Singularität oder Beliebigkeit des Holocausts

Die Bedingung für eine geschichtliche Bewußtwerdung
setzt die Ausmerzung der subjektiven Informationsverzerrung voraus.
“ [1]
Jean-Francois Revel

tugendwaechterAuch wenn der Williamson-Emprörungshype schon wieder verklungen ist und die bundesdeutsche Mediengemeinde gerade kollektiv um die Amok-Opfer von Winnenden trauert, wollen wir den Blick dennoch einmal zurückwerfen. Denn die Entschuldigung des Pius-Bischofs Williamson für seine Äußerungen zum Holocaust kam bei Journalisten, die mit Empörungsthemen ihre Tantiemen verdienen, nicht gut an. Welt-Redakteur Thomas Schmid klärte beispielsweise darüber auf, wie man sich sogar bei einer Entschuldigung schuldig macht: „Es gibt Entschuldigungen, die alles nur noch schlimmer machen. Solch einer Entschuldigung hat sich soeben Bischof Richard Williamson von der Piusbruderschaft schuldig gemacht.“ [2]

Journalist Schmid empört sich über linguistische Stilistik, tritt dabei jedoch selbst ins politisch unkorrekte Fettnäpfchen: „Wie verquer es im Kopfe dieses Mannes zugehen muss, macht vor allem eine Wendung deutlich. Dort, wo er sich zu entschuldigen vorgibt, spricht er unter anderem von ,den Überlebenden und den Verwandten der Opfer der Ungerechtigkeit unter dem Dritten Reich’. Der gestelzten Sprache merkt man sofort an, wie sehr dem Autor die Geste zuwider ist: Die Sprache entgleitet ihm. Und dass Williamson selbst in diesem Schreiben noch die Unverschämtheit unterläuft, nur von ,Ungerechtigkeit’ (statt von Barbarei oder Massenmord) zu sprechen, verrät eine Gleichgültigkeit und eine Herzenskälte, die nicht nur bei Gottesmännern skandalös wäre.

Wer also in Bezügen zum Holocaust von „Ungerechtigkeit“ statt von „Barbarei“ oder „Massenmord“ spricht, betreibe aus „skandalöser Gleichgültigkeit“ eine „unverschämte Sprachentgleisung“. Diese Vorwürfe könnten ultraorthodoxe Sprach- und Tugendwächter dem Welt-Redakteur Thomas Schmid jedoch selbst entgegenhalten. Denn die Begriffe „Barbarei“ oder „Massenmord“ müßte man als viel zu beliebig erachten, um einer „Singularität der Shoah“ oder einer „Einzigartigkeit des Holocaust“ gerecht zu werden. Staatsanwälte könnten das auch als „Relativierung des Holocaust“ deuten.

Welt-Redakteur Thomas Schmid sollte sich also zusammenreißen, wenn er nicht auf einer immer unfertigen Liste deutschnationaler Journalisten auftauchen will.

……………………………………………..
[1] Jean-Francois Revel : „La connaissance inutile“, 1988
[2] Die Welt: „Williamsons Erklärung ist kalt und unverschämt“, 27.02.2009

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