiktive Weltwährung. …

Wir leben heute in einer globalen Welt. Nationen gibt es nur noch, um die Gesellschaften zusammenzuhalten. Geld und Kapital aber haben keine Heimat und kennen keine Grenzen.

Neben den wirtschaftshistorischen Auslassungen sind auch die aktuellen wirtschaftspolitischen Ansichten Edgar Mosts in der tageszeitung [3] spannend:

Daß wir auf eine Krise zusteuern, war jedem klar, der sich mit Zahlen auskennt. Schließlich wuchs die Geldmenge in der Welt ungleich stärker als die Realwirtschaft – aus vielen Gründen. Zu ihnen gehört die Entfesselung des Kapitalismus nach 1989. …

Als die Mauer fiel, bedeutete das mehr als nur den Zusammenbruch der DDR. So lange es zwei Weltsysteme und einen Wettbewerb zwischen ihnen gab, zügelte sich der Kapitalismus auch ein Stück selbst, weil er sich als das bessere System beweisen wollte. Nach dem Niedergang des Ostblocks wurde die ganze Welt auf den Kopf gestellt, auch in der Wirtschaft und im Finanzwesen existierten keine Grenzen mehr. Deshalb ist der Kapitalismus so negativ ausgeufert. …

Der Kapitalismus wird sich als reformfähig erweisen. Die Frage ist, wie viele Gewinner und Verlierer es gibt. Man kann eine Menge ändern, aber nicht so, wie es die Politiker jetzt tun. Wenn ich mir etwa das Konjunkturprogramm anschaue, weiß ich nicht, wie wir gestärkt aus der Krise herausgehen sollen. …

Ich bin für Marktwirtschaft, aber es gibt Prioritäten, bei denen ich mich nicht von Ordnungsprinzipien leiten lassen kann. Der Staat ist als Erstes für den Bürger da und danach für die privaten Kapitalgeber. … Wohin das mit dem freien Kapitalismus geht, konnte man ja schon 1990 bei der DDR sehen. Deren Industrie hat der Markt wegrationalisiert, nachdem die Politik dem Treuhandchef Rohwedder untersagte, erst zu sanieren und dann zu privatisieren. Das ist der falsche Markt, der falsche Kapitalismus. …

Der Staat muss die Kontrolle der Finanzmärkte und die Austrocknung der Schattenbankwirtschaft organisieren. Der Staatssozialismus hatte ja versagt, weil er überreguliert war, und der Marktkapitalismus, weil er unterreguliert war. Die Alternative kann nicht sein, den Markt oder den Staat abzuschaffen, sondern die Proportionen zwischen Markt und Staat neu zu gestalten, auf nationaler und internationaler Ebene. Wir brauchen gravierende Veränderungen. …

Viele Kapitaleigner schauen heute nur noch auf den maximalen Gewinn. Die soziale Verpflichtung des Unternehmertums interessiert die nicht, das habe ich als Mitglied in diversen Aufsichtsräten selbst erlebt. …

Zweimal in meinem Leben hat ein System mir beweisen wollen, dass es das einzig richtige ist. Letztlich habe ich mich immer auf meinen eigenen Kopf verlassen. …

Das Geld beschreibt ja nur den Wert einer Sache. Das Problem ist der Zins – das Schmiermittel und Krebsgeschwür der Gesellschaft, wie Marx erkannte. Der Zins ist ein Grund, warum viele arme Länder nicht aus der Schuldenfalle herauskommen und warum unsere Wirtschaft so sehr auf Wachstum ausgerichtet ist. Um dem Zinswucher zu entgehen, entstehen heute immer mehr den Euro ergänzende Währungssysteme. In 30 Gebieten in Deutschland gibt es die inzwischen, zum Beispiel Rheingold in Düsseldorf. Durch die Verankerung in der lokalen Realwirtschaft sind diese komplementären Währungssysteme relativ krisenresistent. Das ist ein spannendes Thema, zu dem es schon zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten gibt und das nach meiner Ansicht viel stärker praktisch erforscht werden müsste.

Die Darlegungen sind zwar nicht neu, daß sie aber so offen geäußert werden, ist selten geworden.

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Bilderstürmen gegen rechts in Karl-Marx-Stadt

Bilderstürmer wollen einen neuen Glauben predigen.“ [1]
Johann Wolfgang von Goethe


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Als Mullah Mohammed Omar mit Hilfe seiner Taliban im Jahr 1998 die Buddha-Statuen von Bamiyan sprengen ließ, weil menschliche Darstellungen islamische Gefühle verletzten, konnte er noch nicht ahnen, daß seine bundesdeutschen Brüder und Schwestern im Geiste gute 10 Jahre später ebenfalls bewaffnete Einheiten aussenden würden, um in deren Schutze Bildwerke zu vernichten. Während im Tal von Bamiyan nunmehr leere Felshöhlen vom Kampf der Gerechten gegen die Verhöhnung des Islam künden, zeigt die weißgetünchte Wand einer Berufsschule in der Kulturmetropole Chemnitz (bis 1989 Karl-Marx-Stadt), wie innovativ der Kampf der Antifaschisten gegen das Wandbild des jungen Künstlers Benjamin Jahn Zschocke ist, welcher des Rechts-Seins verdächtigt wird.

Zwar hatten sich die Schulleitung als auch die Schüler des Beruflichen Schulzentrums „eindeutig hinter den Maler gestellt und für den Erhalt seines Wandgemäldes plädiert“, doch die Stadtverwaltung setzte die Vernichtung des Bildes durch. Dabei war das Kunstwerk vor seiner Erstellung im Juli und August 2008 „ein Jahr lang mit allen Gremien der Schule und den rund 1000 Schülern diskutiert worden. Eltern, Lehrer und Schüler hatten keine Einwände gegen das Vorhaben, der Förderverein der Schule schloss daraufhin einen Vertrag mit dem Künstler ab.“ [2] Doch als der Schulleiter die Einladungen zur feierlichen Einweihung des Bildes aussandte, „schlugen die Stadträte von Linken und Grünen Alarm. Der Schulleiter musste die Einweihung absagen, stattdessen wurde das Bild mit alten Tapetenbahnen verhängt.

Das Bild wurde daraufhin von einem Verfassungsschützer vergeblich nach möglicherweise verbotenen Symbolen untersucht, „auch ein Auschwitz-Überlebender aus Chemnitz, der sich Anfang März auf Bitten von Bürgermeister Brehm das Bild anschaute, fand nichts auszusetzen. Dafür aber meldeten Rechtsextremismus-Experten Bedenken an. Sie wiesen auf ein winziges Kuppelkreuz auf einem der Gebäude hin, das einem keltischen Symbol ähnele, wie es Neonazis der ,White Aryans’ aus den USA benutzen. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um das Originalkreuz, wie es auf alten Fotografien zu erkennen ist. Solche Kreuze stehen noch heute auf anderen Chemnitzer Kirchen. Zweifelhaft fanden die Experten auch die im Bild grau gestalteten Gebäuden, die im Krieg zerstört worden waren. Hiermit könne Zschocke auf die Bombenangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg anspielen wollen, die Chemnitz am 5. März 1945 schwer zerstört hatten, argumentierten sie.“ Das ansonsten recht farbenfrohe Bild mußte also verschwinden.

Die Betonwand wurde nicht gesprengt, wie bei den Taliban. Sie wurde lediglich übermalt, entsprechend der Parole „Bunt statt braun“ in unschuldigstem Weiß. Während einige Delinquenten, die auf dem Schulhof für den Erhalt des Werkes demonstrierten, in Handschellen abgeführt wurden, verrichtete die Malerfirma am 17. April unter Polizeischutz ihre symbolische Kulturtat. Für Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) war die Kunstvernichtung auch ein Akt der Zivilcourage: „Ich finde die Entscheidung, das Bild zu übermalen, absolut richtig. Es geht darum Courage zu zeigen.“ [3]

Herausragend bei der Organisation des Bildersturmes war Petra Zais, die 1977 in die SED eintrat und über sich selbst mitteilt: „Als Assistentin und spätere Lehrerin am Lehrstuhl Politische Ökonomie der Bezirksparteischule der SED in Mittweida gehörte ich bis 1989 zu den ideologischen Stützen des politischen Systems der DDR.“ [4]. 1992 wechselte sie von der SED-PDS zu den Grünen und ist im „Kulturbüro Sachsen e.V.“ tätig. Diese altgediente KaderIn der Deutschen Demokratischen Republik zeigt sich heute besorgt wegen des unverschämten Eingriffs oppositioneller Klientel in die eigene Kulturhoheit und stellte fest, daß in Schulen keine Kunst hängen dürfe „von Leuten, die unsere freiheitliche Gesellschaft ablehnen“. [5] Der Künstler selbst sagt zwar: „Natürlich stehe ich hinter der Freiheitlich Demokratischen Grundordnung. Das ist für mich überhaupt keine Frage.“ [6], doch reicht das noch lange nicht, um seine Werke vor amtlich angeordneter Zerstörung zu schützen. Er hat sich als ehemaliger Buschenschafter und Schreibkraft von „Pro Chemnitz/DSU“ zu unterwerfen, öffentlich abzuschwören. Die christliche Formel für solch einen kathartischen Prozeß lautet: Verfehlung – Bekenntnis – Reue – Vergebung.

Die Reste der Buddha-Statuen von Bamiyan liegen vor den Nischen der Felsen. Niemand weiß, ob die Figuren wieder aufgebaut werden. „Eine Restaurierung könnte die Skulpturen auch als Kulturdenkmal erhalten oder den Tourismus fördern. Andere Überlegungen gehen dahin, den Ort als Mahnmal menschlicher Barbarei so zu belassen, wie er ist.“ [7] Letztere Überlegung wäre auch für Chemnitz eine Option. Oder man schreibt auf die weißgetünchte Fläche in großen Lettern einfach nur „Kunst in Karl-Marx-Stadt“.

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